Grenzcamp Tarifa

kmii. 05.07.2001 20:09 Themen: Antirassismus
Seit Montag campen über 300 Menschen in Tarifa (Spanien), um gegen die Schengen- Aussengrenzen zu protestieren.
Auszüge aus einem Camp- Tagebuch
MON 2 JUL 2001 MALAGA

Es sind winzig kleine Veraenderungen, die drei Tage, nachdem ich hier
ankam, kaum noch zu bemerken sind. Am Freitag hatte der Flughafen in
Barcelona ausgesehen wie nach einem Bombenanschlag. Als haette es das
Isoliermaterial aus den Decken gefetzt, ist der sonst so glaenzend
polierte Boden mit Konfetti ueberstreut. Auf den Spiegelflaechen prangen
giftgruene Aufkleber, von der Sorte, die besonders schwer wieder
abzuloesen ist. Streikende Putzleute haben sich nicht darauf
beschraenkt, einfach ihrer Arbeit nicht mehr nachzugehen, sondern sind
durch das Flughafengebaeude gezogen und haben eine Spur harmloser
Verwuestung gezogen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Zwei
Stunden spaeter war ich endlich in der Stadtmitte, finde muehsam den Weg
zum Museum und in die Lagerhalle, in der wir im vergangenen Oktober
schon zehn Tage verbracht haben. Der erste Mensch, dem ich vorgestellt
werde, ist eine Mexikanerin, die zur Zeit in Denver lebt. Sie erzaehlt,
dass sie den grossen Streik der Janitors, der us-mexikanischen Putzleute
im April 2000 mitorganisiert hat. Es hatte in Los Angeles begonnen, wo
die traditionell gewerkschaftlich gut organisierten Janitors im Laufe
der 80er Jahre durch illegale Einwanderer ersetzt wurden, die fuer einen
Bruchteil des Stundenlohns arbeiteten. Anstatt in Xenofobie zu verfallen
wie der Gewerkschaftsbund AFL/CIO, hat die oertliche
Dienstleistungsgewerkschaften LOCAL SEIU 1877 ueber mehr als ein halbes
Jahrzehnt Organisationsarbeit an der Basis geleistet. Die
Gewerkschafterin wird am Mittwoch im Camp von diesem Streik berichten,
der sich in nur wenigen Wochen ueber die gesamten USA ausgebreitet hat.
Vorher wird "Bread and Roses", der neue Film von Ken Loach gezeigt.

Das Wochenende in Barcelona war anstrengend, aber erfolgreich. Es sieht
ganz so aus, als koennten wir am kommenden Samstag eine Videokonferenz
zwischen allen vier dann stattfindenden Camps organisieren. Drei
Medienbusse sind unterwegs zu den Grenzcamps, ausgeruestet mit
Computern, Videokameras, Schnitt- und Projektionsmoeglichkeiten. Die
Live Streams werden im _lab in Berlin zusammenlaufen, wo ein paar
Freunde ohnehin grosse Bandbreiten fuer die Uebertragung der Love Parade
ein paar Tage spaeter angemietet haben. Nachdem wir uns ein letztes Mal
in Barcelona abgesprochen haben, sind wir seit gestern abend in alle
Himmelsrichtungen verstreut, auf dem Weg zu den drei Camps an den
Aussengrenzen Europas. Ich schleppe in meiner Tasche Router, Hub und
Ethernet-Kabel, um beim Camp in Tarifa ein lokales Netz aufzubauen, aus
dem heraus wir streamen koennen. In Campsfield bei Oxford wird eine
Protestaktion gegen das oertliche Abschiebelager gefilmt, geschnitten
und nach Berlin geladen. Die Wiener fahren von Salzburg, wo sie am
Sonntag noch gegen ein Treffen des WEF demonstriert haben, mit ihrer
"Publix Theatre Caravan" weiter zum Camp nach Slowenien. Drei andere
haben den weitesten Weg vor sich: An die polnisch-weissrussische Grenze,
wo das nunmehr zweite Grenzcamp in Polen stattfindet. Die Organisatoren
werden seit Wochen von der Polizei eingeschuechtert und bedroht. Letzte
Woche wurde eine oertliche Aktivistin von amnesty international fuer
kurze Zeit von Geheimdienstmitarbeitern entfuehrt. Trotzdem wird das
Camp natuerlich stattfinden, auch wenn der angemietete Platz wieder
gekuendigt wurde, und wie im letzten Jahr auch besetzt werden muss.

Gestern wurden wir wieder in der Lagerhalle eingesperrt, die die
spanischen Freunde von "las agencias" vom Museum ueberlassen bekommen
haben und als ihr Hauptquartier nutzen. Wie schon in der Nacht zuvor,
hat der Sicherheitsdienst, der sonst teure Kunstwerke bewacht, einfach
den Schluessel umgedreht. Erst nach langen Diskussionen mit dem
Wachhabenden ist es gelungen, die Tuere noch einmal fuer wenigstens
fuenf Minuten zu oeffnen. In kuerzerster Zeit alles Material, was mit
nach Tarifa zum Camp muss zusammenpacken, einige letzte emails
rausschicken, Papiere und Poster in die Tasche stopfen. Dann sitze ich
mit den Oesterreichern und einem Ukrainer auf dem Platz vor der
arabischen Pension, um Wodka zu trinken. Die Parkbaenke sind wie
Flugzeugstuehle konstruiert, so dass bloss niemand drauf schlafen oder
einfach laenger als zehn Minuten sitzen kann. Der Platz selbst ist
gespentisch. Vor ein paar Monaten muessen sich hier noch Haeuserblocks
befunden haben, bis Stadtplaner auf die Idee kamen, wieder eine Bresche
in das unuebersichtliche ueberwiegend von Migranten bewohnte Viertel
hinter der Touristenmeile Las Ramblas zu schlagen. Die Anwohner nehmen
es auf den ersten Blick gelassen und machen sich nachts um drei Uhr auf
den Rasenflaechen breit.

TUE 3 JUL TARIFA

Nach zwei Stunden Fahrt im heissen Mietwagen ueber die Autobahn von
Malaga nach Algeciras sehen wir endlich Afrika. Die Sonne steht
guenstig, die marrokanische Kueste wirkt so nah, dass ich lange Zeit
denke, wir wuerden immer noch an Gibraltar vorbeifahren. Europa winkt
mit riesigen Windraedern, die auf den steilen Felshaengen zur Meerenge
hin aufgestellt sind. Es wirkt, als sollte die Energie des scharfen
Windes, der hier das ganze Jahr ueber weht, nicht nur zum Surfen zu
nutzen sein. Fuer die Menschen, die auf Pateras, kleinen Booten die
knapp fuenfzehn Kilometer ueber das Meer machen, ist der Wind ebenfalls
eine, wenn auch nicht die bestimmende Groesse. Heute nacht heisst es,
sollen wieder Hunderte von illegalen Grenzgaengern unterwegs sein. Ab
Mitternacht zieht dicker Nebel auf und der Sturm, der vorgestern noch
die Gemeinschaftszelte des Grenzcamps abgedeckt hat, hat sich gelegt.

Es sind ungefaehr einhundert junge Menschen, die sich auf dem
Campingplatz "Rio Jara", nach eigenem Bekunden der "internationalste
Campingplatz Europas", eingefunden haben. Ein Teil des offiziellen
Gelaendes wurde fuer die Polit-Touristen abgesteckt, am Eingang ist eine
Informationspunkt eingerichtet, haengt das Programm fuer die Worskshops
und Arbeitsgruppen der naechsten Tage aus. Grosser Wert wird auf
Gruppendynamik gelegt: Stundenlange Diskussionen und grundlegende
Einfuehrungen in Abstimmungsprozesse, die offenbar zuerst darauf zielen,
ja keine abweichende Meinung zu produzieren und auf so etwas wie
alternativer Managementtheorie aufsetzen. Mediationsgruppen,
Dynamikgruppe, Mediengruppe - die Selbstreflexivität der Unterhaltung am
ersten Abend wird nur fuer kurze Zeit von einer Aktivistin aus Tarifa
durchbrochen, die von den Einwanderern aus Afrika berichtet und welche
Methoden die Guardia Civil anwendet, um der Situation scheinbar Herr zu
werden.

Der Buergermeister von Tarifa, ein Ex-Kommunist, der inzwischen weit
rechts steht, hat das Grenzcamp zu Anfang unterstuetzt. Oder zumindest
als nuetzliches Moment in seinem Kampf gegen die Madrider
Zentralregierung angesehen, die ihm keine Mittel fuer die Unterbingung
und Versorgung der Ankoemmlinge zugesteht. Offenbar auf Druck der
Politik musste er einen Rueckzieher machen und am Montag sah es lange
Zeit so aus, als wuerden alle oeffentlichen Veranstaltungen des Camps
abgesagt oder untersagt werden. Am Abend gibt es dann die Nachricht, das
Programm wuerde nun doch jeden Abend zwischen 21.00 und 1.00 Uhr morgens
im Zentrum von Tarifa stattfinden koennen. Es gibt noch weitere gute
Nachrichten: Der Show-Bus aus Barcelona ist endlich unterwegs, muesste
im Laufe des Dienstags endlich hier eintreffen. Viele Freunde aus
Deutschland trudeln ein, manche habe ich seit dem Camp 99 an der
deutsch-polnischen Grenze nicht mehr gesehen, von anderen habe ich mich
erst am Sonntag in Barcelona verabschiedet.

Ich gehe spaet ins Bett. Zu spaet, um wie beabsichtigt auch wirklich um
7.30 Uhr aufzustehen und zu arbeiten. Ein Telefonanruf weckt mich gegen
10.00 Uhr: Es ist noch nicht letztlich bestaetigt, aber die rumaenische
Fluggesellschaft TAROM, eine der wichtigsten Saeulen im deutschen
Abschiebesystem, will sich aus dem Geschaeft mit der Befoerderung von
Zwangspassagieren zurueckziehen. Die letzten beiden der jeweils
dienstags durchgefuehrten Sammelabschiebungen von Duesseldorf seien
abgesagt worden, berichtet ein Journalist vom ZDF. Grund sind ein
Aktionstag, bei dem vor ein paar Wochen alle Repraesantationen von TAROM
in der Bundesrepublik von AktvistInnen besucht wurden und die
MitarbeiterInnen eindringlich darauf aufmerksam gemacht wurden, welchen
Aerger sogar grosse Konzerne wie Lufthansa seit zwei Jahren wegen der
Abschiebungen haben. Der dorhende Imageverlust, der aus westlicher
Perspektive bei einem Unternehmen wie TAROM kaum auszumachen ist, so
gering ist deren Ruf hierzulande, scheint den Aktivitaeten aber eine
umso groessere Effizienz zu verleihen. Je weniger TAROM zu verlieren zu
haben scheint, umso groesser ist die Angst des ehemaligen
Staatsbetriebes vor weiterem Imageverlust.


WED 4 JUL TARIFA

Gestern dann das erste Mal im Meer. Ein langer, breiter Sandstrand, der
sich vom Ortsrand von Tarifa nach Westen erstreckt. Frischer Wind und
hohe Wellen, die Atlantikküste hier ist eines der bekanntesten
Surf-Paradiese Europas. Jetzt üben junge Leute, auf einem kurzen Brett
und mit Hilfe einer Art Fallschirm über das Wasser zu rasen. Etwas
weiter draußen passieren riesige Tanker die Meerenge von Gibraltar. Wir
springen quer, durch und im Rücken der Wellen ins Wasser, das salzig und
manchmal auch etwas brackig riecht. Irgendwann schmerzen die
Trommelfelle von der Wucht, mit der das Wasser andauernd gegen die Ohren
prallt.

Beinahe hätten wir den ersten Interviewtermin versäumt, weil ich im Sand
eingeschlafen bin. Auf dem Weg zum Camp trete ich dann auch noch in eine
Glasscherbe und treffe mit blutendem Fuß Faisal, der aus dem Rif-Gebirge
kommt. Er erzählt, von den verschiedenen Etappen der Migration aus
seinem Land, die in den 20er Jahren nach der Niederschlagung des großen
Aufstand der Berber gegen die spanischen Kolonialherren begann. Am
Anfang, sagt er, war Auswanderung ein spontanes Abenteuer. Das Dorf
verlassen, in eine andere Welt aufbrechen. Große Kriege und Hungersnöte
im Norden Marokos zwangen Zigtausende in die Städte, allen voran Tanger.
Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Ende der Kolonialherrschaft dann
begann die eigentliche Migration: Junge, männliche Arbeitskräfte zogen
in den Norden Europas, um dort in den großen Fabriken zu arbeiten.
Heute, sagt er, befinden wir uns in einerneuen Situation: Durch die
Globalisierung würden alle sozialen und kulturellen Kategorien
durcheinandergrebracht. Doch nicht nur das: Globalisierung erzeuge
andauernd neue Differenzen, soziale Unterschiede zwischen den Menschen.
Doch während bis in die 90er Jahre niemand über Migration sprechen
wollte, gäbe es heute eine Generation, die mehr mit diesem Thema zu
kämpfen hat als jede andere zuvor. Diese Generation sei in der Lage,
ihre Würde zurückzuerobern, wenn sie gegen ein Europa, das seine Grenzen
schließt, das Menschenrecht der Bewegungsfreiheit realisiert.

Zwei Minuten, nachdem Faisal zu sprechen begann, merke ich, dass die
frischen Batterien, die ich heute erst gekauft hatte, leer sind. Also
keine Tonaufnahme. Egal, denn ein paar von Indymedia filmen das
Interview, das alle paar Sätze erst ins Spanische und dann ins Englische
übersetzt wird. Ich schreibe mit der Hand in mein Notizbuch. Später beim
Kodieren des Videobandes stellt sich heraus, dass die Tonspur kaputt
ist. Also gibt es keine Aufzeichnung.

Faisal ist zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, hat einen Bauch und
einen Schnauzbart. Er spricht sehr allgemein, aber mit einerVielzahl
rhetorischer Stilmittel und Wendungen. Junge Menschen, sagt er, hätten
heute keinen anderen Ausweg als Migration. In seinem Dorf seien alle
Einwohner potentielle MigrantInnen. Jeder und jede wird früher oder
später versuchen, wegzugehen. In einem Land aber, in dem es ordentliche
ökonomische oder soziale Bedingungen gibt, gäbe es keine Grund
auszuwandern, sagt Faisal. Er spricht für eine politischen Plattform,
die seit den 60er Jahren in Südspanien und Nordmarokko ein politisches
und kulturelles Netzwerk aufgebaut hat. In Gewerkschaften,
Frauengruppen, Menschenrechtsorganisationen geht es darum, die
Besonderheit der nicht-arabischen Kultur des Amazirh zu verteidigen -
auf Deutsch würde dazu wohl "Berberstämme" gesagt werden. In
Wirklichkeit handelt es sich aber weniger um einen ethnischen als einen
großen sozialen Konflikt, der sich über ganz Nordafrika und vor allem
Marokko und Algerien erstreckt. Die Zentralregierungen verweigerten den
aufsässigen Bergbewohnern, die in großen Gebieten die
Bevölkerungsmehrheit ausmachen, systematisch jegliche Unterstützung. Es
gäbe so gut wie keine Infrastruktur, deswegen gehe ihr Kampf um die
Entwicklung der Region.

Seit Spanien seine Grenze für MarokkanerInnen geschlossen hat, sei die
Lage für die meisten Menschen noch schlimmer geworden. Jeden Tag finden
wir Tote an unseren Küsten, sagt Faisal. Von der Situation profitierten
die Netze der Schlepper, die den Menschen, die auswandern wollen, enorme
Mengen Geld abknöpfen. Wer heute in die Pateras steigt, um sich nachts
an den Strand von Tarifa bringen zu lassen, sind vor allem Frauen und
Kinder, sagt Faisal. Während früher arbeitswillige junge Maenner
migrierten, handele es sich seit ein paar Jahren hauptsächlich um Frauen
und Kinder, die drüben angekommen meist zur Prostitution gezwungen
würden.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ziehen dicke Wolken auf. Die
Guardia Civil, also paramilitärische Einheiten, die hier den
Küstenstreifen bewachen, sollen angeblich 200 Menschen aus dem Meer
gefischt haben, die jetzt in einem Lager in Tarifa untergebracht sind.
Wieviele es geschafft haben, durchzukommen und sich die Nacht über im
Gebüsch hinter dem Strand zu verstecken, kann natürlich niemand sagen.
Fünf Menschen jedoch sind frühmorgens am Camp aufgetaucht und sollen dem
Vernehmen nach rasch in Sicherheit gebracht worden sein. In Tarifa und
Umgebung gibt es ein informelles Netzwerk von Menschen, die sich mit
ebenso großer Entschlossenheit wie Diskretion für die unmittelbaren
Bedürfnisse der Menschen einsetzen, die nachts in den Booten ankommen.
Die Menschen, die dieses Netzwerk bilden, befinden sich in nicht
unerheblichen Positionen, heisst es. Zum Camp selbst halten sie
verständlicherweise Distanz. Trotzdem besuchen uns immer wieder einzelne
und berichten von ihrer Arbeit. In den nächsten Tagen soll eine
Interviewtour zusammengestellt werden, um mehr Informationen ausfindig
zu machen.

Am Abend wird auf dem großen Platz in Tarifa "Bread and Roses", der neue
Film von Ken Loach gezeigt. Das Camp ist inzwischen auf ungefähr 300
Menschen angewachsen, die sich den ganzen Tag über in zahllosen
Workshops zu Themen wie die Regelungen des neuen spanischen
Ausländergesetzes oder Kampf gegen Abschiebungen treffen. Auch der
Showbus aus Barcelona ist endlich mit mehreren Tagen Verspätung
eingetroffen.
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Ergänzungen