Denn Udo di Fabio ist Deutschland

Tatjana Kunkel 29.11.2005 23:57 Themen: Globalisierung Soziale Kämpfe
Heute war es wieder soweit: Die PR-Abteilung der deutschen Metall- und Elektroindustrie zeichnete den „Reformer des Jahres 2005“ aus. Die freiwillig mit Unternehmerinteressen gleichgeschaltete Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) inszenierte zusammen mit der euphemistisch bezeichneten „Initiative Neue Soziale Markwirtschaft“ die Preisverleihung in Berlin.
Schon die von der INSM gesteuerte Kandidatenauswahl, die vordergründig demokratisch von dr FAS-Leserschaft mitbestimmt werden durfte, war plump. Wer nicht in den ideologischen Mainstream der Marktfanatiker passt, wer nicht von der Notwendigkeit der „Deregulierung“ sozialstaatlicher Standards spricht, wem bei Anblick von 5 Millionen Menschen ohne Erwerbsarbeit nicht sofort das Wort „Fordern“ auf den Lippen liegt, wer nicht die angeblich überhöhten „Lohnnebenkosten“ beklagt, hatte keine Chance in den erlauchten Kreis der potentiell zu ehrenden „Staats-Reformer“ aufgenommen zu werden. Im letzten Jahr noch, als Fotzen-Fritze (so nennt die Titanic-Redaktion Friedrich Merz ob seiner rebellischen Jugend) wegen seines Steuermodells für Besserverdienende den begehrten Preis erhielt, entblödete sich die INSM mit Andrea Nahles wegen ihres Modells der Bürgerversicherung gleichzeitig den „Blockierer“ des Jahres zu wählen. Diese offensichtliche und intellektuell allzu seichte Stimmungsmache wurde von den hochdotierten PR-Beratern in diesem Jahr aus dem Drehbuch gestrichen.
Mit Udo di Fabio wurde dieses mal kein Politiker, sondern - seriöser - ein Richter, der 1999 von der CDU für das Bundesverfassungsgericht nominiert wurde, zum Vorzeigemännchen gewählt. Di Fabio hat nicht den Ruf wie sein Vorgänger Merz, in seiner Jugend ein wilder Draufgänger gewesen zu sein (Merz rühmt sich, in seiner Jugend im Sauerland mit einigen Kumpels eine linke Kneipe zerlegt zu haben). Di Fabio ist kreuzbrav. Der heute 51-jährige ist katholisch, verheiratet, hat zwei Doktortitel und vier Kinder. Was den Preisträger mit allen Voraussetzungen für einen ganz normalen, konservativen CDU-Wähler von eben diesem abhebt, ist die Tatsache, dass er ein Buch geschrieben hat.
„Die Kultur der Freiheit“, so der Titel der von manchen konservativen Rezensenten genannten „mutigen Streitschrift“.
Wer nach der Lektüre der ersten Seiten den Deckel nicht sofort wieder angewidert zu macht, ist entweder regelmäßiger Leser der rechtsextremen „Jungen Freiheit“ oder muss sich von Berufs wegen mit derartigem Schrifttum auseinandersetzen. Heribert Prantl, Kommentator der SZ, meinte folgerichtig auch, der Autor hätte sein Werk besser „Kulter der Jungen Freiheit“ genannt.

Di Fabios Weltbild lässt sich im Kern auf die Säulenheiligen jedes Konservativen reduzieren: Nation, Religion, Familie.
Beängstigend dabei ist, dass die gedanklichen Ausführungen Di Fabios dem Lektorat des CH.Becks-Verlags nicht geschäftschädigend erschienen.

Kinder, Küche, Herd
Der Staatsrechtprofessor schwadroniert in seinem Buch von Paaren, die in „einer romantischen und auf Bindung gerichteten Beziehung“ leben wollen, ohne die heutigen „Gleichheits- und Selbstbehauptungsansprüche der Geschlechter“. Di Fabio glaubt, dass die Paare in Deutschland heraus wollen aus der „sozialtechnischen Welt“ der Eheverträge, welche Di Fabio als Papiere „des Misstrauens und der Vorbehalte“ betrachtet. „Ein gutes Leben“ kann eigentlich nur „in einer mit Kindern gesegneten Familie gelebt werden“. Dass Homosexualität hier keinen Platz hat, ist wohl selbstverständlich. Er faselt und philosophiert von der Wendung zur Unfreiheit, wenn Eheleute Verträge abschließen und landet dann wieder bei den ganz großen Fragen unserer Gesellschaft. Die Gefährdung des Westens, fehlender Patriotismus, Freiheit und Kultur - das sind seine Sorgen und das klingt dann im Original so:

"Freiheit ist dem Grunde nach kulturgebunden, wer Freiheit will, muss auch die tragende Kultur wollen und darf nicht ungehindert unter Berufung auf Freiheit eine kulturelle Ordnung zerstören, die Freiheit erst möglich macht. Damit erweist sich ein individualistisch einseitiges, ein traditionsfeindliches und ein Institutionen ablehnendes Verständnis der Freiheit als Kern der Selbstgefährdung des Westens."


Meine Freiheit, deine Freiheit

Wirtschaftspolitisch liefert Di Fabio in seinem Buch die Legitimation zum Abbau des Sozialstaats. Da er sich sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und das folgende Studium angeblich komplett „selbst bezahlt“ hat, mag er kein Verständnis für Nutznießer staatlicher Hängematten aufbringen. „Parasiten“ heißen diese Subjekte in Studien des Arbeitsministeriums der letzten Regierung. Wie die INSM preist er den Markt und den Wettbewerb, ohne das Beten zu Gott (dem einen) zu vergessen. Seine wirtschaftlichen Konzepte lehnen sich an die 50er Jahre an, und münden in Lobliedern an die Leistungen der (West-) Deutschen in den Nachkriegsjahren:

„Die fünfziger Jahre waren goldene Jahre der Westdeutschen, bei aller Scham über das Vergangene und allen Traumata eine Dekade der Lebenslust und Energie; hier wuchs das Kapital, von dem die heutige, an manchen Stellen starr und bequem gewordene Republik immer noch zehrt. Es hat kaum jemals soviel zuversichtliche Leistungsbereitschaft gegeben wie in dieser Zeit. Die Deutschen wussten damals, welches Glück es war, in Freiheit zu leben. Krieg und Leid hatten sie hart für das eigene Schicksal gemacht, das Erleiden gelehrt, aber nicht in ihren Gefühlen der Mitmenschlichkeit erkalten lassen."


Denn Di Fabio ist Deutschland!

Professor und Verfassungsrichter, der Mann hat es geschafft. Er gehört zur Elite Deutschlands und will sich nicht mehr von den 68´ern und ihrer „political correctness“ verbieten lassen, zu sagen, was er denkt:

„Menschen, die bei der Wahl ihrer Kleidung, in der Art wie sie speisen oder wie sie reden, inzwischen wieder dem Niveau vorkultureller Zeit zuzustreben scheinen, Menschen, die schon morgens mit einer Alkoholfahne in öffentlichen Verkehrsmitteln reisen oder solche, die überzogen aggressiv ihre Freizeitneigungen austoben, dürfen in unserer Kultur der selektiven Toleranz gegenüber dem individuellen Sosein weder verlacht noch öffentlich auch unter ästhetischen Gesichtspunkten kritisiert werden.“

Und wenn es schon um die Beurteilung der kulturellen Leistungen seiner Mitmenschen, und das sind für ihn zuerst die Deutschen, geht, darf ein Kapitel zum Nationalsozialismus nicht fehlen. Auch hier scheint er sich im intellektuellen Muff der 50er Jahre am wohlsten zu fühlen. Di Fabio lehnt in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus die „Kanonisierung von Schuld“ ab. Er will unterscheiden zwischen „ Schuld, Unvermögen und Tragik“. Hitler war für ihn kein Deutscher, höchstens ein verkleideter Deutscher. Nicht etwa weil er gebürtiger Österreicher ist, nein, weil ihm die deutschen Tugenden fehlten. Hitler hätte nicht den „Anstand des preußischen Staatsdieners, weder Heimatgefühl noch Lebensfreude des bayerischen Katholizismus besessen, keinerlei Neigung für Fleiß und harte Arbeit, keinen Sinn für deutsche Lebensart, bürgerliche Vorlieben und christliche Traditionen.“ Na, denn, und der Rest?

Die deutsche Bevölkerung wurde von diesem ungehobelten und undisziplinierten Österreicher „verführt und belogen“ wie „eine zu verführende Frau, die man mit Komplimenten, schönen Versprechungen und dem betörenden Bild von bürgerlicher Idylle lockt“. Wer´s nicht glaubt, lese es beim Autor selbst nach.

So findet der diesjährige Preisträger der Propagandamaschine INSM auf allen Ebenen mühelos Anschluss zur aktuellen Kampagne der Bertelsmannstiftung: Du bist Deutschland, Udo!
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Ergänzungen

Nur ne kurze Anmerkung

Titanoit 30.11.2005 - 02:58
Merz hat nie wirklich behauptet, eine linke Kneipe auseinandergenommen zu haben. Er hat, um sein biederes Image aufzulockern, in einem Interview erzählt, er hätte ja früher in seiner Studentenzeit auch Ärger in linken Kneipen gemacht. Was sich aber nach Nachfrage bei Augenzeugen und damaligen Weggefährten auf die Tatsache beschränkte, dass er mit seinen Spießerkollegen in einem linken Szeneladen mal auf ein Bier vorbeigeschaut hat. Worüber sich eben jener genannte Titanic-Artikel lustig macht. Man muss dem Hansel nur mal in die Visage gucken, um zu wissen, dass der nichtmal nen Barhocker verrückt hätte, aus lauter Angst vor den "roten Terroristen"

noch n link

verlinker 30.11.2005 - 10:31
Über persönliche Schreibweisen lässt sich ja nicht streiten, ansonsten guter Artikel! Besser als jeder Zweizeiler, der auch noch aus Foren hier reinkopiert wird. Danke.
Noch ein interessanter Artikel über Lobbiisten & Co.  http://de.indymedia.org/2005/01/104322.shtml mit vielen Links zum weiterlesen.

Ini neue soziale Marktwirtschaft

Fabioloso 30.11.2005 - 11:04
eine Studie zur "Politischen Strategie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" gibt es zum download auf den Seiten der Böckler-Stiftung und unter www.arbeitfairteilen.de/texte

Überlüssige stören di Fabios Krönung

überflüssig 30.11.2005 - 15:02

Bei der im Artikel erwähnten Preisverleihung ging es nicht so mediengerecht zu, wie die INSM PR Manager es sich vielleicht gewünscht hätten. Etwa 20 Überflüssige stürmten den Saal mit einem Megafon, hielten den Anfang einer vorbereiteten Rede und verliehen einen Alternativpreis für die heuchlerischste Profitpropaganda:

 http://www.de.indymedia.org/2005/11/134070.shtml

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