Indymedia - Widerstand in der Informationsgesellschaft
1. Erstens
2. Wieso eigentlich "Informationsgesellschaft"?
3. Wie funktionieren Massenmedien und wie ihr emanzipatorischer Gebrauch?
4. Wo steht Indymedia?
5. Die traurige Geschichte der Medienutopien
6. Das ist Indymedia!
7. Siebtens
2. Wieso eigentlich "Informationsgesellschaft"?
3. Wie funktionieren Massenmedien und wie ihr emanzipatorischer Gebrauch?
4. Wo steht Indymedia?
5. Die traurige Geschichte der Medienutopien
6. Das ist Indymedia!
7. Siebtens
1. Erstens
Wie kann ein emanzipatorischer Mediengebrauch aussehen, der die Definitionsmacht der kommerziellen Massenmedien sprengt? Was ist das Neue an Indymedia und wieso ist es ein so grandioses Mittel des Widerstands in der "Informationsgesellschaft"?
2. Wieso eigentlich "Informationsgesellschaft"?
"Informationsgesellschaft" bedeutet nicht, dass die Gegensätze der Industriegesellschaft aufgehoben wären. Und sie bedeutet auch nicht, wie von vielen Postmodernisten kolportiert, dass sich unsere Realität auflöst und alle unsere Erfahrungen nur noch virtuell sind. Wer hungert oder unter Diskriminierung leidet, wer im Knast sitzt oder in ständiger Angst vor Nato-Bomben lebt - dessen Leiden ist real.
"Informationsgesellschaft" bedeutet, dass immer größere Bereiche der gesellschaftlichen Produktion keine greifbaren Dinge mehr herstellt, sondern Werte wie Wissen, Technologie, Image, Know How, Verfahren etc. Vor allem aber bedeutet sie, dass immer größere Teile unserer Wahrnehmung nicht von direkter Beobachtung abgedeckt werden, sondern durch Massenmedien und andere Kommunikationsprothesen ersetzt werden. Unser Wissen von der Welt ist von Massenmedien transportiert. Egal ob es um Subcommandante Marcos oder Babsi Becker, ob es um das Weisse Haus oder eine Bambushütte auf der Insel Jolo geht: ohne Massenmedien wüssten wir nichts davon.
Dass die reicheren Länder der Erde tatsächlich als "Informationsgesellschaft" beschrieben werden können, zeigt schon ein Blick auf den geschichtliche Wandel der Aktionsziele von Aufständen (unabhängig davon, ob sie den Staat von links oder rechts angriffen): Für bürgerliche Revolutionäre war es noch sinnvoll, Theater, Gefängnisse und Universitäten zu besetzen. Später, unter den Bedingungen des Industriekapitalismus, konzentrierten sich Aufständische (proletarische wie reaktionäre und faschistische) auf Bahnhöfe, Fabriken, Telegrafenämter. Heute kennen Umsturzversuche neben dem Parlament fast nur noch ein Zentrum: die Fernsehstation. In den postsozialistischen Auseinandersetzungen (Wilnius, Moskau 1993, Belgrad) wurde um die Fernsehstation fast erbitterter gekämpft als um die offizielle Machtzentrale. Dieser Wandel in den Angriffszielen zeigt deutlich, wie sich der Machtfokus in dieser Zeit verschoben hat, und wie die Informationsmacht zu einer zentralen Instanz in einem modernen Staat geworden ist.
Wenn eine emanzipatorische Bewegung das Bewußtsein der Bevölkerung erreichen will, so muss sie die Mechanismen dieser "Informationsgesellschaft" analysieren und angreifen.
3. Wie funktionieren Massenmedien und wie ihr emanzipatorischer Gebrauch?
Moderne kapitalistische Massenmedien funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Sie produzieren Information und verkaufen sie dann. Der Wert einer Information bemisst sich also nicht an ihrem Gehalt an Wahrheit sondern an ihrem Marktwert. Der Marktwert aber bemisst sich an vielerlei Kriterien, von denen einige auch von dem System der Massenmedien selbst erschaffen werden: Aktualität, Relevanz für die Zielgruppe, Unterhaltungswert, "Wahrheit", das Vorhandensein von "schönen Bildern" um die Nachricht zu illustrieren, die Eingebundenheit in einen zuvor konstruierten Themenkomplex etc. Sicherlich gibt es auch Momente, in denen gezielt Informationen im Interesse der Mächtigen gestreut und andere unterdrückt werden, aber mit Propagandakategorien ist das Funktionsprinzip der Massenmedien nicht zu fassen.
Durch die Auswahl und Formulierung von Nachrichten aufgrund ihrer kommerziellen Verwertbarkeit kommt es zu eigenartigen Gewichtungen, denen ein emanzipatorischer Mediengebrauch entgegentreten muss. So werden zum Beispiel Kriege und Befreiungsbewegungen jahrelang übergangen um dann plötzlich zu einem Modethema zu werden. Journalisten fallen ins örtliche Hilton ein, legen einen betroffenen Gesichtsausdruck an und berichten der Welt - und nach zwei Monaten ist die Sache abgegessen, die Region versinkt wieder in der Bedeutungslosigkeit, der Krieg geht weiter. Das gleiche gilt für innerstaatliche Modethemen - dies können durchaus wichtige Kampagnen sein, wie zum Beispiel die mediale Anti-Nazi-Welle im letzten Sommer, aber auch erzreaktionäre, wie die modische Ausländerhetze der Medien Anfang der Neunziger. Nach kommerziellen Prinzipien funktionierten beide.
Emanzipatorischer Mediengebrauch muss diese Modeberichterstattung hinter sich lassen. Wenn ein Hungerstreik für kommerzielle Medien nach 10 Tagen unwichtig wird, weil nichts Neues mehr passiert, so wird er für emanzipatorische Medien mit jedem Tag wichtiger, gerade weil nichts passiert.
Ein weiteres Charakteristikum der modernen Massenmedien ist die Fixierung auf Personen (ein Phänomen was sich teilweise aus wahrnehmungspsychologischen Kategorien ableiten lässt: Abstrakte Konzepte lassen sich leichter transportieren, wenn man sie mit Gesichtern und Namen verbindet): Dadurch wird Politik auf die Handlungen exponierter Einzelpersonen reduziert, und der Blick auf die, deren Interessen sie vertreten, verstellt. Ins Perverse gerät die Fixierung auf Personen in dem Prominentenkult der Massenmedien. Emanzipatorischer Mediengebrauch muss diese Personenfixierung durchbrechen und jedem einzelnen sein Recht auf mediale Reproduzierung zuerkennen, wo sie wichtig ist. Die Aktivistin, die als eine von 200 festgenommen wird, ist nicht weniger wichtig als der Innensenator himself.
4. Wo steht Indymedia?
Für eine emanzipatorische Bewegung gibt es verschiedene Möglichkeiten, der Definitionsmacht der modernen Massenmedien zu begegnen. Eine Möglichkeit ist es, gezielt Bilder zu produzieren, den Widerstand zu inszenieren. Besonders in der „Antiglobalisierungsbewegung“ wurden hier große Fortschritte erzielt, phantasievolle Aktionsformen schufen mächtige Bilder, die von den kommerziellen Medien mit Eifer übernommen wurden. Eine andere Möglichkeit ist es, selber die Kanäle zu besetzen. Diese Strategie verfolgen linke Zeitungen, freie Radios, Videogruppen und das weltweite Indymedia-Netzwerk. Bei diesen Gruppen werden Nachrichten nicht nach ihrer kommerziellen Verwertung ausgesucht, sondern hier stellen die AktivistInnen selber ihre Darstellung der Ereignisse her. Bei diesen Gruppen muss die Aktivistin nicht abends durch die Programme zappen, hoffend, dass ihre Aktion den kommerziellen Kriterien der bürgerlichen Medien entsprochen hat. Und sie muss auch nicht fürchten, dass diese durch die ideologische Position des Redakteurs, des Senders oder des Konzerns verzerrt dargestellt wird.
Diese Gruppen und ihre Vorgängerinnen haben sich der modernen Massenmedien bemächtigt, sobald sie erschwinglich wurden. Zuerst des Flugblatts, dann der Zeitung, der Photographie, später des Radios und der Videotechnik. Heute hat die rasante technische Entwicklung den AktivistInnen das Internet in die Hand gespielt. Mit dieser technischen Neuerung kann der Widerstand eine neue Qualität gewinnen. Die gemeinsame Utopie einer gerechteren und unhierarchisch organisierten Gesellschaft kann heute in den Prozessen einer massenhaften Nachrichtenproduktion abgebildet werden. Darin besteht der revolutionäre Gedanke von Indymedia.
5. Die traurige Geschichte der Medienutopien
Die Vision ist nicht neu. Eine kleine Geschichte von Medienutopien, die ähnliches wollten, sieht vielleicht so aus:
In den sowjetischen Montagefilmen der Zwanziger Jahre entdeckte Walter Benjamin eine radikale Neuerung: Es gab in diesen Filmen keine klassischen "Helden", jedes einzelne Mitglied des Kollektivs konnte in diesen Filmen sein Recht auf Reproduziertwerden beanspruchen, sei es in seinem Arbeitsumfeld, sei es beim revolutionären Kampf. So müssten Filme in einer Gesellschaft aussehen, in der die Produktionsmittel in Hand der revolutionäre Massen seien. Gleichzeitig interessierte sich Bertolt Brecht für das noch jüngere Medium des Radios. Er befand es für einseitig, im wahrsten Sinne, und stellte folgende Forderung:
"Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein öffentliches Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zusetzen."
Diese beiden Visionen, das Recht auf Reproduzierbarkeit jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft und die Verwandlung des Radios in einen Kommunikationsapparat sind heute Wirklichkeit geworden. Es besteht kein struktureller Unterschied mehr zwischen dem Computer, der eine Information produziert, und einem Computer, der diese Information empfängt. Die eindeutige Sender-Empfänger-Relation, die in den bisherigen Instrumenten Schreibmaschine - Zeitung, Mikrophon - Radio, Kamera - Fernseher bestanden, sind aufgehoben. Doch wer nun denkt, wir würden damit automatisch in einer besseren Gesellschaft landen, hat sich geschnitten. Die Medienvisionäre, die ihre hohen Erwartungen an das Internet knüpften, die 68er, die die "proletarische Öffentlichkeit" (Kluge/Neght) und einen "emanzipatorischen Mediengebrauch" von den neuen Medien erwartet hatten (Enzensberger, aus dessen „Baukasten einer Theorie der Medien“ sich dieser Text übrigens bedient), sitzen in der Ecke und schmollen. Der Grund dafür ist, dass sich die neuen Medien unter kommerzorientierten bürgerlichen Bedingungen entwickelt haben, und der kapitalistische Medienbetrieb ein mächtiger und flexibler Mechanismus ist, der ohne Probleme potentiell emanzipatorische Medien vereinnahmen kann.
Jeder Mensch hat heute ein Recht auf seine technische Reproduzierbarkeit. In Talk-Shows werden "ganz normale" Menschen präsentiert, ihr Normalsein stellt geradezu ihren Austellungswert dar. Und trotzdem ist in diesen Sendungen nichts Emanzipatorisches. Das Klientel dieser Sendungen, meist aus Kleinbürgertum und Unterschicht rekrutiert, reproduziert hier unaufgefordert Klischees der Leistungsgesellschaft und hackt aufeinander rum, anstatt Fragen nach den Ursachen ihrer gemeinsamen Misere zu stellen.
Genauso ist heute der Unterschied zwischen Sender und Empfänger, zumindest für das Drittel der deutschen Bevölkerung mit Zugang zum Internet, potentiell aufgehoben. Durch den immer weiter verbreiteten Zugang zum Internet kann jeder seinen Beitrag - theoretisch - an ein Millionenpublikum richten. Und trotzdem ist am Internet wenig Emanzipatorisches. In seiner rasanten Verbreitung hat es lediglich die kapitalistischen Bedingungen der Gesellschaft in sich hineinkopiert, nach einer euphorischen Pionierphase wird es heute zum großen Teil von Konzernen dominiert.
Indymedia muss sich mit diesem grandiosen Reinfall eines strukturell egalitären Mediums auseinandersetzen. Und Indymedia muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass eine einfache Bereitstellung eines Netzwerks, bei dem jeder seine eigene Meinung publizieren kann, noch gar nichts mit einem emanzipatorischen Gebrauch zu tun hat. Diesem Trugschluss sind bereits die Medientheoretiker von 68 aufgesessen. Täglich wird sich Indymedia zwischen potentieller Beteiligung aller und Ausschluss reaktionärer Kräfte, zwischen potentiell unhierarchischer Nachrichtenpräsentation und informationeller Beliebigkeit positionieren müssen.
Trotzdem glaubt Indymedia daran, dass es als Teil einer Bewegung, die eine gerechtere Gesellschaft fordert, wichtige Merkmale dieser Vision in sich abbilden kann. Dass es die emanzipatorischen Elemente, die im Medium Internet angelegt sind, herauskitzeln kann. Und schließlich zeigt, dass eine solche Gesellschaft möglich ist.
6. Das ist Indymedia!
Mit folgenden Merkmalen, läßt sich der emanzipatorische Mediengebrauch von Indymedia beschreiben:
Indymedia arbeitet nicht zentral gesteuert, sondern dezentral und autonom und ist somit schwerer angreifbar und weniger anfällig für die Herausbildung einer Hierarchie von Führung und Basis. Die modernen Medien machen eine feingliedrige Organisation und massenhafte Produktion möglich, ohne auf Bürokraten oder "Manager" angewiesen zu sein. Damit lebt Indymedia Basisdemokratie.
Indymedia kennt auch keine Hierarchie von Sender und Empfänger, Nachrichten werden nicht von Spezialisten akkumuliert und von einer Zentrale verstrahlt, sondern von den Menschen vor Ort produziert, die ihre Darstellung der Wahrheit publizieren. Jeder Empfänger ist potentieller Sender, bei massenhaftem Gebrauch ist damit die Definitionsmacht der bürgerlichen Massenmedien gebrochen und das einseitige Bild der Welt durch die Informationen von unten berichtigt.
Anstatt eine Immobilisierung von isolierten KonsumentInnen zu betreiben, die sich im abends Lehnstuhl das Leid der Welt reinziehen, arbeitet Indymedia an einer Mobilisierung der Massen für eine gerechtere Welt. KonsumentInnen zu AktivistInnen zu ProduzentInnen!
Ohne sich dem Aktualitätswahn der Tempogesellschaft anzuschließen, kann Indymedia doch eine zeitgenaue Berichterstattung liefern, wo es zur Mobilisierung sinnvoll ist - z.B. beim Castor-Transport.
Indymedia kennt keine modischen Themen, nur wichtige. Wo Menschen ohne Lobby und ohne medial konstruierte "Wichtigkeit" von Repression betroffen sind, wird Indymedia zu ihrer einzigen Verbindung zu einer großen Öffentlichkeit. Dies hat das Beispiel der Gefangenen von Prag gezeigt.
Weil die Infrastruktur von Indymedia von freiwilligen AktivistInnen aufrechterhalten wird, gibt es keine kommerziellen Auswahlkriterien für Nachrichten. Weil die Aktivistin vor Ort ihre Nachricht nicht verkaufen muss, kann sie die reine Wahrheit schreiben - so subjektiv sie sein mag.
7. Siebtens
In Zeiten der globalen Ausweitung der Kapitalmärkte muss sich Widerstand dagegen auf globaler Ebene organisieren. Das Nachrichtennetzwerk Indymedia ist ein wichtiges Werkzeug dieses Widerstands, da es mit der Definitionsmacht der kommerziellen Medien einen zentralen Machtbereich dieses Systems angreift. Gleichzeitig antizipiert es in seiner Produktionsstruktur die bessere Gesellschaft, für die es kämpft.
Wie kann ein emanzipatorischer Mediengebrauch aussehen, der die Definitionsmacht der kommerziellen Massenmedien sprengt? Was ist das Neue an Indymedia und wieso ist es ein so grandioses Mittel des Widerstands in der "Informationsgesellschaft"?
2. Wieso eigentlich "Informationsgesellschaft"?
"Informationsgesellschaft" bedeutet nicht, dass die Gegensätze der Industriegesellschaft aufgehoben wären. Und sie bedeutet auch nicht, wie von vielen Postmodernisten kolportiert, dass sich unsere Realität auflöst und alle unsere Erfahrungen nur noch virtuell sind. Wer hungert oder unter Diskriminierung leidet, wer im Knast sitzt oder in ständiger Angst vor Nato-Bomben lebt - dessen Leiden ist real.
"Informationsgesellschaft" bedeutet, dass immer größere Bereiche der gesellschaftlichen Produktion keine greifbaren Dinge mehr herstellt, sondern Werte wie Wissen, Technologie, Image, Know How, Verfahren etc. Vor allem aber bedeutet sie, dass immer größere Teile unserer Wahrnehmung nicht von direkter Beobachtung abgedeckt werden, sondern durch Massenmedien und andere Kommunikationsprothesen ersetzt werden. Unser Wissen von der Welt ist von Massenmedien transportiert. Egal ob es um Subcommandante Marcos oder Babsi Becker, ob es um das Weisse Haus oder eine Bambushütte auf der Insel Jolo geht: ohne Massenmedien wüssten wir nichts davon.
Dass die reicheren Länder der Erde tatsächlich als "Informationsgesellschaft" beschrieben werden können, zeigt schon ein Blick auf den geschichtliche Wandel der Aktionsziele von Aufständen (unabhängig davon, ob sie den Staat von links oder rechts angriffen): Für bürgerliche Revolutionäre war es noch sinnvoll, Theater, Gefängnisse und Universitäten zu besetzen. Später, unter den Bedingungen des Industriekapitalismus, konzentrierten sich Aufständische (proletarische wie reaktionäre und faschistische) auf Bahnhöfe, Fabriken, Telegrafenämter. Heute kennen Umsturzversuche neben dem Parlament fast nur noch ein Zentrum: die Fernsehstation. In den postsozialistischen Auseinandersetzungen (Wilnius, Moskau 1993, Belgrad) wurde um die Fernsehstation fast erbitterter gekämpft als um die offizielle Machtzentrale. Dieser Wandel in den Angriffszielen zeigt deutlich, wie sich der Machtfokus in dieser Zeit verschoben hat, und wie die Informationsmacht zu einer zentralen Instanz in einem modernen Staat geworden ist.
Wenn eine emanzipatorische Bewegung das Bewußtsein der Bevölkerung erreichen will, so muss sie die Mechanismen dieser "Informationsgesellschaft" analysieren und angreifen.
3. Wie funktionieren Massenmedien und wie ihr emanzipatorischer Gebrauch?
Moderne kapitalistische Massenmedien funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Sie produzieren Information und verkaufen sie dann. Der Wert einer Information bemisst sich also nicht an ihrem Gehalt an Wahrheit sondern an ihrem Marktwert. Der Marktwert aber bemisst sich an vielerlei Kriterien, von denen einige auch von dem System der Massenmedien selbst erschaffen werden: Aktualität, Relevanz für die Zielgruppe, Unterhaltungswert, "Wahrheit", das Vorhandensein von "schönen Bildern" um die Nachricht zu illustrieren, die Eingebundenheit in einen zuvor konstruierten Themenkomplex etc. Sicherlich gibt es auch Momente, in denen gezielt Informationen im Interesse der Mächtigen gestreut und andere unterdrückt werden, aber mit Propagandakategorien ist das Funktionsprinzip der Massenmedien nicht zu fassen.
Durch die Auswahl und Formulierung von Nachrichten aufgrund ihrer kommerziellen Verwertbarkeit kommt es zu eigenartigen Gewichtungen, denen ein emanzipatorischer Mediengebrauch entgegentreten muss. So werden zum Beispiel Kriege und Befreiungsbewegungen jahrelang übergangen um dann plötzlich zu einem Modethema zu werden. Journalisten fallen ins örtliche Hilton ein, legen einen betroffenen Gesichtsausdruck an und berichten der Welt - und nach zwei Monaten ist die Sache abgegessen, die Region versinkt wieder in der Bedeutungslosigkeit, der Krieg geht weiter. Das gleiche gilt für innerstaatliche Modethemen - dies können durchaus wichtige Kampagnen sein, wie zum Beispiel die mediale Anti-Nazi-Welle im letzten Sommer, aber auch erzreaktionäre, wie die modische Ausländerhetze der Medien Anfang der Neunziger. Nach kommerziellen Prinzipien funktionierten beide.
Emanzipatorischer Mediengebrauch muss diese Modeberichterstattung hinter sich lassen. Wenn ein Hungerstreik für kommerzielle Medien nach 10 Tagen unwichtig wird, weil nichts Neues mehr passiert, so wird er für emanzipatorische Medien mit jedem Tag wichtiger, gerade weil nichts passiert.
Ein weiteres Charakteristikum der modernen Massenmedien ist die Fixierung auf Personen (ein Phänomen was sich teilweise aus wahrnehmungspsychologischen Kategorien ableiten lässt: Abstrakte Konzepte lassen sich leichter transportieren, wenn man sie mit Gesichtern und Namen verbindet): Dadurch wird Politik auf die Handlungen exponierter Einzelpersonen reduziert, und der Blick auf die, deren Interessen sie vertreten, verstellt. Ins Perverse gerät die Fixierung auf Personen in dem Prominentenkult der Massenmedien. Emanzipatorischer Mediengebrauch muss diese Personenfixierung durchbrechen und jedem einzelnen sein Recht auf mediale Reproduzierung zuerkennen, wo sie wichtig ist. Die Aktivistin, die als eine von 200 festgenommen wird, ist nicht weniger wichtig als der Innensenator himself.
4. Wo steht Indymedia?
Für eine emanzipatorische Bewegung gibt es verschiedene Möglichkeiten, der Definitionsmacht der modernen Massenmedien zu begegnen. Eine Möglichkeit ist es, gezielt Bilder zu produzieren, den Widerstand zu inszenieren. Besonders in der „Antiglobalisierungsbewegung“ wurden hier große Fortschritte erzielt, phantasievolle Aktionsformen schufen mächtige Bilder, die von den kommerziellen Medien mit Eifer übernommen wurden. Eine andere Möglichkeit ist es, selber die Kanäle zu besetzen. Diese Strategie verfolgen linke Zeitungen, freie Radios, Videogruppen und das weltweite Indymedia-Netzwerk. Bei diesen Gruppen werden Nachrichten nicht nach ihrer kommerziellen Verwertung ausgesucht, sondern hier stellen die AktivistInnen selber ihre Darstellung der Ereignisse her. Bei diesen Gruppen muss die Aktivistin nicht abends durch die Programme zappen, hoffend, dass ihre Aktion den kommerziellen Kriterien der bürgerlichen Medien entsprochen hat. Und sie muss auch nicht fürchten, dass diese durch die ideologische Position des Redakteurs, des Senders oder des Konzerns verzerrt dargestellt wird.
Diese Gruppen und ihre Vorgängerinnen haben sich der modernen Massenmedien bemächtigt, sobald sie erschwinglich wurden. Zuerst des Flugblatts, dann der Zeitung, der Photographie, später des Radios und der Videotechnik. Heute hat die rasante technische Entwicklung den AktivistInnen das Internet in die Hand gespielt. Mit dieser technischen Neuerung kann der Widerstand eine neue Qualität gewinnen. Die gemeinsame Utopie einer gerechteren und unhierarchisch organisierten Gesellschaft kann heute in den Prozessen einer massenhaften Nachrichtenproduktion abgebildet werden. Darin besteht der revolutionäre Gedanke von Indymedia.
5. Die traurige Geschichte der Medienutopien
Die Vision ist nicht neu. Eine kleine Geschichte von Medienutopien, die ähnliches wollten, sieht vielleicht so aus:
In den sowjetischen Montagefilmen der Zwanziger Jahre entdeckte Walter Benjamin eine radikale Neuerung: Es gab in diesen Filmen keine klassischen "Helden", jedes einzelne Mitglied des Kollektivs konnte in diesen Filmen sein Recht auf Reproduziertwerden beanspruchen, sei es in seinem Arbeitsumfeld, sei es beim revolutionären Kampf. So müssten Filme in einer Gesellschaft aussehen, in der die Produktionsmittel in Hand der revolutionäre Massen seien. Gleichzeitig interessierte sich Bertolt Brecht für das noch jüngere Medium des Radios. Er befand es für einseitig, im wahrsten Sinne, und stellte folgende Forderung:
"Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein öffentliches Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zusetzen."
Diese beiden Visionen, das Recht auf Reproduzierbarkeit jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft und die Verwandlung des Radios in einen Kommunikationsapparat sind heute Wirklichkeit geworden. Es besteht kein struktureller Unterschied mehr zwischen dem Computer, der eine Information produziert, und einem Computer, der diese Information empfängt. Die eindeutige Sender-Empfänger-Relation, die in den bisherigen Instrumenten Schreibmaschine - Zeitung, Mikrophon - Radio, Kamera - Fernseher bestanden, sind aufgehoben. Doch wer nun denkt, wir würden damit automatisch in einer besseren Gesellschaft landen, hat sich geschnitten. Die Medienvisionäre, die ihre hohen Erwartungen an das Internet knüpften, die 68er, die die "proletarische Öffentlichkeit" (Kluge/Neght) und einen "emanzipatorischen Mediengebrauch" von den neuen Medien erwartet hatten (Enzensberger, aus dessen „Baukasten einer Theorie der Medien“ sich dieser Text übrigens bedient), sitzen in der Ecke und schmollen. Der Grund dafür ist, dass sich die neuen Medien unter kommerzorientierten bürgerlichen Bedingungen entwickelt haben, und der kapitalistische Medienbetrieb ein mächtiger und flexibler Mechanismus ist, der ohne Probleme potentiell emanzipatorische Medien vereinnahmen kann.
Jeder Mensch hat heute ein Recht auf seine technische Reproduzierbarkeit. In Talk-Shows werden "ganz normale" Menschen präsentiert, ihr Normalsein stellt geradezu ihren Austellungswert dar. Und trotzdem ist in diesen Sendungen nichts Emanzipatorisches. Das Klientel dieser Sendungen, meist aus Kleinbürgertum und Unterschicht rekrutiert, reproduziert hier unaufgefordert Klischees der Leistungsgesellschaft und hackt aufeinander rum, anstatt Fragen nach den Ursachen ihrer gemeinsamen Misere zu stellen.
Genauso ist heute der Unterschied zwischen Sender und Empfänger, zumindest für das Drittel der deutschen Bevölkerung mit Zugang zum Internet, potentiell aufgehoben. Durch den immer weiter verbreiteten Zugang zum Internet kann jeder seinen Beitrag - theoretisch - an ein Millionenpublikum richten. Und trotzdem ist am Internet wenig Emanzipatorisches. In seiner rasanten Verbreitung hat es lediglich die kapitalistischen Bedingungen der Gesellschaft in sich hineinkopiert, nach einer euphorischen Pionierphase wird es heute zum großen Teil von Konzernen dominiert.
Indymedia muss sich mit diesem grandiosen Reinfall eines strukturell egalitären Mediums auseinandersetzen. Und Indymedia muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, dass eine einfache Bereitstellung eines Netzwerks, bei dem jeder seine eigene Meinung publizieren kann, noch gar nichts mit einem emanzipatorischen Gebrauch zu tun hat. Diesem Trugschluss sind bereits die Medientheoretiker von 68 aufgesessen. Täglich wird sich Indymedia zwischen potentieller Beteiligung aller und Ausschluss reaktionärer Kräfte, zwischen potentiell unhierarchischer Nachrichtenpräsentation und informationeller Beliebigkeit positionieren müssen.
Trotzdem glaubt Indymedia daran, dass es als Teil einer Bewegung, die eine gerechtere Gesellschaft fordert, wichtige Merkmale dieser Vision in sich abbilden kann. Dass es die emanzipatorischen Elemente, die im Medium Internet angelegt sind, herauskitzeln kann. Und schließlich zeigt, dass eine solche Gesellschaft möglich ist.
6. Das ist Indymedia!
Mit folgenden Merkmalen, läßt sich der emanzipatorische Mediengebrauch von Indymedia beschreiben:
Indymedia arbeitet nicht zentral gesteuert, sondern dezentral und autonom und ist somit schwerer angreifbar und weniger anfällig für die Herausbildung einer Hierarchie von Führung und Basis. Die modernen Medien machen eine feingliedrige Organisation und massenhafte Produktion möglich, ohne auf Bürokraten oder "Manager" angewiesen zu sein. Damit lebt Indymedia Basisdemokratie.
Indymedia kennt auch keine Hierarchie von Sender und Empfänger, Nachrichten werden nicht von Spezialisten akkumuliert und von einer Zentrale verstrahlt, sondern von den Menschen vor Ort produziert, die ihre Darstellung der Wahrheit publizieren. Jeder Empfänger ist potentieller Sender, bei massenhaftem Gebrauch ist damit die Definitionsmacht der bürgerlichen Massenmedien gebrochen und das einseitige Bild der Welt durch die Informationen von unten berichtigt.
Anstatt eine Immobilisierung von isolierten KonsumentInnen zu betreiben, die sich im abends Lehnstuhl das Leid der Welt reinziehen, arbeitet Indymedia an einer Mobilisierung der Massen für eine gerechtere Welt. KonsumentInnen zu AktivistInnen zu ProduzentInnen!
Ohne sich dem Aktualitätswahn der Tempogesellschaft anzuschließen, kann Indymedia doch eine zeitgenaue Berichterstattung liefern, wo es zur Mobilisierung sinnvoll ist - z.B. beim Castor-Transport.
Indymedia kennt keine modischen Themen, nur wichtige. Wo Menschen ohne Lobby und ohne medial konstruierte "Wichtigkeit" von Repression betroffen sind, wird Indymedia zu ihrer einzigen Verbindung zu einer großen Öffentlichkeit. Dies hat das Beispiel der Gefangenen von Prag gezeigt.
Weil die Infrastruktur von Indymedia von freiwilligen AktivistInnen aufrechterhalten wird, gibt es keine kommerziellen Auswahlkriterien für Nachrichten. Weil die Aktivistin vor Ort ihre Nachricht nicht verkaufen muss, kann sie die reine Wahrheit schreiben - so subjektiv sie sein mag.
7. Siebtens
In Zeiten der globalen Ausweitung der Kapitalmärkte muss sich Widerstand dagegen auf globaler Ebene organisieren. Das Nachrichtennetzwerk Indymedia ist ein wichtiges Werkzeug dieses Widerstands, da es mit der Definitionsmacht der kommerziellen Medien einen zentralen Machtbereich dieses Systems angreift. Gleichzeitig antizipiert es in seiner Produktionsstruktur die bessere Gesellschaft, für die es kämpft.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
Ergänzungen
opentheory
Angreifbarkeit
Wieso "Widerstand"?
Mir geht es um gestalten, selbstbestimmt, selbstorganisiert leben etc
"Widerstand" und "angreifen" gefällt mir da ganz und gar nicht in einem ansonsten inhaltlich guten Text.
Kommentar zu was denn
ZENSUR BEI IMC ?
Ich hatte einen laengeren Kommentar zur Sprache des Artikels geschrieben. Hoffte natuerlich insgeheim auf Antwort von der/m VerfasserIn (auch von anderen). Um die Sache im Auge zu behalten hab ich den Artikel kurzerhand "gebookmarkt". Nach ein paar Tagen war der Zugriff auf eben obige Adresse nicht mehr moeglich. Jetzt taucht der Text wieder auf, aber ohne meinen Kommentar. Kann mensch mir das erklaeren ?
Weia! Tut uns leid
Emanzipatorische Medien und Sprache
kostja, ertsmal vielen Dank fuer die Untersuchungg von Dir.
Ja der rummel um die sogenannte Informationsgesellschaft ist schon lustig. Deine Feststellungen treffen viele Zustaende auf den Punkt.
Vor allem nochmals interessant zu erwaehnen ist das Politsche Umstuerze an den Verteilungsorten (Sendemasten etc.) und Herstellungsorten und Verwwaltungorten (Hauptbuerogebauede des jeweiligen Nachrichten herstellenden Unternehmens) von Massenmedien oft gestartet werden.
Ich stimme Dir mit Deinem Propaganda Bild bnicht ganz ueberein. Sehr wohl laesst sich der Vorgang der Nachrichtenherstellung (aber auch Nachrichtenunterschlagung)
mit Propaganda Methoden vergleichen. In Medienlandchaften die zunehmenend von immer weniger Unternehmen beherrscht werden ist das eine einfache Schlussfolgerung die daraus zu ziehen ist. Noam Chomsky und Herman S. Edwards (zwei linke Wisssenschaftker aus den USA) haben das bereits in den fruehen achtziger Jahren in Ihrem Buch "Manufacturing Consent" (Herstellung von Zustimmung) beschrieben. Es war zwar auf die Vereinigten Staaten bezogen, kann aber, mit einigen Unterschieden (Die noch existenz von Staatlichen Medien etwa) auch auf europaeische Verhaeltnisse angewandt werden. Die NATO ist ein gutes Beispiel fuer derartige Propagandatechniken. Aber auch das gesamte Deutsche Fernsehen in bezug auf die Berichterstattung ueber Zustaende von Arbeiterinnen, die Ausblendung des Elends aus den Hauptsendezeiten, die nicht Erwaehnung von Herstellungszustaenden Deutscher Unternehmen in fernen Laendern. Das ist Propaganda. Nicht in dem Sinne wie sie Goebbels unter Hitler verwaltet hat, da vielleicht doch noch nicht von einer zentralen Schaltstelle auszugehen ist, aber der die stillschweigende (oder doch nicht stillschweigende) Anpassung der grossen Fernseh aber auch Radiosender kommt dem gleich. Nicht geregelte Propanda triffts vielleciht eher.
Nun noch etwas zu Deinem Artikel und Indymedia.
Sprache IST Medium. (nachdenken)
Das heisst das durch die Ausdruecke die jemand verwendet kann es dazu kommen das Menschen etwas nicht verstehen. Das ist nicht "emanzipativ" (fuehrt nicht zur Freiheit). Asudruecke wie Reproduktion, Struktur, Utopie sind nicht jedem Menschen gelaeufig. Wer jene Woerter benutzt laeuft Gefahr (oder will das so je nach dem) das Menschen augegrenzt werden von den Meinungen, Nachrichten die ausgetauscht werden. Ich weiss das es sehr schwierig ist die Sprache der mensch sich bedient auch vollstaendig unter kontrolle zu haben. Aber jede AktivistIn die oder der wirklich "die" Freiheit erkaempfen will muss sich dessen bewusst sein.
Denn ansonsten wird auch ein so offenes Mitteilungsmedium wie Indymedia ein fuer viele Leute geschlossenes Gesuelze. Menschen die merken das sie nicht diesselbe Sprache sprechen wie die menschen die um sie herum sind tendieren dazu sich andere Umgebungen auszusuchen. In einer Infogesellschaft wie die unsere heisst das: Bild, ARD, ZDF(wenn es hoch kommt) und RTL und so weiter.
Alle sollten immer daran denken. Diese Art der Ausgrenzung hat es schon immer gegeben. Genauer gesagt ist genau das eines der Hauptprobleme warum die sogenante "Demokratie" so
sind wie sie sind, naemlich geschlossene Gesellschaften.
Eh
zu Emanzipatorische Medien und Sprache
Zum Propagandabegriff:
Mit Propaganda beschreibt man ja meistens die staatlich gesteuerte Einflussnahme in einem totalitären System. Als ich schrieb, dass das System der Massenmedien nicht nach solchen Prinzipien funktioniert, wollte ich vor allem gegen diese weit verbreitete linke Auffassung eintreten, dass die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft gemeinsam ihre Teufeleien aushecken, um sie dann von ihren Kumpels, den Medienmogulen, verbreiten zu lassen. Mit solchen Verschwörungstheorien macht man es sich oft zu einfach. Sicherlich gibt es propagandaartige Mechanismen: Absprachen bei irgendwelchen "Kamingesprächen", Einflussnahmen der Konzernleitung, wenn eine vorlaute
Redakteurin kritisch über eine Firma des eigenen Hauses berichtet, es gibt sogar Agenturen, bei denen sich Firmen einen Abend mit Herrn Scharping buchen können, inclusive positive Berichterstattung durch geschmeichelte Gäste aus der Presse. Auch hat Chomsky Recht, wenn er beschreibt, dass Nachrichten gefiltert werden, durch das Konzerninteresse, durch die Abhängigkeit der meisten Medien von Werbung, durch gezielte Widerrufe und Schmutzkampagnen der Regierung und was noch alles zum informellen Meinungssteuerungssystem gehört, in das vor allem die großen US-amerikanischen Medien eingebunden sind. Trotzdem besteht das Funktionsprinzip der Massenmedien nicht im Totschweigen von kritischen und Propagieren von systemkonformen Nachrichten, sondern im Verkaufen von beiden. Beispiel: Chomsky hat seine negativen Erfahrungen mit den Medien gemacht, aber wenn er behauptet, dass kritische Meinungen, die z.B. das kapitalistische Wirtschaftsystem anzweifeln, systematisch verschwiegen werden, dann stimmt das nicht. Woher kennst du Chomsky? Aus dem Dokumentarfilm "Manufacturing Consent", der auf Arte (das ist: ARD und ZDF) lief? Oder aus einer Buchbesprechung in der ZEIT oder einer anderen Publikation des Holzbrinck-Konzerns? Jeder Feuilleton-Chef freut sich doch, wenn Chomsky was knackig antikapitalistisches für die Titelzeile formuliert. Das verkauft sich prima. Und wie lässt sich mit Propagandakategorien erklären, dass "No Logo" bei Bertelsmann verlegt wird? Bestimmt nicht weil Herr Oberbertelsmann gegen die kapitalistische Globalisierung ist. (Übrigens ist deine Wortschöpfung "nicht geregelte Propaganda" ein Widerspruch in sich, oder besser gesagt: ein Oxymoron. Wobei wir beim nächsten Thema wären ;-)
Zur SPRACHE:
Sorry, dass diese Sprache ausgrenzend rüberkommt. Ich hatte versucht, möglichst anschauliche Beispiele zu finden, aber sicherlich hätte ich das ganze auch mit weniger Fremdworten genauso gut sagen können. Ist aber bei theoretischen Sachen auch verdammt schwer, oder weißt du, was "Utopie" auf Deutsch heißt?
Solidarischer Gruß:
Der Mensch ist abhängig vom Mainstream
Weil die Mehrheit der Menschen sowas wie dumpfem Herdentrieb folgt. Und gerade das wird leider nicht im Beitrag diskutiert.
Durch das Milgram-Experiment wurde deutlich, das Menschen in der Mehrheit bereit sind, andere Menschen zu töten - sie opfern lieber den Nächsten, als einen winzigen harmlosen Konflikt mit einer "Autoritätsperson" einzugehen.
Andere Laborexperimente mit Menschen weisen darauf hin, das der Mensch sich ganz schnell einer Gruppe unterwirft und in ihr nicht nur keine eigene Meinung hat sondern simpelste Tatsachen nicht anerkennt. Der Mensch unterwirft sich selbst den Medien und sucht dort Initiation für sein Selbst - was früher durch Stammesritual vermittelt wurde, ist zu einem dauerhaften Zeremoniell einer perversen Abhängigkeit zwischen Herrschern und Beherrschten geworden. Daran ändert Kommunikationsguerilla leider nichts.
Natürlich gibt es den Crash zwischen sozial und moralisch begründetem Herrschaftsanspruch der bürgerlichen Gesellschaft (z.B. Moral zu Nigeria: wir wollen den armen hungernden Negern helfen)und den auch medial erfahrbaren Resultaten (Resultate in Nigeria: die unser Regierung unterworfenen Konzerne hinterlassen eine Mondlandschaft, tragen zur Verarmung bei und finanzieren Todesschwadronen). Alternative Kommunikation kann diese Widersprüche verdeutlichen. Der dumpfe Herdentrieb des Menschen und die Suche nach dem Leitbullen, der Leitkuh ist damit aber nicht vom Tisch.
Reproduktion und Repräsentation
und: oskar negt (der mit dem kluge) schreibt sich ohne "h"
lg
barbara, die die initiative insgesamt super findet
Gleiche unter Gleichen
Immerhin arbeitet ihr mit einem zentralen Server, der sowohl angreifbar ist als auch zumindest die Option zur Zensur bietet. Idee: Ein (zusätzliches) Peer-to-Peer-Netzwerk, indem Beiträge manuell oder automatisch weitergeleitet werden oder geblockt werden. Das schützt vor breiter Zensur von oben und ermöglicht beschränkte Zensur von unten!
Ein Dankeschön an alle Indy-Reporter!
Martin
Strukturell emanzipativ?
Was die Struktur des Internets angeht und die Frage nach dem emanzipativen Potential, so bin ich ein bischen skeptisch. Ich denke, es ist nicht nur die technische Struktur eines Mediums, auf die es ankommt, sondern eigentlich die Verbindung von Menschen und Medien. Das heißt, dass eine Konsummentalität die sich am Umgang mit dem Fernsehen orientiert, im Internet nicht emanzipativ auswirken kann. Wer Internetseiten anschaut wie Fernsehprogramme, benutzt zwar ein anderes Medium, das deshalb aber noch lange nicht emanzipativ wirkt. Andererseits denke ich, dass Fernsehen nicht notwendigerweise verdummend, normalisierend oder repressiv wirkt. Zumindest ist das nicht aus der technischen Struktur des Mediums zu begründen, sondern aus der Art und Weise, wie Sendungen gemacht werden.
Meiner Meinung nach kommt Emanzipation sowieso vor allem durch politische oder soziale Aktionen zustande. Insofern ist es für mich auch kein Zufall, dass Indiymedia aus einer solchen Aktion hervorgegangen ist.
Gruss an den/die AutorIn
Das Fett brennt
Gruppe Indymedia-Netzwerk inteniert ist,
Verraten sie sich nicht hier ein wenig ?
Ich zietire aus ihrem Statement:
"Eine andere Möglichkeit ist es, selber die Kanäle zu besetzen. Diese Strategie verfolgen linke Zeitungen, freie Radios, Videogruppen und das weltweite Indymedia-Netzwerk. "
linke Zeitungen sind oft interniert,
Radios, deren Namen mit frei... beginnen,
gehören oft dem CIA, Beispiel: Radio freies Europa ....,
da fügt sich das "Indymedia-Netzwerk" direkt an,
im Glauben, es wäre nicht zu durchschauen, was die
inszenieren ....,
Noch ein Zitat, noch ein Tritt in Fettnäpfchen:
"Der Grund dafür ist, dass sich die neuen Medien unter kommerzorientierten bürgerlichen Bedingungen entwickelt haben, und der kapitalistische Medienbetrieb ein mächtiger und flexibler Mechanismus ist, der ohne Probleme potentiell emanzipatorische Medien vereinnahmen kann. "
Castor bringt nix:
Ohne sich dem Aktualitätswahn der Tempogesellschaft anzuschließen, kann Indymedia doch eine zeitgenaue Berichterstattung liefern, wo es zur Mobilisierung sinnvoll ist - z.B. beim Castor-Transport.
Weiterhin ist auf dieser Page immer
die Rede von der "Definitionsmacht" ,
genau dieser hat man/frau sich hier bemächtigt,
das ist eine Abfangeinrichtung, genau wie die
Scientologie ....,
Ich verweise auf die Protokolle,
Stichpunkt: - wie ist das mit den Medien
Dann allein schon der Name:
Indymedia ..... !
Das baut auf der täuschung auf,
alles was wie Indisch oder Indien klingt,
ist gut ...... !
Ich stelle meinen Kommentar auch mal
zur Verfügung, bin gespannt, ob sie ihn
löschen ....,
1915 Uhr am 22.7.01,
Linuxeln
Basis der Informationsgesellschaft
Die Grundlage ist die Eigenschaft der Information - leicht reproduzierbar zu sein. Je globaler und dezentraler das Netz ist umso mehr strebt die Information nach Verteilung - "Information wants to be Free". Beste Beispiele sind MP3 oder Software. Hier haben sich Aktivisten laengst mit der Informationsdynamik arrangiert - ein Ergebniss ist das Open Source Modell. Entsprechend sind die Reaktionen der jeweiligen Industrie, die Auseinandersetzungen wie Microsoft contra GPL haben damit eine besondere Bedeutung. Software ist ein politisches Thema und gehoert als soches behandelt, bitte nehmt eine entsprechende Kategorie auf!
Es ist Zeit auch die Medienindustrie wirtschaftlich zu ersetzen, Indymedia betrachte ich in diesem Hinblick als Pionierprojekt, hier sammeln sich erste Erfahrungen zu Organsation, Qualitaetssicherung und Technologie von dezentralen Nachrichtennetzen.
mediale Marktmaschine
Nur wenige kommerzielle Medien finanzieren sich dadurch, dass sie Informationen produzieren und dann verkaufen, wie du es im Artikel darstellst.
Produzieren tun nur die Reporter an Ort und Stelle.
Die Medien kaufen Informationen von den Nachrichtenagenturen, bzw. sie haben ein oder zwei abonniert. Wenn´s hoch kommt. Eher schreiben sie etwas um, das irgendeine PR-Abteilung ihnen schickt, wenn der Redakteur glaubt, dass es irgendwen interessieren könnte.
Die eigentliche Arbeit ist, daraus auszuwählen und den Kram zu
bearbeiten, so dass es der Zielgruppe gefällt.
Aber auf die Einnahmen aus dem Verkauf kommt es gar nicht wirklich an.
Entscheidend sind die Werbeeinnahmen - RTL und PRO7 leben nicht von Luft und Liebe. Oder bezahlt jemand Abo-Gebühren?
Davon gibt es umso mehr,
a) je höher die Reichweite ist, also je mehr Leute zugucken
b) je interessanter diese Leute für die Werbewirtschaft sind.
Also vor allem Leute von 14 bis maximal 49, jünger ist besser,
weil leichter zu beeinflussen und noch viele Jahre lang zahlender Verbraucher. Wichtig auch Reiche und "Entscheidungsträger", also Leute, die neben ihrem eigenen auch das Geld von anderen ausgeben.
Deshalb ist auch immer so viel Werbung im Wirtschaftsteil, und
deshalb geht n-tv auch nicht Pleite, obwohl es kaum einer guckt.