Versuch einer Vision für die Zukunft (1. Mai)

Demokrat? 05.05.2001 00:16 Themen: Weltweit
Wie kann man die Krawalle am 1. mai verhindern, wenn man das überhaupt möchte, und welche Wünsche haben wir als Bürger und demokraten an diesen Staat und wollen wir uns die Demokratie von Verfassungsfeinden und Anti Demokraten wie Berlins Innensenator Wertehbach nehmen lassen?Versuch einer Vision, mit der bitte um Anmerkungen.
Ich habe mich mal hingesetzt und überlegt, was ich persönlich als Konsequenz aus den diesjährigen 1. Mai Ausschreitungen gerne sehen würde. Vielleicht sind diese Anregungen ja in Verbindung mit den div. anderen Vorschlägen irgendwie zu diskutieren und zu verwirklichen statt der Taktik von Herrn Werthebach, jetzt schon wieder "härte zu zeigen", mit weiteren Verboten von Demos, Straßenfesten etc zu drohen.

Das sind erstmal nur relativ unreflektiert aufgeschriebene Gedanken, die mir so durch den Kopf gehen, die zum teil sicher schon irgendwie irgendwo realisiert sind ist jetzt leider doch etwas länger geworden, vielleicht ist es aber doch für den einen oder die andere interessant oder jemand hat Tips für mich, mit wem ich solche Ansätze Ideen besser diskutieren sollte.

Aus meiner subjektive persönlichen Sicht: Die Ausschreitungen sind ganz klar provoziert worden durch a) das Demoverbot des Innensenators b) das herbeireden der Gewalt durch Polizei, Politik und Presse.

Fragen wie: Wurden wieder einmal Provokateure der Polizei in Zivil eingesetzt, warum wurden die brennenden Autos nicht gelöscht, sondern haben die Stimmung noch mehr angeheizt etc finde ich mittlerweile eher zweitrangig, weil das aus meiner Sicht ganz klar zur Taktik der Einsatzleitung gehörte, die herbeigeredeten Krawalle weiter anzuheizen und medial auszuschlachten. Es muß aufgeklärt werden, wer wofür verantwortlich war, diese Aufklärung wird aber nie verhindern, daß es wieder passiert.

Das führt mich zu der Frage, wer hat sich warum provozieren lassen und wie kann man das in Zukunft verhindern.

Als erstes denke ich sollte man sich vom Feindbild der "gewaltbereiten Autonomen" verabschieden. Natürlich gab es auf beiden Seiten Leute, die es auf Krawall angelegt hatten. Aber wenn man sich die Bilder betrachtet, wer Steine geworfen hat, sieht man, daß das keine homogene Gruppe war, sondern Kinder, Jugendliche, Jugendliche ausländischer (im weitestend Sinne) Herkunft, Punks, Vermummte, normal gekleidete Bürge, Anwohner etc pp.Die "Autonome Antifa" wäre froh, wenn sie soviel Mitglieder hätte, wie Steinewerfer unterwegs waren.

Die "Henne oder Ei zuerst" Frage ist hier: Die Polizei begründet ihre Einsätze immer wieder damit, daß sie angegriffen wurde. nie mußte sie bisher einschreiten, weil es Krawalle ohne Polizei gab. Auch dieses Jahr am 30.4. und 1.5. gab es nur dort Ärger wo Polizei massiv vor Ort war und agierte in Kampfuniformen, mit massiver Polizeipräsenz.Am 30.4. im Prenzlauer Berg von Mauerpark bis Kollwitzplatz sind min. 20.000 junge Menschen unterwegs gewesen, die Polizei hatte sich zurückgezogen, es kommt nur kurz zu unruhe, als die Polizei meint, sie müsse anfangen, Betrunkene in Gewahrsam zu nehmen. Die BGS und Polizeiposten am u bhf. Eberswalder Str. sind so gelangweilt, daß sie Menschen erklären, warum man bei Rot nicht über die Straße gehen soll.

Am Boxhagener Platz feiern 500 Menschen hier kommt es zu mittleren Krawallen, als die Polizei den Platz umstellt.

Ebenso am 1. Mai: Mehrere Straßenfeste ohne massive Polizeipräsenz verlaufen völlig friedlich am Mariannenplatz kommt es zu den Krawallen.

Warum wirft jetzt aber jemand einen Stein auf Polizisten, nachdem er sich von Polizeieinsätzen Polizisten in Kampfuniformen stürmen wahllos in Menschenmengen auf Menschenmengen zu in irgendeiner Form (Angst, Wut, Haß, Fun) negativ berührt füllt?

These: Polizei wird (ob nun bewußt oder unbewußt) als manifestiertes Fremdbefehle ausführendes Feindbild wahrgenommen, das alles symbolisiert, was die Leute an der Gesellschaft stört. Stadtumgestaltung, ohne gefragt zu werden. Wirtschaft, die an den Lebensbedürfnissen der Menschen vorbeigeht. eine Politik, die von Affären und "Abgehobensein" geprägt ist. eine Politik, die kein Interesse an den Bedürfnissen des einzelnen zu haben scheint. eine als Bedrohung wahrgenommene Globalisierung, hier kann dann für einen Abend das ausgelebt werden, was man sonst in Stammtischgesprächen wütend artikuliert wird, bevor man wieder in sein Alltagsleben zurückkehrt.

Interessant wäre hier eine tiefgehende wissenschaftliche Untersuchung der Gründe, warum jemand tatsächlich zum Stein gegriffen hat. Wie es auf Menschen wirkt, wenn anderen Menschen in Kampfuniform Krieg spielen etc. Hier werden empirische Daten gebraucht, um weg zu kommen von den platten Vorwürfen hin zu einer Grundlage für ein Handlungskonzept.

Ebenso wird eine wissenschaftliche Untersuchung der Sichtweise der Handlungshintergründe der eingesetzten Polizisten benötigt.

Stichworte: Sicherheit in der Unsicherheit des Lebens. Schaffung eines sonst nicht vorhandenen Selbstwertgefühls. Das Gefühl, etwas bewirken zu können und wenn es nur der kurzzeitige Rückzug der Polizei ist.

Polizei darf nicht mehr als Spielball benutzt werden, hier müssen Brücken geschlagen werden zwischen Polizei und Bürger durch offene Kontaktformen, die beiden Seiten zeigen, daß auf beiden Seiten Menschen mit alltäglichen Problemen und Wünschen stehen. Nicht immer nur Talkshows zu Krisensituationen, die zum an den Kopf werfen allgemeiner Vorurteile dienen, sondern Begegnungsformen im alltäglichen Lebensumfeld, die das gemeinsame Miteinander fördern. Polizei muß wieder zur Polizei der Bürger und nicht gegen die Bürger werden.

Was aus meiner Sicht am meisten bringen würde, wären Mittel, die eine positive Identifikation mit der Gesellschaft und der Demokratie bringen. Da ist es wenig hilfreich, wenn Herr Werthebach sagt. Heute gibt es keinen Grund mehr, gegen die Regierung auf die Straße zu gehen. Das bestärkt die Menschen doch nur noch mehr in ihrer Ansicht, daß ihre Sorgen und Wünsche nicht ernstgenommen werden. Genausowenig ist die Einordnung als gewaltbereite Chaoten Störer Autonome sinnvoll, sie grenzt aus, statt integrativ zu wirken. Und trifft nebenbei bemerkt auch die Tatsachen nicht.

Demokratie ist eine Kulturfrage. Sie wird nur da angenommen, wo sie gelebt und erlebt wird, wo Menschen das Gefühl haben, sie sind als Mensch gefragt, sie können mitgestalten und mitwirken und wo Menschen in der Lage sind, gemeinsam auf friedlichem Wege Fragen auszuhandeln.

Diese Partizipationsmöglichkeiten müssen auf allen Ebenen erkennbar vorhanden sein, die Rahmenbedingungen dafür müssen geschaffen werden und Partizipation von Bürger an der Demokratie darf nicht nur geduldet oder wie durch Demoverbote verhindert werden, sondern muß eingefordert werden.

Beteiligungsformen an der demokratischen Gesellschaft müssen verstärkt dargestellt werden. Gemeinsame Stadtgestaltung mit den Bürgern statt nur für sie Schloßplatzkommission, regelmäßige Formen der Rückkopplung zwischen Politik und Bürger Bürgerforen etc, Projekte, die das selbstbestimmte, selbstorganisierte Handeln unterstützen Fördern ein Ansatz dafür gibt es ja z.B. im Aktionsprogramm !respect Für Demokratie und Toleranz, Punkt Förderung von lokalen jugendinitiativen warum nicht das nächste mal am ersten Mai ein Straßenfest von Jugendlichen aus dem Kiez von Jugendlichen, nicht nur für Jugendliche organisieren lassen? Es gibt ja genügend Untersuchungen, die zeigen, daß Sachen, die Menschen selber, selbstbestimmt und eigenverantwortlich organisiert haben a) das Selbstwertgefühl b) das Gemeinschaftsgefühl stärken und zu wesentlich weniger Zerstörungen und sinnloser Gewalt etc pp führen.Hier mache ich für heute erstmal Schluß.

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Ergänzungen

Gedanken zur Gewalt und eigene Erlebnisse

Kreuzberger 05.05.2001 - 01:45
Ich denke, daß die Gewalt von "oben" gebraucht wird, um bestimmte Politik durchsetzen zu können. Daher ist die
Polizei in solchen Fällen lediglich ein Werkzeug. Ähnlich ist es bei der Abschaffung der Feiheit des Internets.
Kinderpornos und Nazis wurden wurden "gebraucht", damit Gestze da sind, um zum Beispiel die Razzia bei
linkeseite.de (übrigens am Tag der Pressefreiheit) zu rechtfertigen.
Doch zurück zum 1.Mai. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, auch mit welchen vom unabhängigen Block,
AAB usw. Was mir aufgefallen ist: Randale wird durchaus als politisch wirksames Mittel gesehen. Die Begründungen
sind wenig befriedigend. (erscheinen sogar eher wie zurechtegerücktes Weltbild). Diese Einschätzung trifft aber nur
einen verhältnismäßig kleinen Teil derer die am 1.Mai auf die Straße gehen. Doch wer die Polizei kennt weiß, daß oft
nur 2 Bierflaschen für ein Stürmen der Demo ausreichen.
Diesen ersten Mai gab es Überlegungen aus den immer wiederkehrenden Kreisen auszubrechen und Dinge zu
tun, die von oben nicht erwartet werden, wie etwa ziviler Ungehorsam oder dezentrale Aktionen, die darauf abziehlen
sollten die Gründe des Protests zu vermitteln. Medien und Senat reagierten gerade zu hysterisch. Ist doch ziviler
Ungehorsam wesentlich gefährlicher als Randale, die isolierend wirken. Doch am 1.Mai selbst war alles wie gehabt -
oder noch schlimmer.
Walpurgisnacht wurde von der Polizei so lange provoziert, bis "endlich" Randale ausbrachen. Ergebnis: Am
nächsten Morgen, als die Nazis marschierten, waren viele zu müde nach Hohenschönhausen zu fahren. Nicht wenige
halten diese Aktion für geplant. Konzept der kontrollierten Randale. Die Polizei bestimmt wann und wo sie ausbricht
und kann so besser reagieren, als wenn es überraschend passiert. Dieses Konzept wiurde zum Beispiel letzten 1.Mai
gefahren. Erst wurden schön alle Wasserwerfer und Einheiten postiert und dann ließ man die Sache losgehen.
Wer die Augenzeugenberichte vergleicht, die Texte auf Indymedia liest und die Videos ansieht wird sehen, daß
die Randale bewußt provoziert wurden. Bevor es "losging" wurden in allen Seitenstraßen Einheiten postiert, Zugänge
gesperrt. Die gesamte Straßenschlacht verlief ziemlich kontrolliert: Das Areal der "Riots" war gerade mal ein paar
Straßenblocks groß. Besonders beschämend: Keine Bank, kein "Bonzenauto", keine große Firma (obwohl dort zum
Bsp. das Estao-Tagungshotel für Wirtschaftseliten ist) hat irgednd etwas abbekommen. Statt dessen: Kleinwagen
der Kiezbewohner, Fensterscheiben im Erdgeschoß usw.
Waren die Beteiligten wirklich so dermaßen erfüllt vor Wut, daß sie sich derart benutzen ließen? Wir alle müssen
endlich lernen mit unseren Emotionen umzugehen. Die Polizei konnte schalten und walten wie sie wollte. Es haben
sich Dinge abgespiel, die ich bis jetzt kaum glauben kann - obwohl ich dabei war. Wahllos wurde auf Festbesucher
eingeprügelt, ein höchstens 7 jähriger Junge wurde wie eine Puppe die Straße entlanggeschleift, Eine Kinder
hüpfeburg mit Wasserwerfer angegriffen.
An einem Stand wurde ein älterer PDSler zusammengeschlagen. Als er wegen eines Asthma-Anfalls zu Boden
ging, begannen die Bullen in ihn reinzutreten (Genitalien, Bauch, Kopf). Das halbe Volksfest wurde eingekesselt und
verhaftet. Grund: Von allen sollten Personalien und Fotos aufgenommen werden. Überall lagen herausgerissenen
Filme und zerschlagene Fotoapparate herum. Die Polizei konnte sich sicher sein, daß es nicht nötig ist die Spuren für
ihre Verbrechen zu beseitigen. Die Medien in der Hauptstadt sind sowiso gleichgeschaltet.....

gegen integration von widerstand durch partiz

florian 05.05.2001 - 02:01
mehr partizipation?
ich kenne mich in berlin nicht so aus, aber ich kann nur sagen: das hanseatisch-sozialdemokratische partizipationsmodell kennen wir in hamburg zur gennüge!
partizipation heisst, dass potentieller widerstand von vorne herein ausgebremst wird, indem suggeriert wird (oder das auch begrenzt passiert), mensch dürfe ja auch ein bisschen mitbestimmen. partizipation heisst, dass es welche gibt, die partizipieren und welche die partizipieren lassen - und die zweiten bestimmen, bis zu welcher grenze mitbestimmt werden darf. da werden dann runde tische veranstaltet, wo anwohnerinnen, bürgerinnen, linke, bullen und welche von der stadt an einem tisch sitzen und wo dann denen, die weniger macht in dem diskurs haben - nämlich nicht bullen und stadt - klargemacht wird, dass das, was sie wollen eben utopisch ist.
es kann doch nicht darum gehen, bei dem, was nach herrschenden interessen durchgesetzt wird, auch mal ein bisschen mitreden zu können und partielle verschiebungen bewirken zu können, die dann nur dazu führen, dass das ganze system - oder wie du das nennen willst - wieder mehr akzeptanz finden kann.
das sind die probleme, mit denen wir uns in der roten flora und im schanzenviertel rumschlagen müssen. da scheint mir son handfester antagonismus, wo die fronten klar sind, mehr emanzipatives potential zu haben - zumindest scheinen da ja dann nicht mehr nur die (post-)autonomen nicht mehr mitzuspielen. oder hab ich da ne falsche vorstellung von dem, was in berlin läuft?

Komentar zu Kreuzberger

E T 05.05.2001 - 02:08
Ich schliesse mich deinen Ausführungen an, dem ist eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen, und spare mir meinen Text.

Buchtip

05.05.2001 - 02:39
Es gibt ein Buch von Wilk: Macht Herrschaft Emanzipation (Trotzdem-Verlag)....darin wird sich auch mit dem Thema "Integration von Widerstand" auseinadergestzt. Beispiele: Grüne und Mediationsverfahren in FFM, das den Sinn hatte die Leute ruhig zu stellen. Wirklich nettes Buch!

zu dem Buchtip

rasselbande 05.05.2001 - 10:26
Ja, wenn ich immer nur die Gefahr sehe "sinn die leute ruhig zu stellen", dann wir es immer so weitergehen.

aber wir sind viel mehr als die paar hanseln, die uns jetzt sagen, wo es langgeht.

wir müssen aufhören, uns sagen zu lassen, wo wir partY-pizieren dürfen, sondern müssen es einfach machen.

Wofür brauchen wir zB den Innensenator, wenn wir in Kreuzberg feiern, leben, lachen wollen??

wenn die leute so blöd sind (tschuldigung, aba is doch soa) sich ruhigstellen zu lassen....

"Ich hatte einen Traum, ich hatte ne Vision..."

Dont randalize, organize!

Rotbusch 05.05.2001 - 21:42
Ich möchte das ganze hier noch einmal in einen etwas politischeren Kontext stellen, das kommt mir im obigen beitrag von Demokrat? nämlich zu kurz. Es sind da ja nicht irgendwelche Krawalle, die vom Himmel fallen - ganz schlimm - , die es unbedingt zu verhindern gilt, und das sich jetzt jeder einen Kopp machen müsse, wie - z.B. durch Partizipation, Integration. So etwas ist ja versucht wurden, nach der ersten Maikrawallen 1987 z.B., und auch nach 1989, als dann alle möglichen Jugendbefriedungsprojekte in Kreuzberg wie Pilze aus dem Boden schossen. Gebracht hat auch das letztendlich nix, denn das ist natürlich nur ein Herumdoktorn an den Symptomen,nicht den Ursachen, und das sind nach wie vor soziale und politische (auch wenn diese heute nicht mehr "bewußt" wie in den 80ern artikuliert werden - damals waren die 1. mai-Demos voll von Transparenten, die Flugblätter waren voll mit politischen Inhalten, es gab in Ansätzen linksradikale Kiezpolitik...Heute ist es bei vielen mehr eine diffuse Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, die sich im isolierten Steinewerfen mal kurz Bahn bricht, aber keine politische Artikulation mehr). "Ändern" läßt sich also letztendlich nur etwas, wenn sich die soziale und politische Situation dermaßen verändert, daß keine sozialen Notstände aufkommen (siehe Armutsbericht!), alle genügend sozial abgesichert sind, um sich und ihr Leben verwirklichen zu können. Dazu gehört dann auch Partizipation - aber volle Mitbestimmung in allen gesellschaftliche Bereichen, d.h. im Betrieb, in der Schule, in der Wissenschaft etc. pp, und nicht nur eine Abspeisung wie "du-darfst-mal-mit-am-Runden-Tisch-sitzen-wenn-es-um-Hinterhofbegrünung-geht".
Nun sollte mensch sich fragen, warum sich heutzutage alle Welt so über diese Krawalle aufregt und der Berliner Innensenator mittlerweile einen halben Ausnahmezustand über Kreuzberg verhängt. Vergleicht man die heutigen Geplänkel mal mit den Riots aus den 70er/80er Jahren (Brokdorf, Hafenstraße, Wackersdorf, Reagan-Besuch, 1. Mai 87/89...) , hat man den Eindruck, die heutigen Politiker und Polizisten sind alles Chorknaben, die zuvor noch nie was von Militanz gehört haben. Dem ist natürlich nicht so. Das Geschrei um die Krawalle steht heute im umgekehrten Verhältnis zu ihren tatsächlichen Ausmaßen (zugegeben, dieses Jahr war es aus den bekannten Gründen wieder heftiger; dennoch hatte die Militanz in den letzten jahren deutlich abgenommen, eben weil mit Zusammenbrechen von Teilen der autonomen Szene auch nach und nach die stärksten Träger der Militanz wegbrachen), und das das Geschrei so groß ist, hat einen guten Grund. Herr Werthebach versucht ja ganz gezielt, das Demonstrationsrecht einzuschränken - dafür ist er sogar als Sachverständiger in der dafür zuständigen Bundestagskommission geladen. Und Werthebach ist nicht der einzige, der in dieses Horn stößt, und eine zufällige Laune ist das auch nicht, denn der Mann war vorher ein hohes Tier beim Verfassungsschutz. In der aktuellen Situation ist die radikale Linke so schwach wie lange nicht mehr. Es gibt kaum noch organisierte Strukturen, geschweige denn eine gesellschaftliche Verankerung von linksradikalen/sozialrevolutionären Ansätzen. Das wird nicht immer so bleiben, daß weiß auch Werthebach, denn im Zuge des Neoliberalismus, weitgehender Privatisierung öffentlicher Sektoren (Gesundheit, Bildung, Wasserversorgung etc..) werden sich die materiellen Lebensbedingungen sehr vieler Menschen verschlechtern. Sollte sich die Linke reorganisieren können, sehen Leute wie Werthebach darin eine große Gefahr, daß sich Ausgegrenzte, sozial abgestiegene Menschen wieder linken Idealen/Utopien hingeben könnten und das es dann zu Protesten kommen könnte, gegen die die heutigen "Maifestspiele" tatächlich wie ein Bowlingturnier anmuten. Deshalb sollen heute bereits mit Grundrechtseinschränkungen (siehe großer Lauschangriff, Videoüberwachung, erweiterte Polizeigesetze, BGS auf Demos, Debatte ums Demonstrationsrecht ...) die Voraussetzungen geschaffen werden, morgen besser zubeißen zu können, sprich: Widerstand zu verunmöglichen bzw. schnell zerschlagen zu können. In dieser Situation sind auch die Nazis mal wieder nützliche Idioten fürs Kapital und desses Vertreter, schließlich werden etliche Grundrechtseinschränkungen (z.B. Hausarreste an sensiblen Terminen, Überwachungen etc.) auch und manchmal sogar zuerst gegen Nazis angewandt, da sie dort zunächst für die breite Öffentlichkeit leichter zu legitimieren sind. man gebe sich allerdings keiner Illusion hin, daß diese Maßnahmen nicht genauso gegen den Rest der Bevölkerung angewendet werden, wenn es opportun erscheint ( was jetzt nicht heissen soll, sich mit Nazis deswegen zu solidarisieren. Der praktischere Weg wäre: Grundrechtseinschränkungen, egal gegen wen - nein! Die Nazis hauen wir auch ohne sowas von der Straße.)
Das Geschrei um die Krawalle und die folgenden Maßnahmen dienen meiner Meinung nach nur einem Ziel: der Verhängung eines schleichenden Ausnahmezustands, den Umbau der BRD zu einem repressivem Überwachungsstaat, in dem perspektivisch die Bürger- und Menschenrechte der Mehrheit dem Interesse und Wohlergehen der wirtschaftlich stärksten Minderheit untergeordnet werden. Wäre schön, wenn ich mich irre.

Don't randalize, organize!
Für eine neue revolutionäre Linke, für eine neue sozialistische Utopie. Darin sehe ich den einzigen Ausweg.

Kommentar zu Rotbusch

E T 06.05.2001 - 00:02
Aber Jedem der Phantasieren will, beisst ihr doch gleich weg.

Das versteh ich nicht..

Rotbusch 06.05.2001 - 02:17
Also irgendwie versteh ich deinen Kommentar nicht, ET, wer ist "ihr" und wer beisst da wen ? Ich vertrete hier lediglich meine Meinung, und wenn Demokrat? sagt:" Was aus meiner Sicht am meisten bringen würde, wären Mittel, die eine positive Identifikation mit der Gesellschaft und der Demokratie bringen", dann ist mir dieser Ansatz schlicht zu unpolitisch und sozialarbeiterisch, deshalb hab ich meine Position als Kontrapunkt dargestellt. Und gegens Phantasieren hab ich gar nichts, nur bleib ich dabei nicht auf dem Boden der "freiheitlichen Grundordnung" stehen - die ist nämlich keine. Phantasieren kann man übrigens auch vortrefflich darüber, wie eine andere, freiere Gesellschaft aussehen könnte und wie der Weg dahin aussehen könnte. Und wenn es dann nicht nur beim Phantasieren bleibt, umso besser.

WAS IST GUTER WIDERSTAND,WAS BÖSER?

BOMBSHEK 07.05.2001 - 11:03
Is doch alles graue Theorie,wer hier wen beißt ist doch klar: Politiker, die Bullen losschicken um jeden linken oder auch nur freiheitlichen Ansatz im Keim zu ersticken-während sie Faschoaufmärsche schützen wie sie nur eben können.Soweit bekannt.Wer aber gibt irgendwelchen Theoritikern das Recht den Kreuzberger und den angereisten Jugendlichen ihr Politikverständnis abzusprechen???Muß man erst 1000 schlaue Bücher gelesen haben um zu SPÜREN, das sich der Bullenstaat immer mehr ausweitet??Oder ist dieses ganze analysieren nicht eher ein Versuch die eigene Feigheit oder auch Faulheit zu rechtfertigen???Bedenkt bitte das in Berlin ne Menge Leute zum O-Platz wollten, die nach Hohenschönhausen nicht reingekommen sind. Die Taktik den Faschos die Show zu stehlen ist auf jeden Fall aufgegangen, weil selbst die grosse Nazimasse von 1000 Birnen nach den Kreuzberger Ereignissen eher in die Rubrik "Unter ferner Liefen..." fiel. NO JUSTICE-NO PEACE-FUCK THE POLICE!!!!!!!!!!!!!