genua: augenzeugenbericht; übersetzung aus dem ital.

sha 07.08.2001 02:32 Themen: Globalisierung
hier wird vor allem von den demonstrationen am fr und sa berichtet
Liebe Freunde,
Ich war in Genua und konnte somit beobachten was dort passierte.
Bitte glaubt nicht was in den Zeitungen und Nachrichten steht.
Was dort passierte, war Wahnsinnig, ein Massaker!
Es ist schwer zu beschreiben, was zwischen Freitag und Samstag passierte. Ich werde, um dies zu beschreiben, das zur Hilfe nehmen, was ich und andere gute Freunde von mir, die ebenfalls in Genua waren, gesehen haben. Bitte nehmt Euch die Zeit und lest meinen Bericht, der die wahre Aufzeichnung eines Alptraums ist, von dem man in den Massenmedien kaum etwas mitbekommt.
1.
Ich komme am Donnerstag, nach der festlichen Demo der Migranten (mit 50.000 Personen), in Genua an. Es gibt hier große Sammelunterkünfte und wir sind sehr viele; Tausende absolut friedliche Personen und ein wunderbares Klima (erinnert Ihr Euch an die Pfadfinderzeltlager?)
Es wurde diskutiert, gesungen und wir hatten eine tolle Zeit.
Pfadfinder, die Leute von den Gruppen, Freiwillige und Professionelle begannen dann am Freitag morgen die Thematischen Plätze in einer abgeriegelten Stadt durchzuführen: Die verschiedenen Gruppen verteilten sich über die ganze Stadt um die inzwischen recht bekannte rote Zone festlich mit Tänzen, Performance und Slogans zu belagern.

Zu diesem Zeitpunkt erschien der berühmte Schwarze Block auf der Strandpromenade. Einige von ihnen werden dabei beobachtet, wie sie mit der Polizei sprechen, andere kommen direkt aus den Polizeilinien heraus. Sie sprechen vor allem Deutsch.
Diese Leute begannen dann alles zu zerschlagen. Polizei und Carabinieri halten still. Die Leute vom Schwarzen Block versuchen in den Demozug der Arbeiter der Cobas ('comitati di base', italienische unabhängige Basisgewerkschaftsbewegung) und anderer Gewerkschaften einzutauchen, sie schlagen hier einen der Gewerkschaftsführer und werden mühevoll zurückgedrängt.
Daraufhin wendet sich der Schwarze Block dem ersten thematischen Platz, dem der sozialen Zentren zu, auf den sie bis auf die Zähne bewaffnet einfallen.
Die Polizei verfolgte diesen, so dass sich die Demonstranten zuerst vom Schwarzen Block und dann von der Polizei angegriffen sehen, die zu diesem Zeitpunkt beginnt brutal einzugreifen. Die Schwarzen verlassen diesen Platz und fallen auf dem Platz ein, an dem sich das Lilliput-Netz (Gleichberechtigter Handel, Katholische Basisgruppen, ) versammelt hatte. Die Leute die dort friedlichen Widerstand zeigen, versuchen sie zu vertreiben. Die Polizei verfolgt sie und greift dabei den Platz an. Die Leute dort heben die Hände und schreien: 'Frieden'! Es regnet Tränengas und es gibt Verletzte. Die Schwarzen gehen und verwüsten die Stadt weiter.

300-400 Leute aus dem schwarzen Block streifen durch Genua. Die, die sie anführen kennen die Stadt sehr gut: Ihre zerstörerische Route zielt darauf ab, alle Thematischen Plätze zu erreichen, wo es Initiativen der Bewegung gibt. Das Schauspiel ist beeindruckend. Sie bewegen sich militärisch, die Anführer schreien Befehle, die anderen Handeln und umgehend erscheinen Polizei und Carabinieri.

Inzwischen auf dem Thematischen Platz auf dem sich ARCI, Attac und andere versammelt haben:
Alles läuft prima. Am frühen Nachmittag wird entschieden von der Grenze an der roten Line abzuziehen, die bis dahin mit Gesängen, Aufführungen etc. belagert worden war. Die Leute ziehen in Richtung Piazza Dante, als ihnen die Polizei unvorhergesehener Weise Tränengas in den Rücken schießt. Es setzt eine allgemeine Flucht ein. Die Krankenhäuser füllen sich mit Verletzen. Viele können aber gar nicht zur medizinischen Versorgung in die Krankenhäuser gelangen. Die Polizei stoppt alle die dort hinkommen.
Es ist Abend. Die Leute sind durcheinander und in vielen beginnt die Wut aufzusteigen. Wie Plötzlich gibt es keine Nachrichten mehr von den Schwarzen.
Auf der Zitadelle, wo sich die Unterkunft des Genua Social Forums befindet, sind etwa Zehntausende. Die Nachricht vom Tod des Demonstranten ist angekommen.
Es herrscht Angst. Die Erzählungen über brutale Knüppelorgien werden immer häufiger. Jugendliche und Schwestern weinen. Es gibt viele Verletze. Ein alter Mann weint mit einem Verband auf dem Kopf; er ist ein Metallarbeiter im Ruhestand.
Da ist Don Gallo von der Gemeinde San Benedetto. Dort ist die Mutter und Führerin der Mütter von der Plaza de Mayo in Argentinien, die schon seit Jahren Nachrichten von ihren Verschwundenen Kindern suchen. Sie sagt, dass sie von dem was sie hier mit eigenen Augen gesehen hat, äußerst Betroffen sei. Es erinnere sie sehr an Argentinien zur Zeit der Diktatur - sie dachte dies sei in Italien unmöglich.
Nun greifen mein Bruder, Luca Casarini von den tute bianche und Bertinotti (der einzige Politiker, der den Mut hatte herbeizueilen - Bertinotti ist der Chef der Rifondazione Communista, Anm. d. Übersetzers)ein und beruhigen alle: Leute geht nicht in kleinen Gruppen nach draußen, und nehmt die Herausforderung der Gewalt nicht an. Es wird entscheiden, dass die Antwort eine große Demo am folgenden Tag sein soll. Wir werden viele sein und friedlich gegen alle Provokationen und die Gewalt des Schwarzen Blocks und der Ordnungskräfte protestieren. Der Senator Malabraba erzählt, dass er im Polizeipräsidium war. Dort hat er sonderbare Gestalten getroffen, die als Demonstranten gekleidet waren, Deutsch und andere Fremdsprachen sprachen. Sie sprachen mit der Polizei und verließen das Präsidium daraufhin wieder.
Unvorhergesehenerweise bricht in einer Bank in der Nähe der Zitadelle ein Brand aus. Die Helikopter fliegen direkt darüber: über 40 Minuten kommen jedoch weder die Feuerwehr noch sonst wer. In der nacht wird eine der Unterkünfte in denen wir schlafen, das Carlini, von der Polizei umstellt. Kommt rein und durchsucht alles, macht was Ihr wollt. Die Leute weinen: bitten darum nicht mitgenommen zu werden. Die Polizei kommt herein: in der Unterkunft kann sie nichts finden.
2. Samstag:
Die große Demo, wir sind wirklich eine Masse. Der Demozug geht los - mit tausenden Farben. Leute aus der ganzen Welt. Alle möglichen Vereinigungen, die Freiwilligen, die Bauern, die Metallarbeiter, die Kurden etc. Gesänge, Tänze und Tausende Fahnen.

Piazzale Kennedy. Es gibt keine Ausschreitungen. Es passiert nichts. Der schwarze Block kommt heraus und die Polizei teilt, ohne irgendein Motiv, plötzlich die riesengroße Demo in zwei Teile. Der Krieg bricht aus. Überall gibt es Angriffe und Knüppeleien. Sie sind verrückt geworden. Die Polizei greift die Metallarbeiter der FIOM und die Jungen Kommunisten an. Es folgen Verfolgungsjagden durch ganz Genua. Wer alleine bleibt wird verfolgt und zusammengeschlagen. Hunderte Personen bezeugen die Verfolgung und Verprügelung von Personen nur weil diese als Demonstranten erkannt werden. Die Polizei verprügelt einen Journalisten der Sunday Times (der diese Erfahrung auch in der Times wiedergibt). An einem ruhigen Ende der Demo, auf der Strandpromenade, wird plötzlich von einem Dach Tränengas abgeschossen, wodurch eine Panik ausgelöst wird. Es kommt auch Reizgas zum Einsatz, das Hautprobleme verursacht und einen nicht atmen lässt.

Und der schwarze Block? Taucht auf und verschwindet, ohne dass ihn jemand aufhält. Sie greifen auch einen Jungen von der Rifondazione an. Sie zerbrechen seine Fahne und schlagen ihn. Sie greifen den Sprecher des Genua Social Forum mit Steinen an. Sie zerschlagen Scheiben und stiften Brand. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet: nur wie sind sie eigentlich so in das vollständig abgeriegelte Genua gelangt?

Der Kopf der großen, ruhigen Demo, das Genua Social Forum ruft dazu auf sich in Ruhe aufzulösen und nicht alleine durch die Stadt zu gehen. Wir werden nach Marassi geleitet, wo die Busse derjenigen stehen, die heute früh angekommen sind. Wir bleiben dort. Man kann nicht weitergehen, denn auf der Piazzale Kennedy herrscht der Krieg. Wir sind hier mit sehr vielen, stehend oder auf dem Boden sitzend, als plötzlich wieder Tränengas geschossen wird. Es setzt eine allgemeine Flucht ein. Es wird versucht in Richtung der Zitadelle vom Genua Social Forum zurückzugehen. Es kommen Lastwagen der Polizei vorbei, von wo aus uns zugerufen wird: Wir bringen Euch alle um!
Der zweite Teil der Demonstration kommt niemals auf dem Platz an, auf dem die Abschlusskundgebung vorgesehen war. Alle Personen werden ohne Unterschiede zu machen auf die Strandpromenade getrieben. Wem es gelingt, der flüchtet in die kleinen Sträßchen in Richtung des Hügels, wo es zu wahrhaftigen Menschenjagden kommt.
Samstag Nacht, die Demo war inzwischen bereits mehrere Stunden vorbei, bricht die Polizei in die Pressezentrale des Genua Social Forums ein. Hier werden alle mit einer enormen Brutalität geschlagen. Im besonderen interessieren sie sich für die Dokumentationen ( Zeugenaussagen, Video, Fotos, etc) die darüber Bericht ablegen können, was zwischen Freitag und Samstag passiert ist. Sie achten dabei sehr darauf, alles zu zerstören. Es werden alle PS und alles Material das gefunden wird zerstört. Der Rechtsanwalt, der die Gruppe der in Genua anwesenden Rechtsanwälte koordiniert wird verhaftet. Es wird auch das Material, das die Anwälte gesammelt haben, um die Inhaftierten zu verteidigen, vernichtet oder beschlagnahmt. Nun weiß man nicht einmal mehr, wie viele und welche Anklagen bestehen.
Während der Durchsuchung, die ohne irgendein Mandat stattfand, wurde Parlamentariern, Anwälten, Journalisten und Ärzten der Eintritt verboten.
Die Berühmten Waffen, die später in der Pressekonferenz auftauchten, wurden an diesem Abend nicht gesichtet..... es blieben die Verletzten und Festgenommenen zurück.
Vom schwarzen Block hat man hingegen nichts mehr gesehen.

Ich kann Euch versichern, es waren zwei Tage des Alptraums: der Schwarze Block und die Ordnungskräfte haben eine wahres Massaker angerichtet und wollten dies auch tun.
Die Polizisten und Carabinieri waren auf unglaubliche Weise aufgeheizt. Seit Freitag früh schrieen und beleidigten sie.
Sie haben sie wirklich einer Gehirnwäsche unterzogen.
Als ich dann heute die Nachrichten gesehen und die Zeitungen gelesen habe:
Mein Gott, wie in einer echten Diktatur: wo stand die Wahrheit, die wir alle, die wir da waren, gesehen haben?
Ich werde fast verrückt wenn ich daran denke, dass einige noch denken werden: 'Ihr Protestler, erzählt ja nur den üblichen Blödsinn...'
Lasst Euch nicht täuschen. Habt den Mut Eure Überzeugungen über unsere wunderbaren italienischen Ordnungskräfte und den demokratischen Apparat unseres Staates in die Diskussion zu bringen.
In Genua ist etwas wirklich unglaubliches passiert. Hier wurde die neue Regierung eingeweiht.
Eine andere kleine Anmerkung über den ermordeten Demonstranten. Kennt Ihr die erste Version der Polizeiführung bevor die Videos auftauchten? Er sei durch einen Stein, der von anderen Demonstranten geworfen wurde zu Tode gekommen......
Wenn Ihr bedenkt, dass ein großer Teil der Dokumentation über die Ereignisse, die von den Augenzeugen gesammelt wurde, während des Angriffs auf den Sitz des Genua Social Forums zerstört wurden .... so bleiben nur die 'sicheren' Versionen der Ordnungshüter übrig.

Es ist absolut Notwendig, dass Ihr die Wahrheit verbreitet, druckt und besprecht. Tut dies mit Euren Freunden, Verwandten, Kollegen. Ich bitte Euch, Euch an diesem Punkt nicht abzuwenden.
Danke
Stefano
P.S. Mein Bruder ist am Boden zerstört. Er sagt: es ist verrückt, man scheint in Lateinamerika in den 70er Jahren zu sein. Vielleicht hat auch er nicht wirklich begriffen, mit wem er es zu tun hat und dass die Regierung und die Verantwortlichen bei den Ordnungskräften so weit gehen würden.
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Ergänzungen

ACAB

MOD 07.08.2001 - 16:43
Tja, man könnte den Spieß jetzt direkt mal umdrehen und sagen alle die gegen die Gewalt ders schwarzen Blockes sind stellen sich auf sie Seite der strukturellen Gewalt des Staates.
Das Ziel des schwarzen blockes ist nie gewesen irgendwelchen Hippies den Spaß am Tanzen zu nehmen, sondern das Ziel ist mit symbolischer Militanz den Staat=Bullen, die Wirtschaft=Banken,Supermärkte,Reisebüros anzugreifen. Niemand behauptet man könne eine n Krieg gegen die Söldner des Stattes=Polizei BUllen, VS und sonstwas gewinnen, es geht halt wie gesagt um die Symbolik.

Ob friedlich oder militant, wichtig ist der Widerstand!!!!