genua: augenzeugenbericht, übers. aus dem ital.

sha 07.08.2001 02:29 Themen: Repression
der augenzeuge wurde am samstagnachmittag grundlos von der demonstration weg verhaftet, nach bolzaneto und anschliessend ins gefängnis san michele verbracht
Augenzeugenbericht eines 'Veteranen' des Bolzaneto-Lagers
Genua, Samstag den 21 Juli gegen 15 Uhr. Als ich am Ende des Corso Italia ankomme, bemerke ich, dass der Demonstrationszug, anstelle weiter den Corso Marconi entlang zu gehen und in der Via Rimassa umzukehren, wie es vorgesehen war, er eine Umleitung und Wende in der Via Casaregis vollzog und er dabei rasend schnell wird. Nachdem ich stehen blieb und neugierig schaute, was vor sich ging, stelle ich fest, dass es den ganzen Corso Marconi entlang bis zur Piazzale Kennedy Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Ordnungskräfte gab. Um die Wahrheit zu sagen, es kreisten über diese Auseinandersetzungen bereits seit einiger Zeit Nachrichten in der Demo. Diese Auseinandersetzungen fingen mit dem Eindringen einer beträchtlichen Gruppe von black blockers am Anfang des Zuges an, die begannen alles, was ihnen zu Gesicht kam, zu zerstören und anzuzünden. Diese Version wird daraufhin auch durch verschiedene Augenzeugenberichte bestätigt.
Ich war am Morgen von Bologna aus, zusammen mit einem Freund und einer Freundin in Genua eingetroffen (andere Genossen waren mit anderen Verkehrsmitteln gekommen).
Kurz darauf wird die Spannung an der Kreuzung von Corso Italia und Via Casaregis enorm, so dass wir uns dazu entscheiden weiter mit dem Demozug zu gehen. Während wir also mit dem Demozug mitziehen, werden wir von allen Seiten aus mit äußerst stark brennendem Tränengas förmlich bombardiert. Das Teilstück der Demo, in dem wir (etwa 100 Personen) uns befinden, ist Isoliert und bleibt, während wir versuchen einen Fluchtweg zu finden, blockiert und zusammengedrückt. Irgendjemand benennt diese Situation, nach den tragischen Vorfällen, die vor einigen Jahren in dem bekannten Brüsseler Stadium vorgefallen waren, den 'Heysel-Effekt'. Die Luft ist nicht atembar, die Augen, die Nase und der Hals brennen. Durch die Menge, die auf uns drückt, glaube ich in diesem Moment, dass wir wohl sterben würden. Ich verliere den Kontakt zu meinem Freund, kann aber zusammen mit der Freundin in die einzige Richtung entkommen, die zu dieser Zeit passierbar ist: in die Via San Pietro Foce (aus der allerdings zuvor einige Tränengasgranaten geflogen kamen). Hier kann man nicht mehr atmen und so suchen wir in einer Einfahrt Schutz, die zu einem Keller hinab führt und in der bereits 15 Personen Unterschlupf gefunden haben. Die Ironie des Schicksals wollte es dann so, dass uns eine der dort versammelten Personen sagte: 'Hier seid Ihr in Sicherheit..'. Hier kommen wir endlich wieder zu Luft, aber genau in diesem Moment kommen einige wie Marsmännchen gepanzerte Polizisten vorbei, halten ihre Maschinengewehre auf uns und lassen einen nach dem anderen herauskommen, indem Sie uns einen Knüppelschlag in die Seite versetzen. Es wurden alle von uns mitgenommen, sogar einer der es geschafft hatte über eine Feuerleiter bis in den obersten Stock des Wohnhauses zu gelangen.
Kurz darauf kommen Drei Zellenwagen der Polizei an, die uns ins Generalquartier der (Un)ordnungskräfte bringen, die sich zu dieser Gelegenheit im Messegelände von Genua befindet. Bei unserer Ankunft empfängt uns ein Geschrei wie in einem Fußballstadium, als seien wir eine Kriegsbeute. Es folgen lange Prozeduren, sie lassen uns einen nach dem anderen, mit gesenktem Haupt und den Händen auf dem Kopf, aus dem Polizeiwagen steigen. Die Frauen werden an einen anderen Ort gebracht, so dass ich den Kontakt mit meiner Freundin verliere. Ich erfahre erst nach zwei Tagen, dass fast alle Frauen, nach einer kurzen Befragung, umgehend wieder frei gelassen wurden; vielleicht, weil sie, nach der dortigen vorherrschenden Mentalität, einen Haushalt zu führen haben. Wir Männer wurden dagegen von Kopf bis Fuß durchsucht und es wurde uns alles was wir bei uns hatten abgenommen. Ich hatte eine Tasche mit einer k-way (eine Fotokamera) und ein Portemonnaie bei mir, in dem sich verschiedene Magnetkarten befanden, von denen ich bis heute nicht weiß, wo sie sich befinden. Andere persönliche Gegenstände wurden teilweise verpackt (ich besaß noch ein Handy mit einer Reservebatterie, ein Päckchen Zigaretten, meine Haustürschlüssel, einen abgelaufenen Ausweis und 75.000 Lit. (etwa 75 DM; Anm. d. Übersetzers). Auch von diesen Gegenständen weiß ich nicht, wo sie geblieben sind.
Einige geben an, dass sie mit der ganzen Sache nichts zu tun haben und zeigen Ihre Berufsausweise vor, was ihnen jedoch nichts nützt. Wir bekommen alle Handschellen angelegt, werden provoziert und zähflüssig in die Autobusse der Carabinieri geladen. Kurz darauf kommen wir an die Absperrungen der Roten Zone, die sich, wie durch ein Wunder, öffnen, so dass wir am Palazzo Ducale (der absolut isoliert ist, ruhig und irreal wirkt) und am Leuchtturm vorbei in die Autobahn einbiegen und bis zur Abfertigungsstelle in Genua Bolzaneto fahren, wo wir letztendlich auf eine beunruhigende Struktur treffen. Später finde ich heraus, dass es sich um eine Abteilung der mobilen Einheiten mit Ausrüstung für die Bereitschaftspolizei handelte, die für diese spezielle Gelegenheit den Vollzugsbeamten überlassen worden war. Es war etwa 17:00. Weiterhin in Handschellen, werden wir aus dem Autobus geworfen und allesamt geknüppelt und geschlagen; der eine mehr, der andere weniger. Es gab hier Einsatzkräfte jeden Typs: Polizisten, Vollzugsbeamte, Carabinieri und Finanzpolizei, letztere waren dabei am brutalsten. Unter Ihnen war einer, der 'Tiger' genannt wurde, und der jeden schlug, der durch den Korridor kam. Nachdem uns die Handschellen abgenommen und uns die Ausweise wieder ausgehändigt worden waren, wurden wir in ein Gebäude mit einem zentralen Korridor und mehreren großen Zellen an den Seiten gebracht. In diesem befanden sich einige Demonstranten, die mit dem Gesicht an die Wand gelehnt standen. Einer nach dem anderen mussten wir uns nackt ausziehen, uns dann wieder anziehen und daraufhin die Schürsenkel aus den Schuhen, den Gürtel und die Uhren abgeben (Bisher gibt es auch von diesen Gegenständen keine Spur.). Daraufhin müssen wir mit dem Gesicht gegen die Wand, gespreizten Beinen, ausgestreckten und erhobenen Armen (Dies ist die sogenannten 'Schwanenposition', vielleicht weil sie sich auf den 'Schwanengesang' bezieht) stehen. Wer dabei Schwäche zeigt, indem er den Arm sinken lässt, den Blick von der Mauer abwendet oder die Beine zusammenzieht wurde sofort mit Schlägen in den Nachen, Tritten an die Füße oder ans Schienbein oder mit Faustschlägen in die Seite oder den Bauch bedacht. Mir war sofort klar, dass diese Sache lange dauern würde, so dass ich fast auf der Stelle eine hysterische Krise bekam, die dazu führte, dass ich meine Arme ein klein wenig absenken durfte. Ich war auf jeden Fall davon überzeugt, dass es sich um eine Einschüchterungskampagne handelte, um uns davon abzuhalten, später weiter zu demonstrieren, eine Sicht die man darauf zurückführen kann, dass sich unter den Festgenommenen eine große Zahl von Jugendlichen befand die, nach Durchführung der nötigen Kontrollen über kurz oder lang wieder freigelassen werden mussten. Wir waren einfach zu viele, und es waren vor allem auch zu viele 'normale' Leute, Berufstätige, Bankangestellte, Familienväter.... unter uns. Das Zermürbendste an dieser Situation war, neben der körperlichen und seelischen Folter, nicht etwa dass es unmöglich war jemandem Bescheid zu geben, nicht dass man nicht begriff ob wir nur festgehalten oder festgenommen waren und auch nicht dass man noch nicht einmal das Warum der Festnahme wusste, sondern dass man vor allem nicht wusste, wie lange die ganze Marter dauern sollte. Währenddessen wurden wir von allen anwesenden Militärs, wie auch von denen außerhalb der Zellen, beschimpft und ununterbrochen provoziert. Jedem von uns wurden, reihenweise verschiedene Provokationen wie: Zecke, scheiß Kommunist, Abschaum der Gesellschaft, Schwuli, Bastard... an den Kopf geworfen. Sobald jemand eine Reaktion zeigte, wurde er geschlagen. Andere Provokationen waren etwas dezenter: 'Gegen was demonstriert Ihr eigentlich? Was wollt Ihr hier in Genua eigentlich? Ihr wollt eine Revolution.... Was wisst Ihr schon davon? Ihr schwatzt von Proletariern und wisst ja noch nicht mal was es heißt zu arbeiten, Ihr zerstört Geschäfte, zündet Autos an und wisst gar nicht, was man für Opfer aufbringen muss, um sich ein Auto zu kaufen...' . Natürlich hagelte es auf die geringste erwiderte Antwort Schläge.... Bei denjenigen, die darüber hinaus nicht als normal angesehen wurden, wurden die Prügeleinheiten noch vervielfacht. Dies traf zum Beispiel auf die zu, die Rasta-Haare, Ohrringe oder Piercings trugen bzw. die sich durch eine 'sonderbare' Hautfarbe bzw. Kleidung auszeichneten. Neben den anderen Provokationen spielten Sie uns mit Ihren Handys 'faccetta nera' (eine faschistische Hymne, Anm. d. Übersetzers) vor, sangen sie Hymnen auf Pinochet, bzw. erzählten uns Bertinotti (Chef der Rifondazione Communista, Anm. d. Übersetzers) und Manu Chao seien unterwegs uns zu befreien. Als sei dies nicht genug wurden zu gewissen Momenten des Abend kleinere Mengen Tränengas in die Zellen gelassen ('Zwiebelbömbchen', wie sie von ihnen genannt wurden.). Bis etwa 21:30 (die Uhrzeit konnte man nur anhand des Sonnenlichtes bzw. der Dunkelheit erahnen), war es uns nicht einmal erlaubt, auf die Toilette zu gehen. Losgelöst von dieser Unmöglichkeit auf Klo zu gehen, hatten sich einige auch vor Angst in die Hose gemacht. Daraufhin ließ man uns reihenweise auf Toilette gehen und Wasser trinken, allerdings haben viele auch unter diesen Umständen noch Schläge erhalten.
In dieser Position wurden wir für mehrere Stunden belassen (in meinem Fall ca. 15 Stunden, von 17:00 am Samstag bis 8:00 am Sonntag). In der Zwischenzeit kamen ununterbrochen weitere Demonstranten an, so dass es in den großen Räumen langsam eng wurde. Ich konnte weder die Gesichter sehen, noch wie viele Leute herein kamen, da ich ja den Blick an die Wand gerichtet halten musste. Dennoch schätze ich, dass zwischen dem Abend und der Nacht nicht weniger als 120 - 150 Personen in dieses Lager verbracht worden sind. Einige wurden nach wenigen Stunden gerufen und weiter ins Gefängnis verfrachtet, ob es diejenigen waren, gegen die die schwereren Anschuldigungen vorgebracht wurden oder die, die bereits vorhergehende Anzeigen vorzuweisen haben, kann ich nicht beurteilen. Die Behandlung der Leute, die bereits den Vollzugsbehörden bekannt waren, war jedenfalls doppelt so gewalttätig und respektlos. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Fall eines Jugendlichen der, indem man ihm an den Ohren und Haaren zog, gefragt wurde: 'Der Staat, den Du bekämpfst, zwingt mich dazu dich zu fragen, ob Du uns einen Anwalt deines Vertrauens nennen möchtest....' . Es war auf jeden Fall die Hoffnung von uns allen gerufen zu werden. Auch die mögliche Übersiedlung das Paradies eines Knastes wäre immer noch besser gewesen, als weiter in dieser Hölle zu schmoren.
Wir verbrachten eine Nacht in der wir einem kalten Luftzug ausgesetzt waren (Bolzaneto liegt auf einem Hügel). Ich zitterte so an die Wand gelehnt die ganze nacht vor Kälte, Müdigkeit und Angst. Einige Zeit ließen Sie uns 'aufrecht' (also ohne sich an die Wand zu lehnen) im Raum stehen; in anderen Momenten mussten wir dagegen knien. Für mich und die meisten, die mit mir am Vortag in der Auffahrt festgenommen worden waren, endete die Agonie am nächsten Morgen, nachdem wir weitere Schläge in den Bauch und den Nacken erhalten hatten. Gegen sechs Uhr wurde ich zum Fotografieren geholt und es wurden mir Fingerabdrücke abgenommen; dort begriff ich dann, dass ich festgenommen werden sollte. In diesem Büro sah ich auch einige meiner persönlichen Gegenstände, die mir am vorhergehenden Nachmittag abgenommen worden waren. Ich hofft, dass sie mir diese zurück geben wollten, aber es kam anders und sie wurden auch nicht mit in das Gefängnis bebracht, in das ich daraufhin verfrachtet wurde. Kurz darauf, wir waren jeweils zu zweit mit Handschellen aneinander gekettet, wurden wir in einen Autobus der Vollzugsbehörde (die mit den Gittern) gebracht, mit denen wir in das Gefängnis von San Michele in Alessandria gebracht wurden. Während dieser Fahrt von einer Stunde oder wenig mehr, sind wir alle in einen tiefen Schlaf gefallen, der so tief war, dass ich beim Aufwachen dachte, die Handschellen seien meine Uhr, die mich so drücken würde. Vor mir war ein 18 Jahre alter, farbiger Junge aus Genua. Er hatte ein zerrissenes T-Shirt und große blaue Flecken im Gesicht und am Körper Ich erinnere mich noch, wie er, als wir im Gefängnis ankamen, murmelte: 'Ihr werdet sehen, hier gibt es weitere Schläge.'
Tatsächlich setzte sich der Willkommensgruß aus Ohrfeigen und Fußtritten zusammen, glücklicherweise erhielten wir von diesem Moment an keine weiteren Schläge mehr. Sie steckten uns jeweils zu zweit in die Zellen und endlich konnten wir schlafen und erhielten gegen Mittag sogar eine warme Mahlzeit. Ich erinnere mich auch, dass uns Bücher zum lesen gebracht wurden, unter denen sich sonderbarer Weise auch der zweite und dritte Band des Kapitals von Marx befanden (vielleicht hatte schon ein anderer Gefangener den ersten Band genommen!). Ich sagte noch zu mir selber: 'Ich hoffe keine Zeit zu haben das zu lesen....' und nahm mir einen Aufsatz von Nietzsche, der mir allerdings nur dazu diente, die Mücken zu zerquetschen. Am Abend wurde uns vom Pflichtverteidiger übermittelt, dass wir nicht vor Dienstag oder Mittwoch freigelassen werden würden, allerdings ohne dass wir irgendjemanden benachrichtigen könnten. In dem Moment, in dem die Niedergeschlagenheit gegenüber der Wut das Übergewicht erhielt, bekamen wir dann Besuch von zwei Stadträte aus dem Piemont, einem von der Rifondazione, der andere von den Grünen, die uns ankündigten, dass wir am selben Abend frei gelassen werden würden. Es gab eine wahrhaftige Explosion der Freude.
Gegen 22.30 wurden wir mit etwa 20 Leuten frei gelassen, unter ihnen fast alle die am Tag zuvor in der Einfahrt in der via San Pietro Foce waren. Die meisten von uns waren nun ohne Geld, ohne ein Telefon und ohne alles. Die größte Überraschung war in diesem Moment die Ankunft einiger Genossen aus Alessandira, die uns zu Hilfe kamen. Einige von uns wurden zum Bahnhof, andere direkt nach Genua gebracht, wo sie ihre Freunde, ihre persönlichen Sachen, etc. zurück gelassen hatten. Andere Leute wie ich, wurden hier erst einmal aufgenommen, haben etwas zu Essen, das Geld, um die ihre jeweilige Herberge zu erreichen, und sogar ein Päckchen Zigaretten bekommen.
Die außerordentliche Solidarität vieler Genossen, Freunde, Familienmitglieder, Arbeitskollegen und der gesamten Stadt Genua sind, wie die beeindruckende Demonstration vom Samstag, das fassbare Zeichen das dieses Land nicht im geringsten 'normalisiert' ist. Wenn die Rechte denkt, dass es ausreiche den Widerspruch von einigen wenigen mit Gewalt zu unterdrücken, um einen annähernd einstimmigen Konsens zu erreichen, so hat sie sich enorm getäuscht!

Der Augenzeugenbericht ist von einem Genossen aus Bologna. Für Nachfragen meldet Euch bitte bei mir: h0444qvy@student.hu-berlin.de
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Ergänzungen