Warschau: 1.Mai-Demo voller Erfolg!

Lotti 01.05.2001 21:39 Themen: Weltweit
In Warschau gab es eine grossartige Demo verschiedener linker und anarchistischer Gruppen, an der 1.500-2.000 Leute aus ganz Polen und verschiedenen europaeischen Laendern teilnahmen. Nach Aussagen von WarschauerInnen die groesste, die es in hier je gab!
"Bruessel wird nicht unsere Hauptstadt sein!" - eine von viele Parolen, die heute bei der groessten anarchistischen und antiautoritaeren 1.Mai-Demo gerufen wurden, die es in Warschau je gab - das jedenfalls sagen Leute, die es wissen muessen.


Ca. 1.500-2.000 Leute aus vielen Staedten Polens und verschiedenen Laendern Europas beteiligten sich an der Demo, die vom Vorbereitungsbuendnis 'M1-Komitee' vorbereitet wurde:  http://www.most.org.pl/m1/. Am Komitee waren Leute der Anarchistischen Foederation FA (Federacja Anarchistyczna:  http://www.fa.prv.pl/), der Linken Alternative (Alternatywa Lewicowa:  http://www.most.org.pl/la), der feministischen Gruppe Emancypunx (Kontakt ueber Autorin erfragbar!) und anderer Gruppen aus Warschau, Gdansk, Poznan, Bialystok, Wroclaw, Lublin, Lodz und Rzeszow beteiligt, die dieses Mal zum erstem Mal die Demo angemeldet hatten, da es frueher schon Faelle gegeben hatte, bei denen die Demo gar nicht loslaufen konnte und direkt in Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt wurde. Die KrakauerInnen sahen das anders und zogen vor, direkt die sozialistischen Aktionen zu stoeren...


Die Demo zog an diversen Ministerien, Botschaften, einem EU-Gebaeude vorbei und endete vor dem Ministerrat, dem Sitz des polnischen Ministerpraesidenten.


Die VorbereiterInnen waren mit dem Verlauf soweit sehr zufrieden - ihrer Meinung haette es besser kaum laufen koennen, mehr Leute waeren einfach nicht auf die Beine zu bringen gewesen. Die Stimmung war genau wie das Wetter hervorragend, es gab viele Parolen, Transparente, Schilder, klassisch schwarz-rote Fahnen und Musik. So war zu lesen und zu hoeren: 'Nie Zaciskajpasa - Zacisnij piesc!' (Schnallt nicht den Guertel enger sondern ballt die Faust!) (Leittranspi), 'Przeciw europejskiej fortresie' (Gegen die Festung Europa), 'Dosc Arogancji Wladzy' (Gegen die Arroganz der Herrschenden). Viele Parolen wandten sich gegen Abschiebungen, gegen Wohnungszwangsraeumungen, gegen Kapitalismus und EU-Anpassungsmassnahmen im Rahmen der EU-Osterweiterung. U.A. wurde gefordert, die Regierenden sollten auch fuer 500 Zloty arbeiten gehen - das bezog sich auf eine der Forderungen aus dem Streik der Krankenschwestern in Polen im letzten Dezember. Zu hoeren waren allerdings auch Forderungen wie 'Wir sind gegen die 4. Teilung Polens!'


Ein grosser Erfolg waren 6 'Radical Cheerleaders', die, wohl in Anlehnung an den Pink-Silver-Block in Prag letztes Jahr ganz in rosa und silber, gemeinsam mit dem unvermeidlichen Samba-Block die Demo in Schwung hielten und permanent so nah an den Polizisten vorbeiwedelten, dass sie nur muehsam ernsthafterem Aerger entgehen konnten. Die Polizei war ueberhaupt sehr massiv praesent, bildete mehr oder weniger dauerhaft Wanderkessel und agierte unsouveraen und ruppig, indem sie staendig alle, die neben der Demo liefen, dazu aufforderte, sich wieder einzureihen. Die, die Fahnen trugen wurden auch ziemlich ruede zurueckgeschubst. Es gab zum Glueck nur wenig Festnahmen, die Betroffenen wurden bis auf einen bis zum Ende der Demo freigelassen. Waehrend die Freilassung gefordert wurde und die Demo sich nicht weiterbewegte, gab es einen ca. halbstuendigen Kessel im Anschluss an eine der Festnahmen. Beliebte und sehr laut gerufene Parole hier: "Ge-sta-po! Ge-sta-po!" Am Rande kam es mehrfach zu Provokationen und auch Pruegeleien sowohl durch Polizei als auch durch zivil Gekleidete, die nach Auskunft der Demo-OrganisatorInenn sowohl Zivis wie auch Nazis haetten sein koennen. Schwerere Verletzungen gab es aber nicht.


Beim Info-Telefon der Demovorbereitung hatten auch Nazis angerufen, die sich unbedarft mal nach dem Stand der Vorbereitung erkundigen wollten - andere Naziaktivitaeten sind aber nicht bekannt geworden und hat es bis zum fruehen Abend wohl auch nicht gegeben.


Die Lauti-Redebeitraege, denen uebrigens auch viele PassantInenn zuhoerten, und die leider fast ausschliesslich von Maennern gehalten wurden, richteten sich ebenfalls in verschiedenen Variationen gegen Kapitalismus und Neoliberalismus, sehr explizit gegen EU-Anpassungsmassnahmen. Vor der US-Botschaft wurde heftig gegen amerikanischen Einfluss protestiert und auf die Situation des in den USA gefangenen Leonard Peltier hingewiesen. Sehr huebsch war auch die "Privatisierung von Balcerowicz", also die Versteigerung eines der wesentlichsten Oekonomen Polens, der als Finanzminister massgeblich fuer die Schocktheraapie der polnischen Wirtschaft verantwortlich war und heute Praesident der Nationalbank ist.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen