Wahlen im Iran: Interview mit einer Iranerin
Parivar ist Orientalistikstudentin, und lebte bis vor acht Jahren im Iran. Mit ihr sprach Lim am Telefon über die Hintergründe und ihre Ansichten zu den Wahlen und der gesellschaftlichen Entwicklung im Iran.
Parivar ist Orientalistikstudentin, und lebte bis vor acht Jahren im Iran. Mit ihr sprach Lim am Telefon über die Hintergründe und ihre Ansichten zu den Wahlen und der gesellschaftlichen Entwicklung im Iran.
Lim: Was ist deine persönliche Meinung zum Wahlsieg von Mahmud Ahmadi Nedschad?
P: Ich bin einerseits natürlich sehr skeptisch, wie es politisch im Iran jetzt weitergehen wird, andererseits aber auch froh: Das Missverständnis, dass der Iran eine Demokratie sei, ist damit ausgeräumt. Die Menschen im Iran haben jetzt nicht mehr die Ausrede, ihr neuer Präsident würde für Veränderungen wie die Durchsetzung von Frauenrechten sorgen und das gleiche gilt auch für das Ausland.
Nachdem 1997 der Reformer Mohammad Chatemi gewählt worden war, wurde ich darauf in Deutschland oft so angesprochen, als würden alle Europäer den Iran nun für eine mehr oder weniger perfekte Demokratie halten.
Lim: Und was denkst du über Ahmadis Konkurrenten, den ehemaligen Staatspräsidenten Haschemi Rafsandschani, der bei der Stichwahl zum Schluss unterlag?
P: Er wird im Westen oft als der moderate Reformer dargestellt. Er kommt aus einer Familie von Geschäftsleuten und seine Söhne sind in die Wirtschaft gegangen. Unter wirtschaftlichen Aspekten wäre er so gesehen tatsächlich die bessere Wahl gewesen. Ansonsten ist er allerdings genauso konservativ und verantwortlich für Verhaftungen, wie andere auch.
Im Iran wird er “Kusse” genannt, also “Haifisch”, weil er so undurchschaubar und unberechenbar ist.Er ist korrupt, steinreich und hat sehr viel Macht.
Lim: Was erwartest du dagegen von Ahmadis Politik?
P: Seine Ankündigung, gegen die staatliche Korruption vorzugehen, wird er wohl nicht umsetzen können. Außenpolitisch wird er sicher versuchen, “hart” zu bleiben und beispielsweise das Nuklearprogramm durchzusetzen.
Wenn er später außenpolitisch gegenüber den USA doch Zugeständnisse machen muss, wird er aber anders als ein Reformer weniger Druck von weiteren religiös-konservativen Hardlinern bekommen.
Lim: Und was schätzt du, was die Frauen im Iran erwarten?
P: In der Mittelschicht herrscht die Angst vor, dass es einen Rückschritt geben wird. Ich weiß nicht, was aus den vielen kleinen Freiheiten wird, die sich die Frauen im Laufe der Zeit geschaffen haben. Zum Beispiel waren die Kopftücher immer kleiner, die Mäntel kürzer geworden.
Es ist zu befürchten, dass all dies wieder strenger gehandhabt wird und die Verhaftungen durch Sittenwächter ansteigen.
Aber das sind Probleme der Mittelschicht.
Die Iraner im Ausland, Intellektuelle und Säkularisten sind bei allem Entsetzen über das Wahlergebnis von den Sorgen der Massen weit entfernt. Die meisten Menschen im Iran denken eher daran, wie sie ihre Miete zahlen, etwas zu essen auf den Tisch bekommen und ihre Kinder zur Schule schicken können. Hier haben 70% Ahmadi gewählt wegen seinem Versprechen, Gerechtigkeit für die kleinen Leute herzustellen.
Lim: Wie schätzt du selbst als Frau im Nachhinein die Situation der iranischen Frauen ein?
P: Ich selbst hatte 1997 den Reformer Chatemi gewählt und viel gehofft. Die ersten 2 Jahre nach seinem Sieg war es wie eine kleine Revolution: Es gab Ende der 90er Jahre viele kleine Veränderungen und die Frauen haben sich viele kleine Freiheiten herausgenommen, denn die politischen Verhältnisse hatten sich durch seinen Wahlsieg leicht verändert. So bekamen die kleinen Polizeibeamten nicht mehr so viel Druck, den sie dann an die Frauen weitergaben.
Aber in Bezug auf die wirklich großen Sachen wie die Pressefreiheit, Job-Chanchen für Frauen oder die Freilassung von Gefangenen hatte sich nichts getan. Im Laufe der Zeit hat er sein Vertrauen verspielt weil er zu selten den Mund aufgemacht hat gegen die religiös-Konservativen, etwa als 20 Zeitungen geschlossen wurden und bei Anschlägen auf Studentenwohnheime.
Lim: Wie informierst du dich denn seit deiner Abreise über den Iran und hast du noch persönliche Kontakte dorthin?
P: Hauptsächlich lese ich die persische Internetseite von BBC und iranische Zeitungen.
Dass die deutschsprachige Presse kaum daran interessiert ist, bei diesem Thema in die Tiefe zu gehen, merke ich schon an den Erfahrungen meines Orientalistik-Dozenten, der regelmäßig von Journalisten aufgesucht und als Experte befragt wird, um sich dann mit dem Hinweis, er müsse sich kurz halten, wieder unterbrechen zu lassen.
Bei Telefonaten mit meinen alten Schulfreundinnen ist es so gut wie unmöglich, etwas Politisches zu erfahren: Sie sind relativ unpolitisch und dazu kommt die große Angst, am Telefon abgehört zu werden. Wenn ich nur die kleinste Anspielung mache, merke ich ihren Schrecken an der veränderten Stimme und daran, dass sie sofort das Thema wechseln.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen
Links/Infos/usw
Nachrichten über den Iran aus der deutschen Presse: