1.Mai in Berlin aus sicht eines Berliners

Daniel Kühne 02.05.2001 14:35 Themen: Repression
Ich wohne ca. 100 Meter vom Boxhagener Platz (Berlin) entfernt und möchte hier meine Erlebnisse und die angeblichen Ausschreitungen in der Nacht vom 30.04 zum 01.05. schildern ...
... wenn ein Polizeieinsatzwagen im Schnitt mit 89 Polizisten besetzt ist, dann benötigt man für 9000 Polizisten ca. 1000 Einsatzwagen. Nimmt man 3 Quadratmeter Parkfläche für einen VW Bus an, so hat die Polizei an diesen Wochenende, allein durch ihre Anwesenheit, 3000 Quadratmeter öffentliches Straßenland besetzt. ( Wasserwerfer und Räumpanzer !! nicht mit eingerechnet ) ...

Diese Gedanken kamen mir, als ich am 30.04. gegen 23:30 Uhr nach Hause fuhr. Die Einsatzfahrzeuge der Polizei blockierten ganze Fahrbahnen im Berliner Stadtbezirk Friedrichshein. Stellenweise konnte man sogar von einer massiven Verkehrsgefährdung durch die Polizei reden, da Kreuzungen und Fußgängerwege einfach zugeparkt wurden. Die Straße vor meiner Haustür ( Boxhagenerstr. ist ca. 100 Meter vom Boxhagener Platz entfernt ) hatte sich in ein Aufmarschgebiet für Polizeikräfte mit schwerer Kampfausrüstung verwandelt. Anscheinend war dieses Aufgebot den beteiligten Polizisten sehr peinlich, denn immer wenn ich meinen Balkon betrat, wurde ich von Polizeitaschenlampen geblendet. ( Wahrscheinlich wollte man mir den Anblick ersparen. ) Da sonst alles ruhig war, habe ich es erst mal mit schlafen gehen versucht ...

Am 01.05. gegen 02:00 Uhr Nachts wurde ich von einem Geräusch wach, welches an das klappern von Schlagstöcken gegen Polizeischilder erinnert. ( subjektiver Eindruck ) Ca. 5min Später folgten Sprechköre. ( jetzt gehts los, jetzt gehts los ) Weitere 5 Minuten später hörte ich Lautsprecherdurchsagen der Polizei und splitterndes Glas.

Ich habe mich dann angezogen und auf den Balkon begeben. Hier bot sich mir ein völlig neues Bild. Die Polizisten waren verschwunden und etwa 30 bis 40 Jugendliche Erwachsene bevölkerten die Kreuzung vor meinem Haus. Vom Boxhagerer Platz sah ich nicht genug, um mehr als Blaulicht und Flutlichtscheinwerfer zu erkennen. Die Leute vor meinem Haus sahen nicht wie Autonome oder Vandalen aus. Sie entsprachen eher den im Friedrichshein üblichen Kneipgängern. ( eine sehr beliebte Vergnügungsmeile mit Bars und Kneipen befindet sich gleich neben an ) Diese Leute verhielten sich weitgehend ruhig. Sie beschädigten keine Autos, oder sonstiges. Ab und an ging eine Bierflasche in zwei, aber auch das ist in dieser Straße nichts besonderes. Das ganze passte einfach nicht zu dem, in den Medien gezeichneten, Bild von Autonomen und ihren Straßenschlachten.

Es dauerte nicht lange bis die Polizei auch hier wieder erschien. Es wurde ein Platzverweis für die Kreuzung vor meiner Wohnung ausgesprochen. Somit war jeglicher Aufenthalt ( auch friedlicher Natur ) auf öffentlichem Straßenland verboten. ( dies halte ich für sehr fragwürdig in einem demokratischen Land ) Es folgten Wortgefechte mit den Polizeikräften und Sprechköre. ( haut endlich ab, haut endlich ab ... ) Vor meinen Augen wurden 4 Personen verhaftet. Drei dieser Personen hatten sich verbal mit Polizisten auseinandergesetzt ( eine Handlung die offensichtlich in Deutschland nicht erwünscht ist ) , der Vierte hat eine Bierflasche geworfen. ( Wenn dieses Verhältnis auf alle Verhaftungen zutrifft, ist das sehr Besorgnis erregend ) Sonst kam es zu keinen Handgreiflichkeiten. Die Bürger wichen weiterhin vor der Polizei zurück, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwanden. Gegen 4:00 Uhr kehrte auch vor meinem Haus wieder Ruhe ein.

Durch das Radio erfuhr ich am nächsten Morgen, dass auf dem Boxhagener Platz eine Maifeier außer Kontrolle geraten ist. Dies würde die normal aussehenden Bürger in der Nacht erklären. Auffällig fand ich, das in den Nachrichten nur eine Brennende Papiertonne zu sehen war. ( Bei den angeblich brennenden Barrikaden, könnte es sich auch um das Maifeuer gehandelt haben. ) Es war jedenfalls nicht ein randalierender Mensch in den Fernsehaufzeichnungen zu sehen, dafür aber um so mehr Polizei. Für mich liegt daher die Vermutung einer ( von der Polizei ) provozierten bzw. zumindest in kauf genommenen Ausschreitung nahe.

Um 14:00 Uhr habe ich das Volksfest im Treptower Park besucht. Die Stimmung war super und nicht ein Polizist war zu sehen. ( Wer nachts randaliert, muss tagsüber schlafen? )

Gegen 16:30 Uhr beging ich den Fehler nach Berlin Mitte zu fahren. ( Ich hatte meinen Computer einem Freund geliehen und wollte diesen wieder abholen. ) Eine Zufahrt war fast unmöglich. Mitte war weiträumig abgesperrt. Je nach Laune oder IQ der Polizisten ( subjektive Wahrnehmung ) wurde man zur nächsten gesperrten Einfahrt geschickt, oder nach Ausweiskontrolle durch gelassen. Der Bezirk Mitte war an einem Feiertag !! bis auf die Polizeikräfte menschenleer. Das ganze erinnerte mich an die bekannten Bilder von Ausgangssperren. Jedenfalls kann von Normalzustand hier nicht die Rede sein.

Leider kam es dann im Bezirk Kreuzberg doch noch zu Ausschreitungen. Über diese kann ich aber nichts berichten, da jede!! Zufahrtsstraße hermetisch Abgeriegelt war. Es stellt sich mir nur die Frage, wie es dann überhaupt zu einer Auseinandersetzung dieser Größenordnung kommen konnte. Bei ca. 5000 Polizisten in einem Bezirk sollte man nicht mal Luft holen können ohne aufzufallen. Ist unsere Polizei so inkompetent?

Am Ende meines 1.Mai Berichts möchte ich noch einen Gedanken formulieren. Es gibt Grenzen auf dieser Welt, wo das Aufmarschieren von 9000 Soldaten als Kriegserklärung gewertet wird. Ich bin 27 Jahr, studiere Elektrotechnik, trage gebügelte Hemden, fahre einen VW Golf III und würde mein Leben eher als spießig und unpolitisch beschreiben. Aber auch ich verstehe das entsenden von 9000 Polizisten in meine Heimatstadt als offene Kriegserklärung des Innensenators an die Berliner Bevölkerung. Und so hat es mich mit Freude erfühlt, dass so viele Berliner den Mut aufbrachten und an den Straßensperren mit den Polizisten über ihr tun stritten ...

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Ergänzungen

Kriegserklärung.......

Sonnenschein 02.05.2001 - 15:11
.... gegen die eigene Bevölkerung. Genau, damit hast Du recht, das hast Du gut beschrieben! Ein Bürgerkriegsaufmrsch, inszeniert von einigen Law-and-Order-Sheriffs mit Cowboy-Stiefeln!! Bis nächstes Jahr dann. Sollen dann 18.000 Schlägerbullen aufgefahren werden?? Als kleiene Eskalationsmaßnahme??

Ich weiss nicht

Falk Fiedler 02.05.2001 - 15:14
naja, auch wenn ich vollstes verständnis für die "Mai-Krawalle" habe und es für mich auch nachvollziehbar ist, wenn es an diesem Tag knallt - dieser text liest sich sehr nach einem fake, um noch mehr sympathiebkundungen zu erhalten. Ich kann mich irren, aber vielleicht auch nicht. Aber wenn es wirklich so sein sollte - so was haben wir doch nicht nötig oder? Wir alle wissen doch, worum es da am 1. Mai geht - diese virtuelle auf die Schultergeklopfe klingt danach dann eher etwas albern.

falk

wohl kein fake

Benny 02.05.2001 - 16:12
Hi Falk,

es ist gut kritisch zu sein, aber laut Internettelefonbuch gibt es einen Kühne in der Boxhagenerstr. und das mit den 100m kommt hin. Okay, hier unter dem Namen eines anderen zu schreiben, der dort wohnt, ist auch möglich, aber dann kannst du hier gleich jeden Beitrag anzweifeln.

Ciao, Benny

Falk auch ein fake?

Antikapscher 02.05.2001 - 19:49
also ich weis nicht,ich kann mir nicht helfen,aber der Falk könnte ja auch ein fake sein.Für was soll denn so eine Einschätzung stehen?
Mit Unverständnis
Ein Antikapscher

Fake or Reality?

Oskar 02.05.2001 - 20:54
Mit den fakes ist das so eine Sache: die "braven Bürger" berichten, und radikalisieren sich in null-komma-nix. Bei den Auseinandersetzungen im Wendland wurde ein "Christ" auf diese Weise nach 80 Zeilen zum echten Befreiungskämpfer, der sich mit "venceremos" oder "no pasaran" (oder beidem) von uns verabschiedete. ~ Hier ist allerdings das Ende eher schwach: es erfühlt (!) unseren Berichterstatter mit Freude, daß (verbal, meint er wohl) gestritten wird. Die Randale läßt er außen vor. Schlußfolgerung: vielleicht wird der fake hier ja wieder Realität, indem die "Spießer" an diesen Mustern ihr eigenes Erleben von Auseinandersetzungen einrichten. Fragt sich nur, wie die an Indymedia kommen...

Komment zu antikapscher benni

E T 02.05.2001 - 21:10
Nur ne Kurze Frage, Wie hat ein indymedia Gerechter Kommentar aus zu sehen?

Kommentar zu Oskar

E T 02.05.2001 - 22:36
Lieber Oskar, ich kommentiere hier auch Anonym, aber nur weil ich von Profilierungssüchtigen Typen, angefeindet wurde als ich unter meinen Radikal Realen AOL Namen gepostet habe, seit dem hebe ich angenommen das Anonymes posting bei indymedia Standard ist, und halte mich daran, ich habe Allerding Keine Probleme auch wieder unter meinem Realen Namen zu posten, wie das bei dir aussieht würde ich auch gern mal erfahren Mutant.

Was will man erwarten

Kein Straftäter 03.05.2001 - 01:02
Was will man auch von einem Anwohner in der miesen Gegend erwarten.....Aber herzliches Beileid, wer schon Probleme beim Überqueren der Straße hat, wenn dort Polizei steht und für die Einhaltung von Recht und Ordnung sorgt. Vielleicht mal bei der Arbeiterwohlfahrt melden. Die helfen über die Straße!!!!!!

Anfrage

Steffanie Wrobel 04.05.2001 - 21:59
Ich wurde ca. gegen 1:30h festgenommen an der Ecke Gärtner-/Boxhagener Str. Ich bin an Krücken gelaufen, habe einen Wuschelkopf mit vielen Locken. Falls Du es gesehen hast, melde Dich bitte bei mir. Möchte meine Festnahme nicht einfach so hinnehmen, zumal ich an Krücken lief und es eine Zumutung war, wie weiter mit mir/uns fortgefahren wurde, denn letzendlich gab es keinen Grund für die Festnahme.
Würde mich über jegliche Informationen, auch anderer Beobachter oder Betroffener freuen. Vieleicht auch Bildmaterial!
Keine Hinnahme der willkürlichen Staatsgewalt!

Na, ja

unrelevant 06.05.2001 - 18:49
Es wäre toll, wenn mehr als einige Prozente an diesem Bericht wahr wären.
Anscheinend wurde hier großzügig einiges ausgelassen.


MfG

Berliner???

unwichtig 05.05.2003 - 00:24