Ausnahmezustand im Madrider Stadtteil

Ralf Streck 14.05.2005 18:44 Themen: Antifa Antirassismus Weltweit
Nun wird der Madrider Stadtteil Villaverde zum Ziel „außergewöhnlicher“ polizeilicher Maßnahmen. Mit viel Polizei sollen weitere rassistische Attacken verhindert werden, zu denen es seit mehr als einer Woche im dem südlichen Stadtteil der spanischen Hauptstadt kommt. Auch am Dienstag abend kam es wieder zu Übergriffen, als erneut etwa 200 mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnete jugendliche Spanier regelrecht Jagd auf Zuwanderer aus Lateinamerika machten. Ein zwölfjähriges Mädchen aus Ecuador wurde dabei verletzt.
Erstmals nahm dabei die Polizei vier mit Messern bewaffnete Skinheads fest, die zu bekannten rechtsextremen Gruppen gehören. Besonders an diesem neuen Vorfall ist, dass sie sich im Anschluss an eine Demonstration ereigneten, bei der 4.000 Menschen gegen Gewalt und mehr Sicherheit im Stadtteil demonstriert hatten. Wie ambivalent dieser Marsch war, zeigte sich daran, dass aus der Demonstration heraus Einwanderer beschimpft wurden, die sie von ihren Fenstern aus beobachteten. Immer wieder wurden rassistische Parolen gerufen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich nur wenige der etwa 18 Prozent Ausländer auf diese Demonstration getraut haben, die in dem Stadtteil mit 144.000 Bewohnern leben.

Die Lage in Villaverde ist eskaliert, nachdem am 2. Mai ein Spanier mutmaßlich von einem jungen Einwanderer aus der Dominikanischen Republik bei einem Streit erstochen wurde. Seither ist Villaverde der Aufmarschplatz der starken Rechtsextremen in Madrid. Bei Demonstrationen, zu denen rechtsradikale Parteien oder Gruppen aufrufen, werden immer wieder Einwanderer verletzt und die Scheiben ihrer Geschäfte eingeschlagen. Die Polizei hielt sich bisher zurück, obwohl diese Versammlungen nicht genehmigt waren.

Kenner der Situation in Villaverde erklären, es handele sich nicht um ein spontanes Verhalten. Sondern die Gewalt sei der Ausdruck eines Zerfallsprozesses im Stadtteil, der seit langem zu beobachten sei. Allein im vergangenen Jahr sei die Zahl der Einwanderer um 35 Prozent gestiegen. Das wirke sich in einem Stadtteil aus, der von der konservativen Regierung der Hauptstadt und der Region vergessen werde. Das Schulsystem und die Krankenversorgung seien in einem Stadtteil am kollabieren. 70 Prozent aller Lehrer hätten ihre Versetzung aus dem Stadtteil beantragt, der stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Mit 8100 Euro pro Kopf jährlich findet sich hier das niedrigste Durchschnittseinkommen Madrid. In dieser Situation fänden rechte Rattenfänger der Falange oder der Democracia Nacional den Boden, um Ausländer für die Lage verantwortlich zu machen.

© Ralf Streck, Donostia-San Sebastián den 12.05.2005
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Ergänzungen

zeitungsleser

jw 15.05.2005 - 14:48
Ist ein Artikel aus der Jungen Welt -  http://www.jungewelt.de/2005/05-13/008.php