Verschleierung von Herrschaft und Verwertung

Gruppe Landfriedensbruch 21.07.2001 11:00
Die ständig in den Vordergrund gestellten Berichte über Krawalle in Medien und PolitikerInnen-Gefasel dienen der Verschleierung der tatsächlichen Macht- und Verwertungsverhältnisse. Umso wichtiger ist, klare Positionen und Visionen zu benennen, Selbstbestimmung in den Aktionsformen und als politisches Ziel aktiv zu wollen. Ein Text der Gruppe Landfriedensbruch zu politischen Protestformen.
Gruppe Landfriedensbruch

Krawallberichte dienen der Verschleierung von Herrschaft und Ausbeutung
Nötig ist eine breite, widerständige Bewegung mit vielfältigen Aktionsformen und klaren Zielen jenseits von Herrschaft und Verwertung

"Ritualisiert" wird der Protest vieler Menschen gegen Symbole von Herrschaft und Ausbeutung oft genannt. "Chaoten" und "Krawallmacher", "Militante" oder als neues Wort "Polit-Hooligans" werden durch PolitikerInnen und Medien erschaffen. Doch ritualisiert sind nicht (nur) deren Aktionsformen, sondern vor allem der öffentliche Umgang mit ihnen.

Wir möchten die Proteste unter einen völlig anderen Blickwinkel stellen:

Seit einigen Jahren und schnell zunehmend stärker protestieren viele Menschen in den Industrienationen, die mit ihrer Wirtschaftskraft, ihren kaltschnäuzigen Konzernen und der zur internationalen Polizeitruppe gewandelten NATO die Welt, alle Länder, Menschen und Umwelt als Gegenstand ihrer Beherrschung und Ausbeutung betrachten. Kaum noch ein wichtiges Treffen von RegierungschefInnen und/oder Konzernen ist nicht von massiven Protesten begleitet. In klassischer Manier, wie in anderen Diktaturen auch, beschimpfen die FührerInnen der Nationen die EinwohnerInnen der Länder als "Chaoten" usw. Und wie nur in besonders krass-hierarchischen Diktaturen lassen sie sich von Polizeieinheiten mit gezielten Schüssen verteidigen. Die Konzerne, die auf der durch die Herrschaft abgesicherten Verhältnissen ihre Profite machen, lehnen sich zurück und genießen die willfährigen Unterdrückungstruppen, die ihnen den Weg zu allen Märkten und Rohstoffen weltweit ebenso freiprügeln und -schießen wie den der Castoren ins Atommüllager oder die mit ihren Machtmitteln unerwünschte Menschen in Hoffnungslosigkeit, Folter oder Tod abschieben.
Bislang war es auch ein Ritual der selbsternannten Führungsnationen, "undemokratische" Staatssysteme zu kritisieren bzw. als neue Form der Politik mit NATO-Kampfbomben einzudecken. Die Medien, von "Bild" bis "taz" in diesen grundlegenden Fragen ebenfalls willfähriger Teil der Einheitsmeinung vom guten Westen und den Schurkenstaaten woanders, formten dieses Bild der unterdrückten Menschen in anderen Diktaturen - zur Vorbereitung der segensreichen Einmischung von WTO, NATO usw. Jetzt aber, wo (endlich!) die Proteste in den Verursacherländern von internationaler Ausbeutung und Unterdrückung sowie in den am weitesten entwickelten Ländern hinsichtlich Überwachung, Abschiebung, innere Sicherheit, Kriegstechnologie usw. beginnen, werden Menschen, die bei gleichen Motiven und Aktionsformen beim Protest gegen die unterdrückenden Regierungen ärmerer Länder noch zu Freiheitsbewegungen deklariert werden, hier zu "Chaoten" und "Polit-Hooligans". Bislang fehlt jegliche öffentliche Bewertung, daß diese Auseinandersetzungen eine breite und offene Konfrontation zwischen den Menschen und denen, die sich regieren sind (einschließlich und vor allem der Institutionen und Mechanismen der Unterdrückung).

Deshalb ist eine veränderte Wahrnehmung der Proteste nötig:

1. Der Protest wird von einer Kritik an Herrschaft und Verwertung getragen!
Die Begriff "GlobalisierungsgegnerInnen" ist vor allem eine Erfindung der Medien und der Politik sowie einiger sehr staatsnaher NGOs, die sich am Rande der Proteste bewegen. Tatsächlich ist aber ein Widerstand gegen die Logiken von Verwertung und Herrschaft nötig und auch existent. Ein Blick auf viele der Aufrufe und Dokumente beweist das klar (z.B. die Erklärung von Peoples Global Action, siehe  http://www.agp.org, oder die beiden deutschen Mobilisierungszeitungen "Gipfelsturm" und "Bewegungsmelder(in)". Alles andere ist eine Lüge - gezielt, um die AktivistInnen als hinterweltlerische Chaoten zu denunzieren.

2. Die Auseinandersetzung ist kein Bürgerkrieg, sondern der von Herrschenden und Beherrschten
Es kämpfen nicht WendländerInnen gegen Nicht-WendländerInnen, EinwohnerInnen von Prag, Göteborg oder Genua gegen andere Menschen, sondern immer eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen gegen die Herrschenden bzw. die Herrschaftsinstitutionen und ihre Büttel, z.B. Armee und Polizei.

3. Die Motive der AktivistInnen sind eine freie Gesellschaft, ohne Markt und Macht
Auf widerliche Weise werden die Protestgruppen immer wieder als "ChaotInnen" diffamiert, die die Auseinandersetzung mit der Polizei als Selbstzweck sehen. Dabei wird ständig und gezielt weggelassen, daß oft kreative Aktionsformen gesucht und etliche Inhalte vertreten werden. Interviews in der Presse werden auf die Passage über die Gewaltfrage gekürzt, in der Berichterstattung stehen Steinwürfe im Vordergrund, nicht jedoch die dahinterstehenden Forderungen und erst recht nicht die vielen anderen Aktionsformen, die gleichberechtigt daneben organisiert wurden von anderen, teilweise auch von den gleichen Menschen. Das Bild der AktivistInnen in der Öffentlichkeit wird von Politik und Presse so konstruiert, wie sie es brauchen. Ein faszinierendes Beispiel dafür lieferten die Aktionstage zur Klimakonferenz in Bonn: Die ersten Tage wurden die DemonstrantInnen als "Hippie-Camp beim Öko-Bauer" und als eine Art Schröder-Jugend bezeichnet, die nach Bonn gekommen waren, um gegen die böse USA und für das Kyoto-Protokoll und die EU einzutreten. Nichts davon war richtig. Mit Beginn der Auseinandersetzungen um den G8-Gipfel in Genua, u.a. mit dem Versuch einer Gratiszug-Fahrt von Bonn nach Genua, wurden aus denselben Menschen "Militante", "Chaoten" usw. - so wie die Politik es braucht, wird es gemacht.

4. Die Aktionsformen sind vielfältig und selbstbestimmt
Der Protest in Genua wurde von über 100.000 Menschen getragen. Das Spektrum ist breit und vielfältig. Diese Vielfalt ist gut und wichtig. Sie wird allerdings weder öffentlich vermittelt noch in den eigenen Diskussionen als wichtig erkannt. Es sind oftmals VertreterInnen der staatsnahen NGOs, die die schmutzige Arbeit von Regierung und Wirtschaft übernehmen, politischen Protest zu spalten. Andere, auch viele aus den NGOs halten dagegen an der Idee fest, daß Selbstbestimmung nicht nur ein Ziel für die zukünftige Gesellschaft ist, sondern auch schon in unseren Aktionsformen gelten sollte.

Wir wehren uns gegen:
- Die Lügen und Einseitigkeiten in den öffentlichen Medien, das Weglassen politischer Ziele und das gezielte Verschweigen der einfachsten Analyse: Hier kämpfen Menschen gegen die, die sie beherrschen.
- Die Aufspaltung in gute und schlechte Aktionsformen.
- Den Irrtum, daß Menschen von sich aus und ohne politische Ziele Militanz als Selbstbefriedigung organisieren. Vielmehr sind sie Teil einer politischen Bewegung mit ihren eigenen Ideen. Niemand hat den richtigen Weg und zur Zeit gelingt es leider allen Gruppen, ob nun bunt oder nicht, ob alt oder jung, militant oder gewaltfrei, international oder nicht, nur sehr selten, die eigenen Ideen und die Kritik klar zu vermitteln. Genauso wie es Militanz gibt, die sich gut öffentlich vermittelt, und welche, die keine Position oder Kritik deutlich macht, gibt es Demonstration oder Sitzblockaden, die viel vermitteln und solche, die sinnentleert erscheinen. Die Fragestellung von gelungener Aktion und weniger gelungener läuft nicht entlang der Gewaltfrage.
- Gegen ausgrenzende Formulierungen und Taten entlang der Aktionsform. Die Frage, wer an Protesten und Aktion teilnimmt, muß die freie Entscheidung der Menschen sein. Die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit reicht vom Verzicht auf ausgrenzenden Verhalten und ausgrenzende Kritik gegenüber denen, die Macht und Markt aufrechterhalten (Medien, Regierungen, Polizei usw.) bis zur bewußten Organisierung von Aktionsformen, wo sich verschiedene Wege und Bedürfnisse nicht gegenseitig stören.

Wir treten ein für:
- Kreative und direkte Aktion, die als solche oder symbolisch Inhalte vermittelt und in ihren Formen sehr unterschiedlich sein kann - je nach den Bedürfnissen und Überzeugungen der Menschen.
- Klare Positionen und Ziele, die einzig und allein der Punkt sein können, an denen sich Abgrenzungen ergeben: Nicht die Gewaltfrage, sondern die Frage, ob wir Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse weiter anstreben (wenn auch "ökosozial" gestaltet) bzw. in unseren Zusammenhängen zulassen, erscheint als Kristallisationpunkt der Debatte. Ausgrenzung ist aber auch hier nicht das richtige Mittel, sondern eine offene Streitkultur und eine Deutlichkeit in der Öffentlichkeit und Aktion.

Wir wollen eine Welt ohne Herrschaft und Verwertung. Wir wollen eine Bewegung ohne Herrschafts- und Verwertungslogik. Davon sind wir sehr weit entfernt. Der Weg dahin für über die Praxis von tatsächlichem Widerstand im Alltag und symbolischem Widerstand überall, über die Debatte von Positionen und Visionen sowie die Entwicklung von direkten, kreativen Aktionsformen, selbstbestimmter Kommunikation, direkter sozialer Interaktion der beteiligten Menschen bis hin zum Aufbau selbstorganisierter Medien, Freiräume usw.

Wir wollen eine gaaaaaaanz andere Welt als die zur Zeit existierende. Diese Idee kann mit vielen Aktionsformen vermittelt werden. Die VertreterInnen der Herrschafts- und Verwertungsinstitutionen schießen auf uns. Wer das zum Anlaß nimmt, den Protest zu diskreditieren, macht eine schmutzige Arbeit für die Herrschenden - manchmal trotz guten Willens.

Mehr Infos und Diskussionen:
-  http://www.de.indymedia.org
-  http://www.hoppetosse.net
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Ergänzungen

Falsch

rudi 21.07.2001 - 12:10
Du gehst mal wieder völlig falsch an das Problem heran. Interessant ist es zu sehen, wie gerade ihr, die ja anscheinen Bevormundung ablehnen, immer als erste allen Leuten vorschreiben wollt wie sie sich zu verhalten haben. Die Medien werden sich diesen Aufruf natürlich am Arsch vorbeigehen lassen.

Es ist viel einfacher: Die argumentierende Gegenbewegung muss sich klar von der militanten Bewegung abgrenzen und dies auch öffentlich erklären. Damit werdet ihr in den Medien schon einmal auf die Seite der "Guten" gestellt. Anschließend muß versucht werden, die Argumente zu vermitteln. Natürlich muss man die Medien benutzen, aber Bevormundung wird nicht funktionieren.

21.07.2001 - 12:34
voellig falsch rudi, sich von den medien zu guten machen zulassen, heisst sich anzupassen und das zumachen was die medien als gut hinstellen. scheiss auf die medien, das sind auch kapitalisten und die sind unsere feinde!

falsch, rudi

21.07.2001 - 13:28
es ist viel einfacher: Die militante Bewegung ist Bestandteil der argumentierenden Gegenbewegung. Diese muß sich klar von den herrschenden Medien und PolitikerInnen abgrenzen und dies auch öffentlich erklären.
Wir sind auf der Seite der "Guten", der BEweis ist, daß die herrschenden Medien und PolitikerInnen sagen, daß wir die "Bösen" sind.
Der Dank der afrikanischen Länder an die DemonstrantInnen für ihr Engagement sollte eher Orientierungspunkt sein, als der ganze Müll, den die MEdien schreiben. Letztere haben zwei Interessen: erstens Geld zu machen und zweitens dafür zu sorgen, daß alles so bleibt wie es ist. Nur weil die Medien eine so unglaubliche Macht haben, heißt es noch lange nicht, ihnen in den Arsch kriechen zu müssen. Trotz der ganzen Medienhetze rund um Göteborg sind es in Genua 5-8 mal so viele Menschen, die auf die Straße gehen.
Ihre Macht hat eben doch Grenzen.

Freiheit ist immer die Freiheit ...

ein linker 21.07.2001 - 14:33
... des anders Denkenden. Wenn Ihr mit Gewalt versucht andere von eurer (richtigen) Meinung zu überzeugen, seid Ihr nicht viel besser als das System.
Ich glaube, dass ein bisschen Gewalt nötig ist, aber vieles ist überflüssig. Und jeder der meint militamt sein zu müssen, weiss wohl auch, dass es zu viele bei uns gibt, die nur Gewalt, Gewalt, Gewalt wollen und keine bessere Welt. Von denen müssen wir alle uns isolieren.

Die Herrschenden definieren, was Gewalt ist

Doro 21.07.2001 - 15:13
wenn gewaltfreie Aktionen den Nerv der Herrschenden stören, so ändern Sie den Gewaltbegriff.
Bereits einfache Sitzblockaden vor Kasernen gegen neue Mittelstrecken-Raketen wurden von deutschen Gerichten als "Gewalt" angesehen. Das Bespritzen eines Nato-Generals mit Blut wurde von Ingeborg Wurster im ZDF-heute Kommentar als "Verbrechen" bezeichnet. Bereits das Sprühen einer Parole wie "RAF siegt" ist Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Und wenn Alexander Schubart zur Startbahn-West gesagt hat: "Kommt alle", so wurde dies mit 3 Jahren Gefängnis in erster Instanz geahndet.
Trotzdem bin ich gegen Gewalt, da es nichts bringt, auf die Polizei Steine zu werfen. Zu unserem Polizei&Justiz Verbund passt aber, das eine Anzeige gegen SS-Mörder nach dem 2. Weltkrieg mal 14 Jahre lang unbearbeitet liegen gelassen wird. In einem Buch über Buchenwald, geschrieben von Überlebenden wird gezeigt, auf welcher Seite dieser Staat trotz aller Lippenbekenntnisse steht.

Es lebe die Valium-Demo

Schnauze voll 21.07.2001 - 15:40
Jaaaa jaaaa immer diese sinnlose Gewalt

21.07.2001 - 15:48
Yo
21.07.2001 14:43

Doro hat recht! Ich warne auch davor, Begriffe zu verwurschteln: Militanz und
Gewalt ist nicht dasselbe. Hat militanter Widerstand an bestimmter Stelle seinen
Sinn (selbst einer der größten Helden unseres Kanzlers war militanter
Widerständler: Stauffenberg), so ist einfache Gewalt meist sinnlos. Was denkt ihr,
warum so viele agent provocateur in Genua sind?

Zu den gezeigten Bildern: Die Situation entstand nicht im Schwarzen Block, sondern bei den
Tute Bianches. Die wurden von den Bullen in eine Falle getrieben und sofort und
ohne Analss angegriffen. Was dann passierte: Angriff auf die Bullen und Steine
werfen dürfte zum Großteil Wut gewesen sein (die das Denken leider blockierte) -
Sicher waren die Bullen in einer scheiß Situation. Aber selbstverschuldet.

Nebenbei: Italienische Medien reden eine Spaltung der Bewegung herbei. Lasst
Euch nicht benutzen. Seid wachsam. Hier sind viele Bullen am mitdiskutieren, die
mit Extremst-Radiaklität für Streit sorgen wollen.

@ ein linker

noch n linker 21.07.2001 - 15:48
von denen müssen wir uns nicht isolieren, sie sind ein teil von uns! wir müssen sie nur überzeugen ihre militanten aktionen etwas zu zügeln, damit nicht unschuldige was abkriegen!

...des andersdenkenden sich zu äußern!

kein gewalttäter 21.07.2001 - 17:56
In der Konkret 6/2001 ist nachzulesen,was Rosa Luxemburg tatsächlich gesagt hat,nämlich:"Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden sich zu äußern".Meiner Ansicht nach ließe sich das ergänzen durch "...aber nicht gehört zu werden!"
Aufgrund der bereits im artikel breit und deutlich auseinandergesetzten tatsache, dass unsere forderungen zwar gestellt,aber von der medienöffentlichkeit nicht gehört sondern verzerrt werden, fällt es mir sehr schwer mich auch von sogenannten militanten zu "distanzieren".
Da wir Andersdenkenden regelmäßig von den Herrschenden in unserem Versuch uns zu äußern behindert werden, kann ich auch militante aktionen,zwar nicht gutheißen,aber bestimmt nachvollziehen, da sie aus Frustration und oft auch eigentlich aus der Defensive heraus geschehen.
Daher werde ich mich mit Sicherheit nicht von den "Radikalen" in Genua distanzieren.
Laßt euch nicht spalten!
OneLove

@ noch n linker

ein linker 21.07.2001 - 19:16
richtig. Ganz werden wir "unsere" Radikalen von der Gewalt abbringen können. Aber wir können sie vielleicht überzeugen weniger Gewalt anzuwenden.

Und irgendwer hat gesacgt das Sitzblockaden Gewalt wären. Diese "Gewalt" verletzt aber keinen, und mit dieser "Gewalt" kriegen wir das Volk vielleicht hinter uns.