Uranabbau in Australien

Lorenz 30.04.2001 14:42 Themen: Atom
Uranabbau kontaminiert Teile Australiens. UNESCO sieht keine Beeinträchtigung des Welterbes. Unternehmen und Regierung wollen neue Mine (Jabiluka). BewohnerInnen wehren sich seit Jahren: "The fight is not over."
Welcome to "sickness country"


Aus Protest ueberflog Dean Jeffery mit seinem Gleitdrachen 1984 die Uranmine Olympic Dam in Suedaustralien und warf Blumen in den Minenschacht. Eine grosse Brise radioaktives Radongas kam aus dem Schacht. "Ich dachte mir, das Zeug fliegt jetzt ueberall hier herum", erzaehlt Dean.

Fuer die indigenen Mirrar, im Norden Australiens im Kakadu National Park (KNP), ist das eine zwanzigjaehrige Erfahrung mit Uranabbau. "Dieses Gift kann niemals gebannt werden", sagen die Mirrar, die "Taditional Owners" des Gelaendes auf dem sich auch die Minen Ranger, Jabiluka sowie die Minenarbeiterstadt Jabiru befinden. Die 27 Erwachsenen und zahlreichen Kinder sind die am staerksten betroffenen Gruppe, waehrend in der Umgebung weitere Clans leben. 1996 waren es 500 Individuen in 16 Clans in der Alligator River Region im KNP. Sie alle, aber auch die weissen Invasoren (einschliesslich der Touristen), sind der Radioaktivitaet ausgesetzt.

Im Sueden des Parks liegt ein Gebiet in dem sich religioese Plaetze befinden, die in Verbindung stehen mit der mystischen Figur Bula. Wenn Bula gestoert wird, so die Ueberlieferung, verursacht er Naturkatastrophen und die Leute werden krank und sterben. Waehrend fueherer Bergbautaetigkeiten in den 1950er Jahren, die Naturkatastrophen gleich kamen, haben viele Indigene (Jawoyn), damals noch voellig rechtlos, das Gebiet verlassen. Auch hier befinden sich hohe Konzentrationen von Uran. Sie fuerchteten sie koennten erkranken. Die Alphastrahlung des Abraums wird millionenmal gesundheitsschaedlicher, als das Uran im Erdreich, da er ueber ein Dutzend radioaktive Subtanzen, sogenannte Spaltprodukte von Uran, enthaelt.

Die Bedingungen im Norden unterscheiden sich von denen im Sueden nicht wesentlich. Das Gebiet im Sueden traegt den Namen "sickness country" (buladjang)!


Dass die Kontamination der Umwelt durch Ranger wachse und die Mine in dem lokalen Wassersystem messbar sei, hat das Office of the Supervising Scientist (OSS), eine von der Regierung geschaffene Institution, 1991 noch veroeffentlicht. In den "Retention Ponds" wird das Wasser aus der Produktion gesammelt. Wasservoegel frequentieren diese kontaminierten Rueckhaltebecken. Letztes Jahr liefen annaehernd 2 Mio Liter kontaminiertes Wasser wegen eines Lecks aus der Uranmine Ranger in den KNP. 16 Mio Tonnen Abraum, noch ca. 80% der urspruenglichen Stahlung enthaltend, tuermen sich zu einer weitsichtbaren Halde ("Tailings Dam"). Neben dem Wasser aus der Produktion, sind es diese Massen an radioaktivem Gestein, dessen pulvrige Konsistenz und extrem lange Halbwertzeit, die es unmoeglich machen ein Austreten in die Umwelt ueber zehntausende von Jahren zu verhindern. Radioaktivitaet als Staub und Gas wird vom Wind verweht und vom Regen ausgewaschen. Die Inhalation von nur 0,3g des Jabiluka oder 0,4g des Ranger Haldenstaubs pro Jahr ueberschreitet den zulaessigen Jahreswert. Muscheln in den umliegenden Bachlaeufen enthalten bereits hohe Konzentrationen von Radium. Mirrar und uebrige Clans ernaehren sich u.a. von "bushfood", d.h. sie sammeln die Fruechte, fischen und jagen im Park.

Nicht um jeden Preis will die Betreiberfirma der Mine, Energy Recources of Australia (ERA), die Kontamination der Umgebung durch eine der weltweitgroessten Mine vermeiden, denn 1995 drohte sie mit der Schliessung von Ranger, falls ihr nicht erlaubt wuerde, wie ueblich, 500.000 Kubikmeter Abwasser in den kleinen 200 Meter entfernten Magelafluss zu pumpen, der aber lange nicht genuegend Wasser fuehrte, um das Zeug wegzuspuelen. Die Mine brauchte den Betrieb nicht einzustellen, da der Regen einsetzte.


Der Regierungswechsel 1996 machte es ERA moeglich, die Inbetriebnahme von Jabiluka voranzutreiben. Seit 1992 ERA das Minengelaende gekauft hat, hatte es brach gelegen, weil die "Drei-Minen-Politik", die den Betrieb von maximal drei Minen vorsah, keinen weiteren Abbau zuliess.

Geplant ist in 30 Jahren 90.400 Tonnen Uranoxid aus 400 Meter Tiefe abzubauen und dabei 20 Mio Tonnen radioaktiven Abraum im Kakadu zu hinterlassen. Weil eine neue Muehle 155 Mio Aus$ kosten wuerde, soll das zutage gefoerderte Gestein per LKW 23km durch das Land der Mirrar gefahren werden und in der Ranger Muehle zermahlen werden. Ungefaehr 13% Uran in Form von Yellowcake werden von Ranger nach Europa und in die BRD exportiert. Einmal pro Jahr geht ein LKW Transport zum Hafen in Darwin. Auch Jabiluka wuerde die BRD beliefern. Die Fracht kommt schliesslich ueber die Landstrasse als Uranhexaflourid (UF6) in die Urananreicherungsanlage in Gronau. Angereichertes Uran kann danach fuer AKW’s oder koennte fuer Atomwaffen verwendet werden. Die genehmigte Vervierfachung der Kapazitaet der Anlage in Gronau nach (!) dem "Atomkonsens" wirft die Frage auf, wofuer soviel Uran in Zukunft gebraucht wird. Doch zurueck nach Australien.


Die Planungen von ERA liessen die Mirrar aufschrecken. Ranger und Jabiluka hatten die Mirrar damals abgelehnt und verhindern wollen. Aber der Abbau beruehrte nationales Interesse, weshalb die Lizenz zum Abbau gegeben wurde. Ohne die Tolerierung von Ranger durch die indigene Bevoelkerung, waeren zu der Zeit weder der KNP, noch das Land Rights Act (LRA), noch das Northern Aboriginal Land Council (NALC) entstanden, weil die Regierung den Uranabbau zur Bedingung gemacht hatte. Das NALC vertritt die Interessen der indigenen Bevoelkerung. 1982 war der Jabiluka-Minenkomplex verhandelt worden. Die Umstaende der Verhandlungen waren ungewoehnlich und unfair, so das Kommittee des Report of Senate 1999, weshalb es eine neue Uebereinkunft zwischen ERA und NALC ueber Uranabbau empfiehlt. Bezeichnend ist die Aussage eines Teilnehmers der Verhandlungen: "Even though we say no, they keep on asking." Ruecksichtslos und systematisch marginalisiert, ihre fundamentalen Rechte ignoriert, werden sie so lange unter Druck gesetzt, bis ein "agreement" entstanden ist.

Die Auswirkungen dieses "agreements" haben soziales und oekonomisches Desaster gebracht. Erst im November letzten Jahres zeigte die Gundjehmi Aboriginal Corporation (GAC), welche die Mirrar als Nichtregierungsorganisation repraesentiert, wie miserabel die Wohnverhaeltnisse sind unter denen die Mirrar leben. Die GAC Untersuchung ergab, dass es nicht genuegend Heisswasser, schlechte oder keine Kochmoeglichkeiten, nur rudimentaere sanitaere Anlagen bei der Mehrzahl der Haushalte gibt und, dass die Menschen voellig beengt leben. Allerdings sagte Tracker Tilmouth von der GAC, dass sie es satt haetten akzeptablen Lebensstandard nur dann zu erhalten, wenn sie dem Uranabbau zustimmen wuerden. Die Mirrar gaben ihr Veto, dass das Gestein von Jabiluka ueber die 23 km lange Strasse transportiert und auf Ranger zermahlen wird. Dadurch wurde die Arbeit auf Jabiluka behindert. Die Investition einer Muehle in Jabiluka macht ERA nicht.

Woher soll die Kooperationsbereitschaft kommen? Im Juli 1999 auf dem World Heritage Treffen in Paris gab der Umweltminister Robert Hill Yvonne Margarula, deren Vater schon an den Verhandlungen ueber Jabiluka beteiligt war, das Versprechen, dass die religioesen Plaetze der Mirrar vor den Auswirkungen der Arbeiten auf Jabiluka geschuetzt werden wuerde. Ohne die Mirrar weiter zu unterrichten, gab er die Aufgabe dem Juristen Bardy Mc Farlane. Eine Nachpruefung seitens der Mirrar ergab, dass Mc Farlane bisher fuer Bergbau-, Agrar- und Fischindustrie gearbeitet hatte. Alles Industrien, die haeufig gegen die indigene Bevoelkerung handeln. Tunnelarbeiten fuer Jabiluka unter den religioesen Plaetzen im letzten Jahr, haben die feindlichen Absichten der Regierung und von ERA wieder deutlich werden lassen.


Die "Stop Jabiluka Campaign" ist seit 1996 die Antwort auf die Vorhaben von Regierung und ERA. Die Spitze der Kampagne stellte die Blockade des Minengelaendes 1998 dar. Dort war Yvonne verhaftet und spaeter verurteilt worden, nachdem sie auf ihrem Land gewesen war. Der Zustand sei, so die Sprecherin von Yvonne Ms Katona, dass das Landrecht (LRA) praktisch wertlos sei (und) die Aborigines nicht die Freiheit haetten ihre Begehren fuer ihr Land zu zeigen, wenn es Regierungspolitik widerspraeche.

Die Kampagne wird von einem Netzwerk aus Umweltorganisationen bzw. -gruppen und Gruppen, die sich fuer die rechtliche Gleichstellung der Indigenen und Immigranten einsetzen, getragen. In den fuenf Jahren wurde auf vielen Ebenen interveniert. Die Firmenzusammenhaenge sind global und es gelang bspw. in Frankreich (Cogema), Japan (Kasei) oder England (Rio Tinto) als im Urangeschaeft involvierte Firmen unter Druck zu setzen. So wurde in den Laendern darauf aufmerksam gemacht, was im KNP angerichtet wird und die Firmen dadurch der oeffentlicher Kritik unterzogen. Des weiteren wurde auf die Aktionaere einiger Firmen und Banken in Australien eingewirkt, damit sich die Gesellschaften aus dem Urangeschaeft zurueckziehen. Das wesentliche aber war die Einschaltung der UNESCO, wodurch die Vorgaenge global zum Thema gemacht werden konnten. Obwohl der KNP keine unversehrte Natur mehr im Sinne der World Heritage Kriterien darstellt, hat das Kommittee in Cairns im Nov. letzten Jahres den Park nicht als in Gefahr gelistet. Auch wenn das Ergebnis enttaeuschend ist, wie Marc vom Environment Centre in Darwin sagt, so sei doch ungewiss, ob in Jabiluka je Uran abgebaut werde. Im Oktober koennte die Australian Labour Party (ALP) an die Regierung gewaehlt werden. Jabiluka wuerde durch die "Drei-Minen-Politik" der ALP wieder auf Eis gelegt, wenn nicht gar ganz aufgegeben. Fuer Jabiluka ist eine Laufzeit bis in die 2020er Jahre vorgesehen. Fuer die Betreibung darueber hinaus waere wieder eine Verhandlung noetig und das Veto der Mirrar ist sicher: "The fight is not over." Somit wird die Zeit, die zur Verfuegung steht, immer kuerzer. Ein anderer Punkt ist, dass sich der Abbau erst lohnt, wenn der Uranpreis auf dem Weltmarkt bei 15$/pound ist. Aber z. Zt. befindet er sich nicht auf der Haelfte dessen.

Ende Februar treffen sich in Melbourne antinuklear Gruppen mit der Absicht die Arbeit der Kampagne fortzusetzen. Weil die Gefahr fuer die Mirrar "sehr real und gegenwaertig ist", wollen sie die Kampagne mit Nachdruck fortsetzen. Yvonne Margarula hat sich jetzt ein zweites Mal an die UNESCO gewandt. Eine Informationstour, Kampagnenmaterial und groessere mediale Presens koennen in den naechsten Monaten erwartet werden.

ERA gehoert zu 68,4% dem Bergbaugiganten Rio Tinto, dessen Sitz London ist. Rio Tinto betreibt seit 60 Jahren Bergbau in Australien und gab kuerzlich bekannt, dass ERA zum Verkauf stehe. Die Profitabilitaet von ERA ging im letzten Jahr auf ueber 50% zurueck. Dazu duerfte der niedrige Uranpreis beigetragen haben, aber viel Geld ging auch in den Imageerhalt. Anvisiert sei Ende Maerz, wenn der Preis stimme. Interessenten koennten Cogema oder das kanadische Unternehmen Cameco Resources sein. Cogema denkt trotz des schlechten Marktes ueber einen Kauf nach. Die Verkaufsabsichten werden vom Environment Centre in Darwin als "ein gutes Zeichen" gewertet, weil es dadurch unwahrscheinlicher scheint, dass die Arbeiten weiter fortschreiten. Dagegen besitzt Cogema schon ein Gelaende im KNP (Koongarra). Mit dem Erwerb wuerde ausserdem der Aktienanteil von Cogema an ERA auf 75% steigen, denn auch hier ist die Gesellschaft beteiligt. Als gutes Zeichen interpretieren dagegen die Mirrar die Absichten wohl nicht, denn sie hatten Rio Tinto aufgefordert Jabiluka weder weiter zu entwickeln noch zu verkaufen. Falls Cogema kaufen und dennoch produzieren sollte, wuerde ein franzoesisches Unternehmen den Stoff liefern mit dem im Sued Pazifik franzoesisches Militaer Atombomben testet. Fuer Australien waere das eine sehr prekaere Situation.

Die Proteste gegen Jabiluka werden von guenstigen Umstaenden begleitet. Die Moeglichkeit die UNESCO auf den Plan zu rufen, ist einer davon. Und Interventionen des Kommittees sind in Zukunft nicht ausgeschlossen. Besonders dann, wenn die australische Regierung die Bewahrung des kulturellen Erbes im Park nachweislich nicht gelingt. Ein anderer sind die entschlossenen und energischen Mirrar. Weil sie, wie Ms Katona es beschreibt, einen Kampf um ihr Ueberleben fuehren. Nebenbei wurde in der Naehe von Olympic Dam im letzten Jahr die Uranmine Beverley in Betrieb genommen. Die Auswirkungen werden die gleichen sein; ein neues sickness country.

Lorenz

Darwin im Februar
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Ergänzungen