Dortmund: Protestkundgebung ital. Konsulat

UnterstützerInnen 07.08.2001 18:53
Rund 150 Menschen demonstrierten heute Morgen lautstark durch die Innenstadt
Dortmunds für die sofortige Freilassung der in Genua Verhafteten.
Dortmund, 07.08.01

Wir tragen unseren Protest vor das italienische Konsulat
Protestkundgebung für die Freilassung für die in Genua Verhafteten

Sobald der Widerstand anfängt, die herrschende Ordnung im geringsten zu
gefährden, gelten für die Staatsmacht ihre eigenen Gesetze nicht mehr. Doch die
wirkliche Gewalt geht vom kapitalistischen System aus, für das der G8-Gipfel
nur ein Symbol war. Überall auf der Welt sterben Menschen an Hunger, in
Kriegen, wegen verseuchter Umwelt und an tödlichen Arbeitsbedingungen, kommen um an
den Grenzen der Festung Europa, müssen auf Sozialämtern um jedes Bißchen
betteln....
Das ist das tatsächliche Gewaltverhältnis, gegen das sich so viele Menschen
wehren.

Rund 150 Menschen demonstrierten heute Morgen lautstark durch die Innenstadt
Dortmunds für die sofortige Freilassung der in Genua Verhafteten. Mit nicht
zu überhörender Musik und Redebeiträgen ging die Demo vom Hauptbahnhof bis
zum italienischen Konsulat. Die Kleidung der DemonstrantInnen war schwarz; mit
Zylinder, Anzügen und Alltagskleidung, um die Absurdität von schwarzen
T-shirts als Verhaftungsgrund darzustellen und um zu zeigen, dass wir uns eine
Farbe nicht vorschreiben lassen.
Vor dem Konsulat durfte nach kurzer Verhandlung eine Delegation von 5 Menschen
dort hinein, um mit der stellvertretenden Konsulin zu sprechen. Die
Delegation übergab ihr Unterschriftenlisten für die sofortige Freilassung der
Gefangenen in Genua. Die Konsulin versprach, diese zusammen mit der Resolution der
Gefangenen aus einigen Knästen an das Auswärtige Amt und zuständige Behörden
und Verantwortlichen in Italien weiterzuleiten. Sie schien auch tatsächlich
bemüht. Immerhin versuchte sie, direkten Telefonkontakt zu einem Gefangenen in
Marassi herzustellen, was aber von der Gefängnisleitung abgelehnt wurde.

Wir sind traurig und wütend über den Mord an Carlo Guiliani und über die
Gewalt gegen AktivistInnen in Genua. Wir fordern:

-Die sofortige Freilassung der in Genua verhafteten AktivistInnen!

- Die Schuldigen der Misshandlungen müssen zur Verantwortung gezogen werden!
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Ergänzungen

wieso untertreiben?

kobold 07.08.2001 - 21:34
schöner kurzbericht. allerdings waren es doch so an die 250 menschen, die sich an dem trauerzug beteiligten. positiv zu erwähnen war auch mal, daß die bullen zeimlich zurückhaltend und kooperativ waren -sogar 2 nazis, die die demo stören wollten mitgenommen und deren personalien aufgenommen haben...

Keine Blumen für die Staatsgewalt

Malwiederbaff 07.08.2001 - 21:52
2 Nazis wollten die Demo stören? Und um mit denen fertig zu werden braucht mensch freundliche, mit uns kooperierende Bullen? Ich freu mich nie über die Staatsgewalt, gleich wie sie bei unseren Aktionen in Erscheinung tritt. Die Faschos wären doch das Richtige zum Fruhstück.

Auch "nette Polizisten" observieren, strapazieren unsere Nerven und sind immer potentielle Gewalttäter!

lest marx

antifa 07.08.2001 - 23:07
weiter so. nur durch eine radikale kapitalismuskritik kann die notwendige abgrenzung von antisemiten und reformisten wie z.b. attac erfolgen. und nur so macht antiglobalisierung sinn: an die wurzel des übels das kapitalverhältniss.

Schön

BesserWessi 08.08.2001 - 00:43
Klasse! Das waren ja weit mehr Menschen als die sechs am 21.07. ( http://www.de.indymedia.org/2001/07/4727.html).

Ach, und ich find's legitim sich darüber zu freuen, daß die Bullen sich den DemonstrantInnen gegenüber zurückgehalten und eher auf die Faschos geachtet haben.
Sowas ist doch auch 'n Zeichen dafür, daß "die Öffentlichkeit" gerade kurzfristig etwas sensibler mit Polizeigewalt gegen Linke umgeht. Da ließe sich mehr draus machen ... z. B. Otto Schilys Vorschlag mit der EU-weiten "Randale-Polizei", da könnte 'ne Kampagne à la "Die 'alte' Polizei macht schon mehr als genug Randale" zur Zeit fruchten. Mit Blick auf Genua ließe sich "unsere" Sichtweise darüber, wer randaliert und wer für Freiheit streitet, ganz gut verbreiten. Leider bleibt's oft bei den (verständlichen und berechtigten) Mörder-Rufen.

Warum ist Attac antisemitisch? Ich will das nicht bestreiten, nur will ich's auch nicht sofort glauben und weiß nix darüber.
Daß die reformistisch sind, ist klar. Aber inhaltlich wertvolle, hintergründige Texte, die über revolutionäre Parolen und allgemein gehaltene, radikale Kritik hinausgehen, habe ich von der revolutionären Linken zum Thema auch kaum gefunden. Wen wundert's da, wenn wir Ansätze, die über kapitalismuskonforme Reformen hinausgehen, kaum (weiter)entwickeln oder in die Öffentlichkeit kriegen?
Zur Zeit erscheint mir die Militanz von Seattle, Göteborg und Genua zwei Dinge gebracht zu haben:
Militanz als politisches Mittel ist diskutabler, verständlicher geworden.
Reformistische Positionen (z. B. von Attac) wurden verstärkt an die Öffentlichkeit gebracht.

Wo sind die radikalen, die revolutionären Inhalte, die "wir" selbst hätten stärken können?

???

SovietStar 08.08.2001 - 00:59
Warum attac antisemitisch sein soll, möchte ich ja auch mal wissen!

Alternativen bieten!

Bernd 08.08.2001 - 01:36
Ach herrje...

ich seh schon, wie die Bewegung sich wieder splittet. Wenn die radikale Linke glaubt, mit sinnloser Gewalt, radikalen, abschreckenden Parolen lässt sich die Welt verändern, Gute Nacht. Was wir tun müssen, ist auf die Leute zuzugehen. Jeder Mensch hat eine gewisse Vernunft, an die es zu appellieren gilt. Klingt vielleicht naiv, aber es ist einfach so. Genua war zwar schrecklich, ist aber gleichzeitig eine Chance, wie sie noch nie da war. Die Menschen sind sensibel geworden. Es wird nicht mehr alles so unkritisch akzeptiert, wie bisher. Das Potenzial unzufriedener Bürger ist groß. Und das sind bestimmt keine linksradikalen Fanatiker, welche den Staat umstürzen wollen. Vielmehr sozialer Ausgleich, Achtung der Menschenwürde (z.B. in Sachen Abschiebungen) und noch vieler weiterer Punkte sind ihnen wichtig. Es wäre schade, wenn die Radikalen die Bewegung durch ihr Gebaren selbst vernichten würden. Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage, dass ich gern auf die Straße gehe, aber nicht, aus Hass auf alles, was Staat ist, oder den Staat repräsentiert, sondern, weil ich ihn verbessern will, ihn zum umdenken bewegen. Organisationen wie ATTAC sind da die richtige Grundlage hierfür.
Danke fürs Lesen, gute Nacht
Bernd

attac fürn arsch

antikap 08.08.2001 - 01:48
wer das übel der welt in den sphären des "spekulativen finanzkapitals" erblickt und damit die in deutschland altbekannte trennung von raffendem und schaffendem kapital aufmacht ist eindeutig ein antisemit. so geschehen bei attac deutschland. informiert euch doch mal über die gruppen die ihr anhimmelt oder lest mal ein buch über antisemitismus.

fuck kommies

a statt d 08.08.2001 - 01:55
naja ich glaube die kommies hier meinen mit ihren´m geschreibsel, daß jede/r die/der nicht die "reinheit der lehre" annimmt ist der böse feind. da kann ich nur sagen: leider (für euch) ist indymedia kein bolschewistisches projekt. winke winke!
... natürlich kommt ihr wieder mit der antisemitismus-keule, die jeglicher grundlage entbehrt! alles faschos ausser ihr, oder was?

nie wieder deutschland

anna 08.08.2001 - 02:11
typisch deutsch. wer von der "antisemitismus-keule" schwafelt ist dem faschismus wohl bedeutend näher als die denen er es vorwirft. und wo steht bitte das ein antisemit gleich ein faschist ist? gerade in deutschland ist sensibilität für antisemitismus notwendig ansonsten kann man nur sagen: nix gelernt aus der geschichte.

Reflex-Handlung von

mir 08.08.2001 - 02:37
Also ich finde Annas Kommentar ziemlich rassistisch!

Zwischendurch was für alle Nicht-Szenis

Vegan 08.08.2001 - 03:53
Für die die sich nicht in den Niederungen der deutschen dogmatischen Linken auskennen hier die (verkürzte)
Erklärung für merkwürdig anmutende Antsemitismusvorwürfe: Die Nazis hatten in ihrer Ideologie was von
schaffenden und raffenden Kapital. Also gutes und böses Kapital. Mit raffenden K. wurden die Juden in Verbindung
gesetzt. Diese Idee war also ein Teil der Grundlage des "antisemitischen Antikapitalismus". Auch nach '45 wurde
von rechten Kreisen versucht das aufrecht zu erhalten. Daher ist es schon wichtig darauf zu achten, wer was
warum sagt. Viele sog. Linksradikale, die sich zum Leninismus hingezogen fühlen haben gelernt die Welt in
Parolen und einfachen Wahrheiten wahrzunehmen. Sie folgern zu dem oben geschriebenen im Umkehrschluß, daß
jeder, der die Nutznießer des jetzigen Systems benennt oder angreift, ist automatisch Antisemit. (Übersetzt heißt
das: Alle Bullen sind grün - also ist alles Grüne ein Bulle).
Diese reflexartigen Reaktionen auf bestimmte Formulierungen und Inhalte haben dieser kleinen, aber lauten
"Gemeinschaft" den Namen "Automaten" eingebracht. - Auf jedes Wort und jede Handlung erfolgt eine genau
definierbare (damit verhersagbare) Reaktion.
Das ganze ist natürlich auch Teil eines Vorherrschafts-Konflikts innerhalb der dogmatischen Szene, die sich nicht scheut
etwa den Nahost-Konflikt zu instrumentalisieren. So ist die eine Fraktion der Meinung, wer nach dem Holocaust
irgendeine Kritik an den israelischen Staat artikuliert, ist ein Antisemit - die andere Fraktion dagegen sagt dasselbe
genau andersherum (dabei mit dem Grund, weil die Palestinenser unterdrückt werden). Das hierbei rechte und
rechtsextreme Inhalte und Argumentationsmuster adaptiert werden (auch da unten gibts rechte und linke), wird nicht
wahrgenommen, da außerhalb des Wahrnehmungsbereiches.
Auch wenn diese Leute sehr "laut" sind, sind sie keinesfalls die Mehrheit in der deutschen Linken. Leider
dominieren sie aber die Antifaszene.

Protest

SovietStar 08.08.2001 - 13:46
Ich widerspreche der Behauptung, dass Kommunisten und Leninisten anderen reflexartig und automatisch Antisemitismus vorwerfen. Ich weiß auch nicht, woran das festgemacht wird. Ich persönlich finde diese Antisemitismusvorüwrfe gegen attac lächerlich und haltlos. Offenbar sehen einige AktivistInnen sofort rot, wenn das Wort "spekulatives Finanzkapital" fällt. Ein Wort, das übrigens Lenin selbst geprägt hat. Und bekannterweise war er alles andere als ein Antisemit oder Faschist. Wer Lenins Anmerkungen über Faschismus gelesen hat, weiß das.

Reflexe sind nicht gut.

Punkt 08.08.2001 - 13:56
"1ch widerspreche der Behauptung, dass
Kommunisten und Leninisten anderen reflexartig
und automatisch Antisemitismus vorwerfen." Das steht da auch gar nicht. Da steht, daß die
die es tun in der regel aus dieser Ecke sind - aber das lässt nicht den Umkehrschluss zu. Immer schön alles lesen
und nachdenken, vor dem Reagieren! Die erwähnten Leute nennen sich in der Regel "autonom" bzw. "autonome
Marxisten".


"Und
bekannterweise war er alles andere als ein
Antisemit oder Faschist. Wer Lenins
Anmerkungen über Faschismus gelesen hat, weiß
da..." Naja letzteres, da wäre ich mal vorsichtig. Wer Andersdenkende massenweise umbringt (die
Ereignisse im Frühjahr 1917, Kronstadt oder Ukraine) und sich an die Macht putscht.... Was den Antisemitismus in
Russland angeht: Der hat da eine lange Tradition und Stalin selbst war da sehr offen drin....

attac und Antisemitismus

nachdenken! 08.08.2001 - 14:57
Hi,

hier wird der Antisemitismus-Vorwurf gegen attac als platter Dogmatismus bezeichnet, als Totschlagargument.

Fakt ist, daß attac! beim internationalen Finanzkapital ansetzt, so z.B. in ihrer Selbstdarstellung,  http://www.attac-netzwerk.de/material/selbst.html
Ziel ist die Regulierung der internationalen Finanzmärkte. Es geht attac darum, "Sand ins Getriebe der internationalen Spekulation zu streuen". Können wir uns insoweit einigen?

attac arbeitet also mit einer Unterscheidung zwischen produktivem und spekulativem Kapital, zwischen nationalem und internationalen Kapital. Diese Unterscheidung hat strukturelle Ähnlichkeit mit der Unterscheidung zwischen "raffendem" und "schaffenden" Kapital, zwischen "internationalem Finanzjudentum" und deutschen "Betriebsführern", die Bestandteil der antisemitischen Propaganda ist. Die Unterscheidung wird nicht zwischen Kapital und Arbeit, sondern zwischen internationaler Spekulation und nationaler Gemeinschaft gezogen. So ist der Vorwurf des strukturellen Antisemitismus zu verstehen.

attac! und der Kapitalismus

Demon Strant 09.08.2001 - 00:20
attac! ist auf jeden Fall eine aktive Gruppierung, die mit den herschenden Zuständen nicht einverstanden ist und sich zur Wehr setzt. Das ist der Konsens, der uns alle verbindet: Widerstand.
attac! begeht nur einen Fehler: Es sieht die Ursache des Übels in den internationalen Finanzmärkten und versucht diese mit Tobin-Tax o.ä. auszuhebeln und zu kontrollieren
Doch was sind die internationalen Finanzmärkte?
Ein Produkt des Kapitalismus, mehr noch: Eine hoch entwickelte Form des Kapitalismus und der internationalen Ausbeutung. Eine Kontrolle des Kapitalismus ist allerdings nicht möglich, wie das Versagen der bürgerlichen Demokratie zeigt. Eine Steuer auf die Finanzmärkte wird somit entweder nie erhoben oder sofort wieder umgangen.
Hier zeigt sich die Misere von attac! und auch ihr reformistischer Charakter: Sie suchen nicht den Kapitalismus zu beseitigen, sondern nur, ihn zu korrigieren, ihn einer Schönheits-OP zu unterziehen.
Nachhaltig verbessern werden sich die Lebensbedingungen auf diesem Planeten erst, wenn der Kapitalismus beseitigt ist (Historisch überholt ist er schon lange).
attac! wird diese Erfahrung machen, auch wenn sie das jetzt noch nicht erkennen (können).
Trotzdem, trotz ihres reformistischen Charakters, sind sie ein Teil des Widerstandes und verdienen den selben Respekt wie alle anderen, die sich gegen die Zustände heutzutage auflehnen.
Es ist auf jeden Fall verkehrt, sie als "antisemitisch" o.ä. abzustempeln, das ist Spalterei und nützt nur dem gemeinsamen Feind.
Wir alle haben dasselbe Ziel, und wir alle setzen uns dafür ein, jeder auf seine Art.
Besser als nixtun ist attac! allemal.

?

SovietStar 09.08.2001 - 00:21
Lenin schrieb in seiner Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", dass im Zeitalter des Imperialismus, also der Monopolherrschaft, das Finanzkapital die bestimmenden Macht innerhalb der herrschenden Klasse ist. Er schrieb aber auch, dass das Bankkapital und das Industriekapital im Imperialismus miteinander verschmilzt. Wenn attac also bei der Besteuerung der Spekulattion ansetzt, behaupten sie damit doch nicht, dass es sowas wie "produktives Kapital" gäbe! Der Vorwurf des strukturellen Antisemitismus ist IMHO bei den Haaren herbeigezogen. Mensch kann attac ja alles mögliche vorwerfen, so z.B. den Reformismus usw. aber Antisemitismus bei einer globalisierungskritischen Organisation?

sdfghjk

michael 09.08.2001 - 03:10
Die ganzen Leute, die attac, oder Diskussionsteilnehmern hier Antisemitismus, Faschismus, etc vorwerfen sin so dumm.
Das muß jetzt überhaupt nicht heißen, daß ich alle Ansichten der Angegriffenen teile, aber die ganzen Sachen sind doch total an den Haaren herbeigezogen. Nur weil jemand bei der Kritik am Kapitalismus Formulierungen benutzt, die angeblich "raffendem Kapital" ähnlich sein sollen ist er doch kein Antisemit. Die meisten Leute wissen doch überhaupt nicht woher der Begriff kommt. Ein Antisemit ist für mich jemand der sich, sei es auch nur verdeckt gegen Juden äußert. Wie darf man den euch Idioten zufolge Kapitalismus kritisieren? Ihr könnt ja mal Vorschläge für "richtige" Formulierungen machen. Ihr glaubt wahrscheinlich, dass in der Weltbank nur Juden sitzen, und Die sowieso das ganze Kapital besitzen. Vermutlich darf man wegen euer Blödheit, nicht mehr die kapitalistische Scheiße die auf dieser Welt abgeht kritisieren. Wisst ihr eigentlich, dass ihr mit euern Vorwürfen hier normale Menschen mit denen gleichsetzt, die in diesem Land Ausländer, Homosexuelle und Behinderte in den Tod hetzen.

Antisemitismus?

unwichtig 09.08.2001 - 03:37

Meine Mutter ist Halbjüdin und ich finde die Diskussion in der Linken ziemlich entsetzlich. Natürlich ist es nicht
richtig, die Nutznießer des Kapitalismus (Finanzelite) als Ursache zu sehen. Das ist dumm und verkürzt und typisch
für den autoritären Kommunismus. Aber die Kritik an diesen Nutznießern als antisemitisch zu bezeichnen ist selbst
antisemitisch. Wenn jemand diese verkürzte Kritik anbringt ist nichts über die Gründe dieser verkürzten Kritik gesagt.
Wenn jetzt behauptet wird, daß "scheiß Spekulanten"-Parolen antisemitisch sind, dann wird hier beinahe unterstellt,
daß Spekulanten zum großteil Juden sind. Ja, das passiert, wenn reflexartige Reaktionen und Unreflektiertheit zum
Wesen einer Ideologie werden: Man wird das, was man bekämpft.... Zum Glück sind nur sehr wenige Linke so verbohrt.

Zum Begriff des strukturellen Antisemitismus

nachdenken! 09.08.2001 - 22:57
Hi,
die Vorwürfe gegen Attac gehen von einem Begriff des *strukturellen* Antisemitismus aus. Wenn weiter oben in der Diskussion schlicht Antisemitismus gesagt wurde, dann ist das verkürzt. Beim Begriff des strukturellen Antisemitismus geht es nicht um die Beteiligung von Menschen jüdischen Glaubens an der Weltbank oder ähnlich wirre Dinge. Es geht darum, daß Argumentationsmuster von der Linken verwendet werden, die von ihrer Struktur her antisemitischen Argumentationen gleichen. Zum Beispiel die Verkürzung der Kapitalismuskritik auf Kritik an Spekulanten, oder Verschwörungstheorien, denen zufolge ein geheimes Gremium (die CIA, die Freimaurer...) die Welt steuert.

Soweit ich das überblicken kann hat hier niemand behauptet, daß attac im üblichen Sinne antisemitisch ist, also von einer jüdischen Weltverschwörung faselt o.ä.. Es geht um die strukturelle Ähnlichkeit der Argumentation: Aus der falschen Analyse, daß die internationale Spekulation das zu behebende Hauptproblem, und nicht nur eine Entwicklungsstufe des insgesamt anzugreifenden Kapitalismus ist (hallo SovietStar, so würde ich Lenin verstehen) folgt, daß attac im Ergebnis Gemeinsamkeiten mit reaktionären Nationalisten hat. Nur zur Klarstellung: Das bedeutet nicht, daß den attac-Mitgliedern an dieser Gemeinsamkeit gelegen ist.

@ nachdenken

Hansi 09.08.2001 - 23:15
naja, ich stimme dir ja teilweise zu in deiner argumentation. aber auch das wort struktureller antisemitismus ist ein falscher bergriff, da demnoch schon der autobahnbau strukturell nazi wäre. demnach ist auch fast alles in der autonomen und kommunistischen linken strukturell antisemitisch oder strukturell faschistisch. sei es die unformierung, die sprachnormierungen, die beschwörung einer einheitsfront, die symbolik (sieh dir mal die aab-logos an), ....... wenn

@ nachdenken

Hansi 09.08.2001 - 23:17
...und einige reaktionsweisen auf den bruch von sprachvorschriften sind nicht mehr nur strukturell faschistisch.

@ Nachdenken

Michael 10.08.2001 - 13:16
struktureller Antisemitismus, sowas lächerliches. Dann darf man vermutlich demnächst gar nichts mehr machen, da man vermutlich zu jeder Sache vermutlich etwas finden wird, was strukturell Nazi-Sachen ähnlich ist.

Struktureller Antisemitismus

nachdenken! 10.08.2001 - 19:21
Es stimmt, daß struktureller Antisemitismus ein schwieriger Begriff ist. Das hängt aber nicht damit zusammen, daß dann so ungefähr alles strukturell faschistisch wäre, z.B. auch die Autobahn. Das stimmt nämlich nicht. Ein Stück Asphalt kann nicht faschistisch sein. Faschismus ist eine Ideologie, also (falsches) Bewußtsein, das, wenn es sich denn durchgesetzt hat, den gesellschaftlichen Überbau steuert (Überbau ist das, was neben den wirtschaftlichen Existenzgrundlagen noch so zu einer Gesellschaft gehört, Regierung, Kulturszene etc.). Autobahnen haben ihren Ursprung in einem faschistischen ABM-Projekt, der heutige Zustand der Autobahnen hat damit aber wenig zutun, heute geht es wohl eher um die Förderung der Automobilindustrie und des LKW-Verkehrs, um die Idee des Individualverkehrs etc -- hier wirkt die heutige Ideologie, und die würde ich nicht als faschistisch bezeichnen. Zu "strukturell faschistischen" linken Demos fällt mir wenig ein: Meinst Du schwarze Blöcke? Uniformierung ist kein faschistisches Phänomen, das gab es schon vorher. Das gleiche gilt für Intoleranz.

Mein Problem mit dem Begriff ist eher, daß er so stark emotional besetzt ist. Wenn ein Linker darauf hingewiesen wird, daß er strukturell antisemitisch argumentiert, dann führt das verständlicherweise zu einer starken Reaktion ("Ich? Antisemit?! Ich mache doch seit 10 Jahren Antifa-Arbeit!!!"), oft auch zum Ende der Diskussion, bevor auch nur klargeworden ist, was mit diesem Begriff eigentlich gemeint ist.


Hansi 10.08.2001 - 20:02
"Meinst Du schwarze Blöcke? Uniformierung ist
kein faschistisches Phänomen, das gab es
schon vorher. Das gleiche gilt für Intoleranz." - Genau das gilt auch für die verkürzte Kapitalismus-Kritik, die alles andere als gut finde. Schon immer wurden auch die Nutznießer des jeweiligen Systems (in der DDR war das für viele die Partei-Elite in Wandlitz) als das "Übel" wahrgenommen. Nicht zuletzt, weil die Nutznießer ja auch ein Interesse am Staus Quo haben. Dieses "die sind schuld" haben sich dann die Nzis zu nutze gemacht. Wenn jemand sagt "die Bonzen" oder so finde ich das weniger schlimm, als wenn er es nicht sagt, aber vielleicht tatsächlich Vorurteile gegen andere Bervölkerungsgruppen hat (gibts ja wirklich in der Linken). Was mich eben immer stört, ist die Reaktion der dogmatischen Linken, wenn jemand es wagt, eine "falsche" Ausdrucksweise zu benutzen (die vor ein paar jahren noch Allegemeingut war). Eine bessere Welt aufbauen heißt für mich ein spezielles Handeln und Denken und nicht eine "gesäuberte" Sprache. (Natürlich ist Sprache auch wichtig - ist ja Produkt des Denkens. Aber Sprache ist nur ein Teil)