Tragödie vor den Kanarischen Inseln

Ralf Streck 10.03.2006 09:27 Themen: Antirassismus Weltweit
Allein am Anfang der Woche sind vor den spanischen Kanarischen Inseln mindestens 45 Afrikaner bei zwei Bootsunglücken ertrunken, 40 Menschen wurden gerettet. Erst am Mittwoch hat die verstärkte Küstenwache wieder 75 Menschen aus dem Wasser geholt, die schon drei Tage unterwegs waren. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Sogar die spanische Regierung geht offiziell davon aus, dass mehrere Hundert Afrikaner vor den Küste Mauretaniens bei dem Versuch ums Leben kamen, auf die Kanarischen Inseln zu kommen. Der Rote Halbmond spricht von 1200 bis 1300 Toten allein in den vergangenen vier Monaten. Die meisten Schiffe sänken unbemerkt.
Jose Segura, Vertreter der Zentralregierung auf den Kanaren, sagte der Zustrom von Einwanderern habe in letzter Zeit stark zugenommen, die versuchten illegal auf die Inseln zu kommen. Allein am Wochenende haben es über 200 Afrikaner in mehreren Booten geschafft, auf die Inselgruppe zu gelangen. Seit Jahresbeginn wurden offiziell etwa 2400 „Boat People“ gezählt.

Auch die Verantwortliche der sozialistischen spanischen Regierung für Einwanderung Consuelo Rumí erklärte, dass die Flüchtlinge und Einwanderer ihre Routen geändert hätten. Sie starteten von Mauretanien, weil Marokko stärker gegen Flüchtlinge und Einwanderer vorgehe.  http://de.indymedia.org//2005/12/134890.shtml Vor allem nannte sie hier die Kontrolle um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, wo sie es zuvor versucht hätten.  http://de.indymedia.org//2005/11/131536.shtml Bei Massenanstürmen auf die Grenzzäune wurden Ende letzten Jahres mehr als ein Dutzend Menschen beim Versuch erschossen, als sie in die Quasi-Kolonien eindringen wollten. Wie viele Menschen verdurstet sind, die auf Druck Spaniens und finanzieller Unterstützung der EU  http://de.indymedia.org//2005/10/130104.shtml von Marokko in die Wüste ausgesetzt wurden, ist weiter unklar.  http://de.indymedia.org//2005/10/129667.shtml

Weil der Druck auf die Einwanderer und Flüchtlinge auch in von Marokko besetzten Westsahara  http://de.indymedia.org//2005/11/132916.shtml gestiegen sei, wichen sie auf Mauretanien aus, um nach Gran Canaria und Teneriffa zu kommen, sagte Rumí. Etwa 700-800 Menschen versuchten täglich das Meer zu überschreiten, bezifferte der Sprecher vom Roten Halbmond Uld Haye die Zahl Doch statt knapp 100 Kilometer aus der Westsahara , müssen die Menschen auf kleinen und oft abgewrackten Booten eine Strecke von fast 1000 Kilometer schaffen..

Fünf Tage auf offener See bei Wellen von derzeit sechs Metern, ist das ein tödliches Unterfangen. Wegen ihrer aussichtlosen Situation versuchen sie alles, um nach Europa zu gelangen. Für die Reise haben sie meist die gesamte Familie verschuldet. Es zeigt sich, dass die Abschottung Spaniens und der EU die Einwanderung verhindert, sondern sie nur gefährlicher macht und die Zahl der Opfer erhöht. Das konnte in Spanien schon in den letzten Jahren beobachtet werden. So wurde an der Meerenge von Gibraltar das „Integrierte elektronische System zur Außenüberwachung“ (SIVE) aufgebaut. Die Radar, Infrarot- und thermischen Kameras hatten dazu geführt, dass auf längere Strecken an andere Küstenabschnitte ausgewichen wurde, statt die wenigen Kilometer der Meerenge zu durchfahren. Die Zahl der Opfer stieg, die Einwanderung blieb. SIVE ist nun fast an der gesamten Südküste installiert.  http://de.indymedia.org//2005/05/116935.shtml

© Ralf Streck, Donostia-San Sebastián den 10.03.2006
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Ergänzungen

Tourismus und Rassimus

canarias, -> pasi guanche 10.03.2006 - 14:41
Einen realtiv schlechten Beitrag liefert auch der Tourismus zur Migrationsproblematik. Sinkende Tourismuszahlen werden in den kanarischen Medien in Zusammenhang mit der Zunahme von Migration(die de facto so nicht festzustellen ist) gestellt. So wird der Rassismus geschürt, bzw, importiert.Von westeuropäschen (hauptsächlich deutschen und englischen) Kurzurlaubern.
Als neulich auf einer Insel ein kleines Boot mit 43, fast toten Leuten aus der Vorsahara ankam erklärte mir ein deutscher Tourist:
"Ich hab die gesehen, und hab gedacht: dass sind ja tatsächlich Menschen".

Wer in seinem Boot auf der Flucht vom afrikanischen Festland die Kanaren verpasst ist mitten im Atlantik und wird Richtung Amerika gezogen. Die Überfahrt dauert mit einem Segelboot mind. 2 Wochen. Ohne Segel/Motor kann das Monate dauern, jedenfalls länger als die Vorräte reichen.
Die kanaren sind der einzige Ort Afrikas der derzeit einen Bevölkerungsanstieg verzeichnet, Gründe sind die Rückkehr vieler ehemaliger KanarInnen die in der francozeit Richtung Venezuela, Kuba , Karibik gezogen sind und der Zuzug vieler reicher FerienhausEuropäerInnen die sich auf Grund der Privilegien auf der Insel melden. Die MigrantInne aus Afrika spielen da eigentlich keine grosse Rolle.

Tourismus und Rassismus

muss nicht 10.03.2006 - 22:04
Ich habe mir mal auf Fuerteventura eine Zeitung der Kanaren gekauft, weil die Topmeldung "Kanaren wehren sich gegen Invasion" war. Dabei ging es um die wohlhabenderen deutschen und englischen Renter, die sich dort ihre Ferienwohnung bauen lassen, oftmals von clandestinen, ohne es zu wissen. Das soll unter Anderem auf mehreren Inseln durch einen Baustop verhindert werden. Eine wesentlich kleinere Meldung auf der selben Titelseite handelte dann tatsächlich vom "Kampf gegen die illegale Migration".

Will sagen: die älteren Inselbewohner haben tw. mehr Probleme mit den westeuropäischen MigrantInnen als den afrikanischen. Soweit ich Gesprächen und den Zeitungen entnehmen konnte, erregen letztere v.A. Mitleid, auch wenn sie schon auch als "Problem" angesehen werden. Die Boote, in denen sie übersetzen werden Pateras (=Opferschalen) genannt, was nicht annähernd der deutschen/westeuropäischen Symbolik von Fluten und Strömen entspricht.

Unter den westeuropäischen Immobilienbesitzern scheint die Migration aus Afrika mehr Angst auszulösen als unter denen, die schon länger auf der Insel wohnen oder dort geboren sind. Die wissen nämlich, dass alle früheren Inselbewohner mal irgendwie über die Jahrhunderte "angeschwemmt" wurden, und differenzieren oft weniger zwischen Leuten aus reichen EU-Ländern und denen aus afrikanischen Staaten.

Die kurzzeit-Pauschalurlauber, da sollten wir uns nix vormachen, haben zum allergrößten Teil überhaupt keine Ahnung von der "Problematik" und lassen sich deshalb auch nicht davon "abschrecken". Selbst gegenwärtig, wo mehr Pateras ankommen als je zuvor, sind das in deutschen Zeitungen nur Randnotizen. Eine solche Touristin ging mirgegenüber sogar schlicht davon aus, dass "die Schwarzen" die Ureinwohner der Insel wären.

Ein kurzer Radiobeitrag zum Thema:
 http://zip-fm.reportnet.de/index.php?mode=program&s_id=344&cat=71#art1436