Big Brother Award stärkt Antihartzprotest

Michael Liebler 04.11.2004 17:38 Themen: Repression Soziale Kämpfe
Die Verleihung des Big Brother Awards an die Bundesanstalt für Arbeit ist für Hartz-GegnerInnen ein Grund mehr zum Massenprotest am Samstag in Nürnberg.
Auf diesen Preis ist niemand stolz - und fast keiner der Gekürten holt sich die Trophäe ab: den Big Brother Award - den Negativpreis für Datenkraken. Neben Canon und Lidl ging der Preis in diesem Jahr in der Kategorie "Behörden und Verwaltung" an die Bundesagentur für Arbeit - Wasser auf den Mühlen der Hartz-GegnerInnen, die am kommenden Samstag in Nürnberg vor der Behörde demonstrieren wollen. Ein Grund mehr zum bundesweiten Protest, ein Grund mehr für Arbeitslose genau hinzusehen, welche Fragen sie da beantworten.
Als inqisitorisch bezeichnete die Jury , in der unter anderem die Deutsche Vereinigung für Datenschutz, der Chaos Computer Club und die Internationale Liga für Menschenrechte vertreten sind, die Fragebögen. Nicht nur über sich selbst, sondern über Lebenspartner oder die "Haushaltsgemeinschaft" - also zum Beispiel die Wohngemeinschaft - sollen sensible Daten preisgegeben werden. Die Betroffenen wissen dann nicht einmal Bescheid über die Informationen, die die Behörde über sie gesammelt hat.

"Antragssteller werden zu Informationen verleitet, die sie weder machen müssen noch dürfen.", kritisiert Rolf Gössner, Rechtsanwalt und Juror des Big Brother Awards gegenüber Radio Z. So würden die Rechte der Arbeitslosen ausgehöhlt und sie mutierten zu gläsernen Leistungsempfängern", so der Jurist weiter.

So werden Fragen nach Vermögen, Bank- und Sparguthaben, Bargeld, Kraftfahrzeugen, Wertpapieren, Kapitallebensversicherungen, Bausparverträgen, Wertsachen und Gemälden gestellt oder Auskunft darüber verlangt, ob Angehörige mindestens drei Stunden täglich einer Erwerbstätigkeit nachgehen können".

Zwar hat das Bundesverfassungsgericht die Datenerhebung inzwischen in weiten Teilen für unrechtmäßig erklärt, dieses Urteil komme allerdings reichlich spät. "Die Fragebögern werden nicht vor Februar 2005 datenschutzgerecht gemacht. Bis dahin werden alle, die im Januar ihr Geld zum Leben haben wollen, mit datenschutzwidrigen Fragebögen konfrontiert werden.", kommentiert Gössner. Die Hinweise, die im Internet zur Ausfüllung der Bögen nachgeschoben wurden, dürfte die meisten der Betroffenen nicht erreichen, die ihre Bögen bereits zugestellt bekamen.

Harsche Kritik auch an der Software, mit der die Bundesanstalt die Datenerfassung vornimmt. Diese Software sei mit systematischen Fehlern behaftet, so die KritikerInnen. "Es ist erstaunlich, wie die Bundesagentur mit sensiblen Daten umgeht", stellt auch Gössner fest. Da keine Zugriffsbeschränkung eingerichtet wurde, haben 60 000 MitarbeiterInnen der Bundesagentur Zugriff auf die Daten von Millionen Antragstellern.

Eine offizielle Stellungnahme zum Negativpreis gab es weder von Seiten der Behörde, noch von der Bunderegierung. Vielleicht sei aber als indirekte Reaktion und als Erfolg zu werten, dass am Tag der Preisverleihung der Bundesminister Clement ankündigte, dass die BA eine Protkollierung der Zugriffe auf die Daten sobald als möglich realisieren werde.

Vor allem die Kritik der Jury an der Ankündigung das Bundesagentur, dass Angaben in Form von Hausbesuchen nachgeprüft werden könnten, wird von den OrganisatorInnen der Grossdemonstration am kommenden Samstag in Nürnberg ( http://www.grossdemo-nuernberg.tk) geteilt. Der Protest gilt auch dem zunehmenden Zwang, der auf Erwerbslose ausgeübt werden solle. "Was, wie so vieles, als Reform verkauft wird, ist nichts anderes als der umfassenste Angriff auf die Rechte von Erwerbslosen, die Ausweitung von Armut gekoppelt mit dem Zwang zur Billiglohn- und Leiharbeit. Der Bundesagentur für Arbeit kommt dabei die Aufgabe zu, die Leitfäden zur Umsetzung per Repression, Zwang und Kontrolle auszuarbeiten und anzuwenden.", heißt es in einem Aufruf zu einem Antikapitalistischen Block ( http://www.redside.tk) unter dem Motto "Alles für Alle".


Das Interview mit Rolf Gössner zum Thema als Audio sowie ständig aktualisierte Beiträge zur Grossdemonstration am Wochenende finden sich unter  http://stoffwechsel.radio-z.net/hartzproteste
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Ergänzungen

Infos zu überwachungskritischenOrganisationen

Medienkompetenz 05.11.2004 - 12:20
Da beim alljährlichen Chaos Computer Club Kongress
(zwischen Weihnachten und Neujahr in Berlin )
 http://www.ccc.de/congress/2004/
 http://www.ccc.de/congress/2003/
"die politische Linke" weitestgehend durch Abwesenheit glänzt, obwohl das Thema Kontrolle und Überwachung jedes Jahr einen zentralen Schwerpunkt darstellt, hier ein kleiner Anriss einiger Organisationen, die in der Richtung aktiv sind:

Der FoeBuD
...heißt mit ganzem Namen "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e.V." und ist eine Vereinigung, die durch die Bezeichnung "Computerclub" nur unzureichend charakterisiert wird. Hier treffen Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen aufeinander. Der FoeBuD richtet sich in erster Linie an Menschen vor dem Computer: Technikinteressierte sind hier ebenso vertreten wie Menschen, die sich in den Bereichen Politik, Umwelt oder Menschenrechte engagieren.
 http://www.foebud.org/

Chaos Computer Club e.V.
 http://www.ccc.de/

Internationale Liga für Menschenrechte
 http://www.ilmr.de/

Deutsche Vereinigung für Datenschutz
 http://www.datenschutzverein.de/

Humanistischen Union
 http://www.humanistische-union.de/

Repubikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein eV
 http://www.rav.de/

...nicht zu vergessen:

überwachungskritikerin 05.11.2004 - 13:58
das Seminar für angewandte Unsicherheit [SaU]

'freie information fuer freie menschen'?

a.lo.it 05.11.2004 - 21:39
@Medienkompetenz

Wäre schön, wenn der CCC-congress diesmal ermässigte (oder gratis?)
eintrittspreise für erwerbslose und sozihilfebezieher hinbekäme, sodas
auch menschen mit nicht viel kohle am congress teilnehmen können!

Wie wärs z.b. mit freikarten für erwerbsloseninis?

Schliesslich hatte der CCC mit 'freie information für freie [bürger]sic!' ja mal auch einen politischen anspruch, die eintrittspreise zum CCC-c schliessen aber
menschen mit schmalem geldbeutel aus und das ist schade.
Gerade politisch aktive haben meisst keinen gutdotierten kacker-job.


@a.lo.it

Medienkompetenz 05.11.2004 - 22:43
Du rennst bei mir offene Türen ein.
Aber ohne Druck passiert da nichts.
Auf der letztjährigen Pressekonferenz (es waren 5 Leute da - nur Insider)
hab ich Andy M M deswegen angemacht.

Laßt uns Druck aufbauen.
Rechtzeitig `ne Kampagne starten...
Eigentlich wollte ich damit schon nach dem letzten CCC beginnen.
Deshalb laßt uns anfangen, am besten jetzt gleich.

Wir haben höchwascheinlich einen Verbündeten/Unterstützer
in der Führung des CCC
Gerit, der das Wau Holland Archiv  http://www.wauland.de/ macht,
hat inhaltlich, im Zwiegespräch,in unsere Richtung argumentiert

Hartz IV und Datenschutz

Medienkompetenz 06.11.2004 - 00:02