Wackersdorf ist Genua

Armin Reich 24.07.2001 02:09 Themen: Repression
Eine Betrachtung über die verblüffende Parallelität der Strategie der Herrschenden und wie sie immer aufgeht.
Ich denke, es ist kaum noch jemand von den sogenannten "Alt-68ern" da, der sich hier zu den Spaltungsgeschichten äußern wird. Auch mir erscheinen die Sätze, die ich jetzt schreibe, eher wie in den Wind gepustet. Die Strategie der Herrschenden ist stets dieselbe und wir sind stets so blöd darauf reinzufallen. Doch die Bilder des vergangenen Wochenendes rufen in mir die Bilder von vor 15 Jahren wach: Ein Hubschrauber kreist über der Demonstration an Pfingsten nach Tschernobyl über der friedlichen Menschenmenge abseits des Bauzauns, schießt CS-Gasgranaten hier und in den Sammelplatz des Roten Kreuzes hinein. Rentner laufen verwirrt und nach Luft japsend umher, vor mir fliegt eine Gaskartusche - vom Boden abgeprallt - in einen Kinderwagen, die Mutter wirft diesen panisch um und ist dann vom Gas unfähig, sich zu bewegen. Ein anderer schnappt das schreiende Kind und läuft in den Wald. Alle, die sich noch auf den Beinen halten können, sehen rot: die 2 Hundertschaften anwesender Bereitschaftspolizei werden regelrecht in Stücke gehauen - Wannen brennen. Am anderen Tag ist die Story von den Krawalltouristen in der Zeitung, die Szenerie wird einfach umgedreht. Und wir im Info-Büro brachen uns einen ab, um die Öffentlichkeit über die Wahrheit aufzuklären, auch über die beiden Toten, die es zu diesem Zeitpunkt schon gegeben hatte. Statistisch gesehen umsonst.

Am 7.6. finden zwei Demos mit insgesamt 100.000 Leuten statt und die Bullen prügeln auf alles ein, was ihnen in die Quere kommt - Brutalitäten in ihrer widerlichsten Form werden dokumentiert. Wieder sind die Krawalltouristen schuld. Die Grünen distanzieren sich eifrig, denn die Medien machen ausgerechnet sie dafür verantwortlich, daß es diese gibt. Die Autonomen geifern böse zurück - sie fühlen sich von allen verlassen und jeder sieht nur noch die verlogene Hetze in den Medien und nicht mehr, was sie wirklich leisten.

Die nach Tschernobyl so starke und konsequente Bewegung ist spätestens nach den Schüssen auf Polizisten an der Startbahn-West heillos zerstritten und unfähig, noch etwas auf die Beine zu stellen. Im Gegensatz dazu ist die Staatsmacht stärker und mächtiger unterwegs denn je. Ohne Widerspruch werden selbst Info-Stände geräumt, der Bundeskongreß der Anti-AKW-Bewegung in Regensburg wird wegen zwei im Reader abgedruckter Aufkleber untersagt. In einem Gebiet von 200 Quadratkilometern Größe werden Demonstrationen generell verboten. Die Szene ergießt sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen und jeder, der entschieden gegen die Nutzung der Atomenergie rebelliert und sich nicht auf das Abhaken von Wahlzetteln reduziert gilt als Radikaler. Im Vergleich zu der Pogrom-Stimmung Ende '86 in der BRD sind die Globalisierungsgegner heute die Lieblinge des Volkes.

Derartige Details wirken aus 15 Jahren Distanz jedoch als pure Nebensächlichkeiten. Was der Staatsmacht damals gefährlich war, war die kompromißlose Haltung der Bewegung und die weitgehende Toleranz in der Bevölkerung. Nach dem GAU in dem russischen Kraftwerk stand die Atomlobby hierzulande mit dem Rücken an der Wand. Die Inszenierungen seitens der Polizei, die Sprüche der Politiker und die Nachrichten in den Massenmedien hatten ein Ziel: die Zerschlagung eines Machtfaktors außerhalb des Parlaments, eines Machtfaktors, der begonnen hatte, sich gegen dieses durchzusetzen. Ihnen ist jedes Mittel recht um ihre Politik durchzusetzen und wenn sie uns zu Dutzenden niederschießen um es dann auf andere zu schieben (was außerhalb von unserem kuscheligen Europa ja eher die Regel ist). Denn ihre Triebkraft ist die Angst, oder wie es Brecht sagt: "das Sichere ist nicht sicher, so wie es ist, bleibt es nicht. Wenn die Herrschenden gesprochen haben, werden die Beherrschten sprechen!"

Wahrscheinlich wird es jedoch wieder "europäisch" werden. Die Reformisten und die Revolutionäre werden sich in kleinliche Diskussionen versteifen, anfangen, sich gegenseitig zu hassen und alles, worum es eigentlich ging, aus dem Auge verlieren. Politiker, die es wirklich noch ernst meinen, wird es nicht mehr geben - nur noch konterrevolutionäre Arschlöcher. Gruppen, die den Dialog mit der Macht ablehnen und Position beziehen werden fanatische Radikale sein. Und die wahren Gewalttäter - die deren Verbrechen die Dimensionen sprengt, die wir uns selbst auferlegen - werden sich ins Fäustchen lachen und weiter ihre Millionen scheffeln.

Anfang 1986 hatte ich das Gefühl: "jetzt ist der Moment gekommen, jetzt erreichen wir den Umschwung!" Ein Jahr später war ich völlig fertig und resigniert, nicht allein wegen der Repression, sondern eher noch, weil die Bewegung völlig mutiert war. Nach den ganzen Jahren seit damals erreicht der Widerstand gegen all die Unterdrückung und Zerstörung wieder das Format von damals. Mein Kind ist jetzt groß und ich möchte mich wieder ohne Rücksicht auf mich selbst einklinken. Vielleicht bleibt mir ja eine neuerliche Enttäuschung erspart. Vielleicht werden die Sektierer ja von den Vernünftigen untergebuttert und es heißt in einer Woche wieder:

- Schuldenerlaß für die Ärmsten - sofort!
- Keine gentechnischen Experimente mehr, nicht an Menschen und erst recht nicht an unserer Nahrung!
- Schluß mit den Atomtransporten!
- Beendet die Kriegsspiele auf dem Balkan!
- Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts!
- Zerschlagt die totalitären Polizei-Strukturen, den Überwachungsstaat!- Für eine Zukunft und gegen die Profitgier!

Wer hier wen schlägt und was jetzt die effektivste Widerstandsform ist, das ist mir - ehrlich gesagt - scheißegal!

Armin Reich (Pseudonym, ehemals Info-Büro Freies Wackerland)
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Ergänzungen

Sehr gut!!

Asterix 24.07.2001 - 03:09
Ausgesprochen guter, gehaltvoller Beitrag, der angenehm von den sonst üblichen emotionalen Diskussionsschemata abweicht!! Für eine produktive Debatte!! Keine Spaltung!! Für das gleichberechtigte Nebeneinander verschiedener Aktionsformen!!
Lasst uns diese - vielleicht auf lange Sicht - einmalige Chance, unsere Zukunft, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen, nicht durch kleinliche Diskussionen zerstören, lasst uns nach den Gemeinsamkeiten in unseren Zielsetzungen suchen!! Lassen wir uns nicht von den Herrschenden und ihren Medienlakaien diktieren, WORÜBER wir zu diskutieren haben!!
Der Kampf geht weiter, Carlos darf nicht umsonst gestorben sein!! Für den Rätekommunismus, für ein selbstbestimmtes, lustvolles Leben ohne Existenzangst, Arbeitshetze und Umweltzerstörung!

Moin!

Icke 24.07.2001 - 12:21
Dieser Beitrag sollt uns eigentlich dazu auffordern endlich vernünftiger miteinander umzugehen und gegenseitige Kritik anzuhören, statt immer gleich wie auf Angriffe reagieren. Wurde dieser Text auch Leute, wie etwa atta und anderen, die nun wie die Grünen damals unter Distanzierungsdruck stehen weitergeleitet?

nicht vergessen!

Lumpi 24.07.2001 - 13:03
In der Aufzählung der Forderungen am Ende des Textes vermisse ich etwas. Es wird gefordert, Gentechnische Experimente an Menschen und an der Nahrung einzustellen. Supi! Ganz meine Meinung, aber vergesst die Tiere nicht.
*Einstellung aller Tierversuche!!!
*Ende aller ermordungen von Tieren zu Nahrungs-, Mode-, und Unterhaltungszwecken!!!

*Für die Freiheit von Erde, Mensch und Tier!

Keine faulen Kompromisse!

24.07.2001 - 16:31
Lumpi! Es waren doch nur Beispiele! Der Kapitalismus hat die verschiedensten Symptome. Du hättest vielleicht Sachen vergessen, die ich vermissen würde! Ws geht doch nur ums Prinzip.

Der Widerstand darf sich nicht spalten lassen

Rebel 24.07.2001 - 17:32
Der Widerstand darf sich nicht spalten lassen!

Der Versuch der Herrschenden die Bewegung zu spalten darf nicht aufgehen. Nicht der sogenannte "Schwarze Block" hat Tränengaskartuschen verschossen, Friedliche Demonstranten total zusammengeschlagen oder scharf geschossen. Wenn jetzt einige behaupten Autonome/Militante wären daran schuld ist das einige völlige Verdrehung der Realität (in Genua). Es ging darum die Rote Zone zu stürmen! Mit den verschieden Protestformen aber als eine gemeinsame Bewegung. Es ist doch klar das die Bullen (ihre Auftraggeber) entsprechend reagieren. Auch die Tute Bianchi wurden mit Gas nur so eingedeckt obwohl sie ja keine Gewalt gegen Polizisten einsetzten. Es gilt jede Art von Spaltung abzulehnen- alle Aktionsformen haben ihre Berechtigung! Unsere Arbeit sollte jetzt Öffentlichkeitsarbeit und Solidaritätsaktionen zu den Eingeknasteten sein. Gleichzeitig müssen die Aktionen in und zu Genua ausgewertet werden um beim nächsten Mal noch besser aktiv werden zu können.

Widerstand jetzt- Kapitalismus abschaffen!

P.S.: Schön einen Anti WAA Aktivisten wieder begrüssen zu können- Du hast recht die Spaltungsversuche der Herrschenden sind die gleichen geblieben.

24.07.2001 - 17:36
Aber Schnitzel ist doch so lecker...hehe....

ganz deiner Meinung!

grrl 24.07.2001 - 19:03
Ich bin zwar keine alt-68'erin aber eine "alt 80'erin" :-).
Diese Phänomen, das alle paar Jahre das gleiche Muster abläuft, Widerstand erstarkt, dann Spaltungsversuche über Knüppelorgien, was bei vielen auch zieht. Vielleicht ist es aber auch leichter zu sagen "wegen dem schwarzen Block gehe ich nicht mehr demonstrieren" als sich mit der Angst, die diese Erlebnisse auslösen und auch dem Frust, weil es eben mühsam und viel Arbeit ist sich zu engagieren, auseinanderzusetzen. Ich denke es ist ein ganz wichtiger Aspekt, sich mit unserer Geschichte zu beschäftigen, viel mehr in Erfahrungsaustausch miteinander zu gehen, ohne das die "älteren" als Klugscheisser alles schon wissen, damit nicht immer wieder die gleichen Strategien greifen....

Streit ist wichtig - unity is strength!

banshee 24.07.2001 - 19:28
Hoffnung...!
Sie ist die einzige die wir haben!
Dass es eines Tages, eines wunderschoenen Tages besser aussieht auf dieser Welt.
ich glaube nicht, dass die Besteuerung der Finanzmaekte reicht, das zu erreichen, aber das kann ein guter Schritt sein.
Ich glaube nicht, dass ein Steinwurf und eine ausgebrannte Bank den Menschen klar macht, was wir wollen, aber ich kann verstehen, was diese menschen bewegt, und mein Herz wirft manchmal mit. Doch kein Stein hat soviel Kraft wie hunderttausend Menschen.

Dies ist ein Bitte! Ein Bitte an all die verschiedenen Kraefte dieser Bewegung, an die PazifistInnen und die ReformistInnen und die Oekos und die Anarchos und die KommunistInnen und SozialistInnen und Autonomen und AntikapitalistInnen und FeministInnen und all die wunderbaren Menschen mit denen wir hier die Chance haben, was zu erreichen: lasst uns miteinander weiterbauen. Noch haben wir gar nichts erreicht, wir muessen noch einen so weiten Weg miteinander gehen!

Wir MUESSEn miteinander streiten. Ueber den Weg, die Strategie, den naechsten Schritt, die Richtung. Wir brauchen noch viel Kraft und Mut.
Carlo ist tot. Wir leben. Lasst uns das beste daraus machen. Uns haelt zusammen, dass wir wissen dass es so nicht weitergehen kann, dass wir eine andere, eine schoenere, freiere,. sozialere Welt wollen. Das ist doch ein schoener Grundstein.
Also: fruchtbar streit-
en, unite and fight!

mir ist es wichtig...

Lumpi 25.07.2001 - 01:41
Klar, in meiner Aufzählung hätten vermutlich anderen Leuten etwas gefehlt. Aber Tiermord ist nicht nur Teil vom Kapitalismus und wird ohne ihn nicht zwangsläufig verschwinden, wie z.B. der Kommentar von Rebell deutlich zeigt. Tiermord ist viel älter als der Kapitalismus. Circus, Jagd, Stierkampf, ... . Hier wäre eine lange Auflistung möglich. Ausserdem gibt es immer noch viele Menschen, auch die, die Herrschaft kritisieren, die Fleisch essen total toll finden und gegenüber dem Leiden von Tieren völlig unsensibel sind. Ich freue mich auf den Tag, an dem sich alle Vegan ernähren, fangt schon HEUTE damit an...;o) und hört nicht mehr damit auf.

Protestformen ändern sich,die Spalter nie!

Messerjocke 25.07.2001 - 02:59
Ich war in den 80igern schon als Schüler in der Anti-AKW/-Kriegs-Bewegunng engagiert. Die Spaltungstaktik der Herrschenden über die Gewaltfrage wurde ähnlich geführt wie heute. Die Polizei hat auch einige unserer Aktivisten ermordet - z.B. G.Sare wurde in Frankfurt von einem Wasserwerfer totgefahren. Wenn es die Bewegungen heute schaffen, eine Art Arbeitsteilung bei den Aktionen abzusprechen, die ein Spektrum von militant entschlossenen Aktivisten bis zu peacigen Aktivisten zulassen kann,wäre die Bewegung einen Schritt weiter. Auf keinen Fall dürfen wir uns wieder über die Gewaltfrage zersplittern lassen,dann würde sich die Geschichte widerholen - wir erinnern uns ja alle an den Weg der Grünen - dann können wir gleich unsere Koffer packen. Nach über 20 Jahren basisbewegter Arbeit bin ich wieder mit guter Hoffnung dabei.
Viva la autonomia !

In vollem Gange

Utz 26.07.2001 - 04:07
Dein sehr ehrlicher Bericht hat mir geradezu aus dem Herzen gesprochen. Insbesondere durch den Einsatz von Provokateuren, auch das ist nichts neues, nur das man sie in Hannover bei den Anti-Expoaktionen gut an dem Ballermannhumor erkennen konnte, ist die Spaltung teilweise bereits gelungen und die pseudoalternative Presse (TAZ) stürzt sich gierig auf die Gewalttäter. Wie diese "Gewalttaten" zustande kommen, habe ich in der Berichterstattung der bürgerlichen Presse mitverfolgen können. Der rote Block demonstrierte Freitag friedlich und massenhaft am Stahlzaun. Auf dem Rückweg wurden wir von hinten aus Fenstern mit Tränengas beschossen. Im Spiegel war die Rede von Flaschen, die auf die Polizei geworfen wurden, ohne zu erwähnen, dass es sich um leere Plastikflaschen handelte. Vor dem Convergence Center wurde die Großdemonstration von Hubschraubern, von Wasser und von der Strasse mit Tränengas angegriffen, während 20 Meter von der Polizei entfernt Kleinwagen brannten, im Unterschied zu dem Viertel, wo Carlo Guillani erschossen wurde. Dort hatten nämlich REALE Militante ausschließlich Banken zerstört, während die kleinen Läden, Autos etc. heil geblieben waren. Auch das ist nicht neu. Deshalb betreffs der Spaltung. Hütet euch vor Typen, die unbedingt irgendetwas stürmen wollen und sich dabei durch besondere Rücksichts- und Vernatwortungslosigkeit auszeichnen. Die militanten (Autonomen etc.) sind meiner Erfahrung nach sehr diszipliniert und achten peinlichst darauf, andere Demonstrationsteilnehmer nicht in Gefahr zu bringen. Solidarische Grüße

jeder wie er kann, jede wie sie will

achim 07.08.2001 - 01:09
gut mal wieder etwas geschichtliches zu lesen. mir fällt es dann leichter aktuelle ereignisse einzuschätzen.
doch richtig wichtig ist: siehe titel