genua-dabeigewesenbericht

emokackerin 10.08.2001 04:45 Themen: Globalisierung
untenstehender augenzeuginnenbericht über die verfluchten tage von genua hat mich auf verschlungenen pfaden erreicht mit der bitt ihn einer grösseren öffentlichkeit zugänglich zu machen. er ist sehr subjektiv und emotional gehalten. here it is.
ein kleines italienisches märchen:
mi. abend, die abfahrt unsres busses verzögert sich um drei stunden,im bus kann ich praktisch null pennen, an der ersten raststätte gleich ärger mit einer militanten truckerin: ich mal nur in den staub einer lkw-plane ein A, sie steigt aus, fängt an wild rumzuschreien, hält mich am arm fest, schreit weiter von wegen polizei und strafe blabla, haut mir eine rein und ich eine zurück.
nachdem ich ihr erkläre dass sie mich besser in ruhe lassen soll weil ich in begleitung von 50 randaliererinnen sei, will sie erst die busfahrerin sprechen, dann unser kennzeichen notieren und die bullen rufen. total crazy, aber
wir fahrn dann einfach weiter. die grenzen passieren wir recht locka, abgesehn von gepäck- und ausweiskontrolle, die italienischen cops behalten eine fahnenstange ein. do. nachmittax kommen wir in genau an, unser camp liegt in einme
park direkt am meer, sehr schön. wir beschliessen unser zelt erst nachts aufzubauen, da die migrantinnendemo bald anfängt.fahrt in die stadt zum convergence center, von dort aus marsch zum treffpunkt der demo. unterwex schon superviele fröhliche menschen, partystimmung, werbeplakate werden mit netten sprüchen verschönert. am versammlungsort spielt eine band lockere musik und macht party. wir laufen los und alles ist hippy-happy-bunt. ganz wenig bullen, ziemlich im hintergrund, alles bleibt friedlich. anstatt der erwarteten 15.000 sind 50.000 gekommen. als wir an einer langen reihe von eisernen hafencontainern vorbeikommen die das bullenquartier abschirmen, fängt eine an darauf
rumzutrommeln und wir machen einene höllenlärm und dazu wird noch geschrien und gesungen-nur geil.in einem langen tunnel machen wir la ola und rennen sinnlos rum und jubeln und feiern uns selbst- it really was the demo with the fetteste
stimmung i`ve ever seen. abens pizza-essen, wir warten todmüde geschlagene 1 1/2 std. auf unsre labbrige pizza während es draussen pisst und pisst und pisst und unser zelt nicht aufgebaut ist. nass kommen wir an unser ausserhalb gelegenes camp zurück und finden einen halbtrockenen schlafplatz unter einem vordach am meer. freitag morgen, direct action day: unsere 10-köpfige bezugsgruppe ist sich im unklaren, welcher protestform sie sich anschließen soll.
deswegen beschließen wir, erst mal zum anarcho-camp zu gehen, da wir dort jemanden treffen wollen. im camp angekommen, schauen wir staunend zu, wie sich die anwesenden vorbereiten: mit isomatten und rohren werden empfindliche
körperteile gepolstert, helme und gasmasken anprobiert, eisenstangen bereitgelegt.
ein mulmiges gefühl stellt sich bei uns ein und wir verlassen das camp in richtung eines marktplatzes, wo sich uns ein ähnliches bild bietet: steine werden zerkleinert, verkehrsschilder abmontiert, vermummungen angelegt: vorbereitungen auf eine schlacht. an zwei seiten des platzes stehen bullenhundertschaften, die jedoch nicht eingreifen. f. kriegt verständlicherweise
schiss und verzieht sich wieder zurück ins camp. dann geht es los, wir schliessen uns einem vorbeikommenden demozug an (wie im internet zu lesen war,handelt es sich wohl um den der italienischen basisgewerkschaften cobas), the riot
starts. fenster gehen zu bruch, müllcontainer werden angezündet, autos zerkratzt. die bullen sitzen uns direkt im nacken, teilweise trennen uns nur wenige meter von ihnen. nach ca. einer halben stunde kommen wir am konvergenzzentrum
an, der randalezug zerstreut sich, die bullen sind verschwunden. nach längerer suche treffen wir wieder auf einen mob, jetzt beginnt der richtige march of destruction. im gegensatz zu dem weitverbreiteten gerede von gewaltbereiten chaotinnen, bullenprovokateuren und bussen von italienischen faschos bietet sich uns ein ganz anderes bild von den beteiligten. zwar sind viele
tatsächlich schwarz gekleidet und vermummt, aber genauso sind auch unvermummte dabei, menschen die wie hippies aussehen, alternative, punks, frauen, ältere leute-eine bunte,heterogene mischung. 1 ½ stunden lang sehen wir nun keinen einzigen bullen, nur der hubschrauber kreist über uns. wir ziehen durch die strassen und schauen zu, wie in aller seelenruhe das panzerglas der banken splittert, deren pc`s zu wurfgeschossen umfunktioniert werden und im schalterraum feuer gelegt wird. mit brennenden müllcontainern werden barrikaden errichtet, autos (alle grossen, aber auch viele kleinwagen) gehen in flammen auf, sexshops werden verwüstet, eine filiale einer supermarktkette wird unter dem jubel der menge
geöffnet und die lebensmittel vergesellschaftet. hauswände und alles andere, auf das farbe auftragbar ist, werden mit politgraffiti a la "smash capitalism" oder "fight sexism" verziert. eine seltsame stimmung herrscht vor: einerseits macht es vielen richtig spass, einmal die ansonsten übermächtigen symbole des kapitalismus anzugreifen und zu zerstören, andererseits sind die leute aber auch angespannt und verwirrt ob des (nicht-) verhaltens der staatsmacht.
auf jeden fall war es eine geile erfahrung mal zu sehen was für energien entstehen wenn frau einfach mal tun und lassen kann was sie will ohne durch störende gesetzeshüterinnen eingeschränkt zu sein. an experience from outta space-
mit nix anderem bisher gesehenen vergelichbar. plötzlich und unerwartet tauchen dann wieder bullen in sichtweite auf, etwa 50 von ihnen stehen vor einer brücke. wir wollen uns gleich verdrücken, doch die randaliererinnen greifen die halbe hundertschaft mit wurfgeschossen an und schaffen es tatsächlich diese zu vertreiben. die carabinieris flüchten mit quietschenden reifen, eisenstangen knallen zum abschied auf ihre transporter. was für eine genugtuung-die bullen rennen vor uns weg wie die hasen.
jetzt erst hören wir die rufe aus dem gebäude vor dem die bullen standen- es ist ein knast. das wachhäuschen wird mit steinen eingedeckt, die holztür am eingang färbt sich unter dem einfluss einiger mollies schwarz und auch aus den fenstern
dringt nach einiger zeit qualm- der knast brennt, wie geil. wir entfernen uns und treffen auf ein friedliches fest von reformistischen g8-generinnnen an der piazza manin, wie ich später im i-net lese. eine band spielt fröhliche musik, leute, unter ihnen kleine kinder und ältere menschen, tanzen. wir entscheiden uns für eine kurze rast und beginnen, unsere wasserflaschen aufzufüllen. wie aus dem nichts fliegt auf einmal eine tränengasgranate in die menge- die bullen. eine panik bricht aus, die menschen rennen ziellos weg, noch mehr tränengas, ein alter opa bekommt eine granate an den kopf und fängt an zu bluten, das gas beisst, ich sehe keine meiner genossinnen mehr, einfach wegrennen. nach kurzer zeit bleiben wir wieder stehen, der gasnebel lichtet sich und ich treffe meine bezugsgruppe wieder, r. ist direkt ins gas gerannt und sieht vor lauter tränen nichts mehr, wir müssen ihn einige meter führen und können uns dann setzen. wir sind geschockt ob dieses überfalls, wieso machen die cops sowas? Schon jetzt entwickelt sich eine riesenwut über die uniformierten.
ohne konkretes ziel laufen wir weiter, kommen dabei nochmal an dem vorher geknackten supi-markt vorbei und decken uns mit freshen joghurts ein. gegen 16.30/17 uhr kommen wir zu den riots bei der stazione brignole, wo die bullen offensichtlich die tute bianchi/ ya basta gestoppt und angegriffen haben.
tränengas und steine fliegen in rauen mengen. der kampf wogt hin und her, kurz gewinnen die carabinieri an boden, dann stossen die demonstrantinnen wieder vor.
plötzlich starten die bullen eine offensive, sie fahren rücksichtslos mit räumpanzern in die menge und schiessen unzählige tränengasgranaten ab. sie treiben uns 1-2 km im tränengasnebel vor sich her bis zum stadion carligni.
währenddessen erklingen die ersten "assasini"-rufe, in die wir einstimmen ohne um deren bedeutung zu wissen. wir machen uns auf dem rückweg zum anarcha-camp und treffen auch hier lauter egdengelte banken und umgeschmissene müllcontainer an. erst am A-camp erfahren wir die gerüchte von toten, 2 oder gar 3, eine soll erschossen, eine andere von einer tränengasgranate am kopf getroffen worden sein. wir wissen nicht was wir von diesen geschichten halten sollen bis wir gegen 20 uhr auf dem heimweg zum schlafcamp eine junge frau treffen, die alleine unterwegs ist. sie erzählt uns dass einer ihrer freunde vor ihren augen erschossen wurde-carlo. ich kann nicht mehr, den ganzen
tag haben wir uns körperlich verausgabt, zerstörung und gewalt erlebt, und dann noch das... wut, leere, agression, frustration und depression treffen aufeinander und bilden ein unberechenbares, unbeschreibliches gemisch. ein mensch ist gestorben, hundert meter neben mir, ermordet worden, von den mir vorher schon so verhassten.
trotzdem muss es weitergehen, ich kann nicht einfach von hier verschwinden und so tun als ob nichts gewesen wäre. nachts hängen wir am strand ab und versuchen dort zu entspannen. erst am nächsten morgen erfahren wir mit relativer sicherheit, dass es wohl bei der einen toten geblieben ist. Gerüchte gehen rum, dass die grossdemo des heutigen tages verboten wurde.
jedenfalls fahren keine busse mehr und wir müssen die 1 ½ stunden ins zentrum zu fuss laufen. wir laufen an teilen der demo vorbei, alles scheint
friedlich, ewig viele leute mit fahnen und transpis, viele ältere und relativ bürgerlich aussehende. in der parallelstrasse stehen aber schon die bullen mit einem grossaufgebot bereit. als wir am convergence center ankommen, ist der riot schon im vollen gange. die "gewaltfreien" demonstrantinnen biegen kurz vor der
strassenschlacht in eine querstrasse ein, angst und panik steht ihnen ins gesicht geschrieben.
vermummte, von denen einige versuchen den steinenachschub zu organisieren, werden von ordnerinnen des genoa social forums teilweise mit gewalt, z.b. schlägen ins gesicht, am betreten des geländes des konvergenzzentrums gehindert.
schlagartig attackiert die polizei, tränengas überall, die militanten müssen sich unter dem bullenansturm zurückziehen und spätestens jetzt gibt es keine unterscheidung mehr zwischen friedlichen und gewaltbereiten protestierenden mehr. vor dem tränengas und dem knüppel sind alle gleich. eine unvorstellbare massenpanik entsteht, hitze, schreie, die namen von "bezugsgruppen"
werden gerufen, alle rennen um ihr leben. wir versuchen, wie vorher besprochen, eine 3
meter breite und 100 meter lange treppe hochzulaufen, tausende andere auch.
wir stecken praktisch fest auf der treppe, die die ganze zeit über mit tränengas beschossen wird, ich huste, mir ist unglaublich heiß, die bilder verschwimmen, ich habe panische angst ohnmächtig zu werden und von den nachdrängenden überrannt zu werden, wir sind immer noch im ätzenden tränengasnebel und schaffen es irgendwie, nach oben zu kommen. luft! alle da. grosser schock, grosse erleichterung. die grosse demo ist damit zersprengt in viele kleine teile. den ganzen tag über laufen wir kreuz und quer durch die innenstadt, irgendwann treffen wir auf einen mob der gerade neben einer kaputtierten
tankstelle brennende barrikaden errichtet. gerüchte von einer unmittelbar bevorstehenden einkesselung bringen uns dazu, von dort zu verschwinden. wir kommen an einer großen halle vorbei, wo an der gegenüberliegenden seite ein
strassenkampf tobt. ein mensch versucht über den von uns 50 meter entfernten zaun zu klettern und wird von 3 personen mit pistolen bedroht, sie schreien rum und sind offenbar kurz davor, abzudrücken. die klettererin zieht sich zurück. solche szenen, die normalerweise der schocker des jares wären, gehen hier in der flut des (gewalt-)flims fast völlig unter und kommen erst (tage) später wieder hoch. nach einem kurzen abstecher zum zu dieser zeit noch idyllisch daliegenden
indymedia-center treffen wir dann wieder am convergence center ein, wo wir den anderen teil
unserer bezugsgruppe wiederfinden. nach 2 stunden heimmarsch kommen wir völlig ausgepowert im camp an. wir hauen uns was zu essen rein und hüpfen ins meer.
als wir um 1.30 uhr zurück ans camp kommen, erhalten wir einen anruf. das stadion carlini und das indymediacenter seien geräumt worden, im fernsehen sei die rede von 3 toten. viele leute im camp sind noch wach, diskussionen setzen ein, angst dass die totschlägerinnen auch noch zu uns kommen und uns wegprügeln. sollen wir uns wehren oder ergeben? die aufstellung einer nachtwache wird beschlossen. eine hat angst, im falle ihrer festnahme in die türkei abgeschoben zu werden. die stimmung ist knapp davor, in hysterie abzugleiten. wegen nichtigkeiten fangen die campbewohnerinnen an, sich zu beschimpfen und
anzuschreien. zwischendurch bin ich auch fast soweit dass ich einfach losschreie, aber ich fang mich wieder und leg mich irgendwann gegen 4 uhr in den schlafsack. am nächsten morgen wache ich auf und die sonne strahlt vom himmel. das
camp steht noch. alles kommt mir vor wie ein albtraum. aber carlo ist tot und die angst, die paranoia und die hasswut bleiben...

p.s. fragen die bleiben: wieso waren die bullen am Freitag bei dem zerstörungsmarsch 2 stunden lang nicht zu sehen?? wieso wurden die randaliererinnen am Freitag nicht aus dem hubschrauber mit tränengas beschossen, die friedliche attac-demo aber schon?? wollten die bullen nur die rote zone schützen und konnten keine kräfte mehr freimachen oder wurde die gewalt
absichtlich zugelassen? inwieweit waren bullenprovokateure an den ausschreitungen beteiligt? wieso flog das tränengas erst, als wir an einer friedlichen demo ankamen? wieso haben die bullen nicht schon am Donnerstag das
anarcha-camp geräumt, von dem bekannt war, dass sich dort militante aufhalten und mollies gebastelt werden? wieso wird der "black block" entweder als streng durchorganisierte, paramilitärische organisation dargestellt oder als von bullenprovokateuren und faschos durchsetzt?
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Ergänzungen

Keulung einer Bewegung

MR. NO 10.08.2001 - 16:42
wie du schon geschildert hast, herrschte anfangs zum grösten teil volksfeststimmung die mir auch äusserst suspekt vorkam.
das sich am "shopping" alle möglichen beteiligten weist du ja auch selbst.als die bullen wahllos demos angriffen, habe ich auch niemanden intervenieren gesehen , wenn einzelne demonstranten bzw gruppen sich zur wehr setzten.im nachhinein will jedoch keiner mehr etwas mit gewallt zu tun haben.das bild von der "terrororganisation black block" ist
ebenso ein medienkonstrukt , wie die behauptung alle anarchos wären bullen & faschos gewesen.es gab ca. 200-300
faschos die in genua waren und ??? bullen , die bezahlt randalieren durften . für die stadt macht das sowieso keinen unterschied , du weisst ja , wie sieh aussah.für mich bestand das hauptziel der bullen darin zerstörung zuzulassen bzw zu verursachen, um beliebig "zugreifen" zu können . sachschaden rechtfertigt in unserem kulturkreis immer wieder jede demonstration des staatlichen gewaltmonopols.wenn institutionen oder eine selbsternannte avantgarde unverantwortlich mit gewalt umgehen, muss dies auch benannt werden und zu konsequenzen führen.für mich bedeutet das vor allem politische konsequenzen ,hasso fasst nur dann wenn jemand "hasso fass" befiehlt.das "theater" fand auf der strasse statt , die regie führten die herren in der roten zone .es sollte uns allen gezeigt werden was passiert, wenn wir die interessen des grosskapitals stören .wenn eine bewegung anfängt erfolge zu erzielen wird sie eben auch mit gewallt bekämpft, egal ob sie sich nun pazifistisch schimpft oder millitant.
sorry für dieses trockene fazit , aber ich hab keinen bock mehr auf die rolle des opfers , das den täter immer wieder "warum" frägt.