Keine Ruhe um Cap Anamur

Jens Steiner 03.08.2004 15:41 Themen: Antirassismus Medien Repression Weltweit
Kommentar: Kaum ist das Flüchtlingsdrama vor der italienischen Küste beendet, stürzt sich die Presse auf die interne Schlammschlachten zwischen Elias Bierdel und Rupert Neudeck. Doch der neue und der alte Chef der Hilfsorganisation Komitee Cap Anamur verfolgen das gleiche Ziel.
Idealismus, Menschlichkeit und Selbstlosigkeit sind die Triebfedern ihres Handelns. Dem neuen Schiff der Organisation droht in Italien die Verschrottung.
Nun zweifelt der ehemalige Chef Rupert Neudeck am Vorgehen seines Nachfolgers. Schließlich ist nicht nur das Schiff, sondern auch die Arbeit der Hilfsorganisation gefährdet. Auch Bierdel verteidigt seinen Standpunkt und räumt Fehler in der Kommunikation und Organisation ein. Doch nicht der Streit zwischen Bierdel und Neudeck ist das Problem, sondern der Wertewandel innerhalb der Festung Europa.
Die juristischen Barrieren der EU versperren den Raum für Menschenwürde und Zivilcourage. Die Berichterstattung in den Medien, die Repressionen gegen die Proteste der sozialen Bewegung und die Sprache der Politik zu diesem Thema spiegeln dies deutlich wieder. Die Retter von 37 Schiffbrüchigen werden als Schlepperbande diskreditiert. Die Opfer der peitschenden See finden sich nicht in einem Krankenhaus, sondern in einem CPT, einem sogenannten Zentrum für zeitweiligen Aufenthalt wieder, um dann nach und nach wieder abgeschoben zu werden. Die Führung der Hilfsorganisation kommt in Haft. Vor den Lagern protestierende Italiener werden von der Polizei zusammengeknüppelt und krankenhausreif geschlagen.

Es scheint um mehr zu gehen, als die Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.
Es scheint, als wolle die italienische Bürokratie ein Exempel statuieren.
Seit langer Zeit ist Italiens rechtskonservative Regierung zerstritten. Doch in einer Frage sind sich Lega-Nord und AN einig. Die Sizilien-Aktion der Cap Anamur ist ein Stück symbolische Politik.
Wenn man anhand der 37 Flüchtlinge nicht zeigt, das Italien und Europa keinen Platz für afrikanische Armut bieten, verliert man die Gunst der Wähler.

Auch die Bundesregierung zeigt Verständnis für das Vorgehen der italienischen Behörden und übt Kritik an der NGO. Statt die Flüchtlinge aufzunehmen, sprudelt es im Bundesinnenministerium an Ideen für Auffanglanger der EU auf dem afrikanischen Kontinent.

Die durch Rechtspopulisten geschürte Furcht vor einer Schwämme an Armutsflüchtlingen ist in Deutschland durch die Drittstaatenregelung schon lange gegenstandslos. Nun sollen Sylsuchende bereits vor den eurpäischen Festungsmauern abgefangen werden.
Als vor 15 Jahren tausende DDR-Bürger in die BRD kamen, hatte die Flüchtlingspolitik des Bundes noch ein anderes Antlitz.

Das große Pech der 37 Afrikaner ist, dass sie aus einer anderen Krisenregion stammen, als dem Sudan, auf den in den letzten Wochen das internationale Scheinwerferlicht gerichtet ist. Deutsche und amerikanische Politiker überhäufen sich mit Warnungen an die Regierung des Präsidenten Omar al-Baschir in Khartum.

Ein militärischer Eingriff in der sudanesichen Provinz Darfur und wirtschaftliche Sanktionen gegen den Sudan werden immer wahrscheinlicher. Bei dem Konflikt zwischen der Zentralregierung und den Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee geht es um den Zugang zu den Ölquellen des Landes. Hunderttausende Menschen wurden aus den südlichen Ölprovinzen vertrieben.
In ihrer Geschichte haben nahezu alle EU-Staaten Hunger, Armut und Vertreibung als Folgen von Kriegen miterleben dürfen. Nun verschließt eine bürokratische Maschinerie die Augen vor dem Schicksal vieler Menschen auf dem Nachbarkontinent.

Auch wenn der ehemalige ARD-Journalist Elias Bierdel abstreitet, das Drama vor der Küste Siziliens inszeniert zu haben, konnten durch die Rettungsaktion Themen wie europäische Einwanderungspolitik und Konfliktherde in Afrika wieder in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht werden.

Wenig belichtet blieb jedoch die Berichterstattung über die Proteste gegen die Abschiebung der Cap Anamur-Flüchtlinge. Italien verfügt über eine breite und starke soziale Bewegung, die in italienischen Medien wenig Aufmerksamkeit findet. Das "Sizilianische Sozialforum Palermo", Grüne, Anarchisten, verschiedene kommunistische und kirchliche Gruppen fanden sich am 14. Juli zu einem gemeinsamen Sit-in vor dem Abschiebelager in San Benedetto zusammen.

Mit Knüppelhieben, Faustschlägen und Fußtritten in den Unterleib ging die italienische Polizei gegen die Demonstrierenden vor. Einige Protestierende mussten in Krankenhäusern medizinisch versorgt werden. Nachdem die 37 Boatpeople ins Abschiebelager Caltanisetta überführt wurden, verlagerte sich auch der Protest dorthin. In Caltanisetta befindet sich auch die nationale Kommision, die den Flüchtlingsstatus der Asylbewerber überprüft. Die Nachrichtenagentur ANSA berichtete zwar von Fluchtversuchen und einer Revolte im Abschiebelager Agrigent nach dem Abtransport der 37 Flüchtlinge. Das Ausmaß polizeilicher Gewalt gegen Demonstrierende vor den Toren der Anstalt wurde jedoch nur in unabhängigen Medien im Internet geschildert.

Auf der italienischen Nachrichtenseite italy.indymedia.org berichten Demonstranten von ihren Erlebnissen vor dem Centro di Prima Accoglienza (CPA) in Pian del Lago. In diesem Lager soll es Revolten, Flucht- und Suizidversuche gegeben haben. Laut italienischer Gesetzgebung sei es rechtswidrig, dass solche Abschiebelager nicht öffentlich zugänglich sind, erfährt man von Aktivisten auf der Website. In Mainstream-Medien findet dies jedoch keine Beachtung.
Liegt es an der schlechten Recherche der Journalisten? Besteht kein öffentliches Interesse an diesen Informationen oder wird die soziale Bewegung Italiens systematisch ausgeblendet, da sie mit ihren Forderungen außerhalb des Meinungskorridors liegt?

In Deutschland wird nun die Rechtmäßigkeit des Handelns der Cap Anamur-Mitarbeiter in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben. Doch bei dieser Diskussion sollte es nicht darum gehen, ob die Arbeit der Hilfsorganisation oder das Lebenswerk des Begründers Rupert Neudeck bedroht ist.
Nicht Einzelpersonen oder NGO's sind in Gefahr, sondern eine menschenwürdige Zivilgesellschaft in Europa.
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Ergänzungen

Was Bierdel alles falsch gemacht hat!

Cap Anamur 03.08.2004 - 18:26
Es geht nicht darum, ob das Lebenswerk von Rupert Neudeck bedroht ist. Neudeck ist und bleibt der Begründer von Cap Anamur. Allerdings hat er sich schon vor Jahren freiwillig aus der Organisation Cap Anamur zurückgezogen und demzufolge keine Mitspracherechte im operativen Geschäft. Der Punkt ist einfach der, dass Elias Bierdel ganz massive Fehler begangen hat. Natürlich war es richtig Menschenleben aus dem Mittelmeer zu retten. Nach der Rettung hat Bierdel dann aber alles falsch gemacht.

1.) Nachdem das Schiff bereits den Hafen von Malta (Malta gehört zu EU) angesteuert hatte, war es ein grundlegender Fehler (anstatt für die Flüchtlinge dort Hilfe zu organisieren), nochmals in See zu stechen und nach Italien überzusetzen, nur um dort eine Medien-Inszenierung zu starten (die Medien wurden vorab über die Ankunft in Italien informiert). Nach dem derzeitigen EU-Asyl-Recht ist Italien nicht mehr zuständig für einen Asylantrag, wenn bereits ein anderes EU-Land angesteuert wurde (das war hier Malta). Bierdel hätte einfach wissen müssen, dass es wegen der Rechtslage zu einer Ausweisung kommen musste.

2.) Der zweite Fehler war dann den Medien die Unwahrheit zu erzählen, es handele sich nämlich bei den Flüchtlingen um Sudanesen. In Wirklichkeit handelte es sich aber zu 95% ausschließlich um Nordafrikaner. Das diese kleine Unwahrheit ans Licht kommen würde, war bei kritischer Berichterstattung ebenfalls absehbar. Durch solche Falschaussagen werden nun in den Medien Menschen insgesamt in ein schlechtes Licht gerückt die Asylsuchenden helfen wollen und damit unsere Arbeit falsch dargestellt. Danke für diese Großtat Herr Bierdel!!!

Rupert Neudeck zur Erinnerung

Hans L. 04.08.2004 - 00:10
Rupert Neudeck hat 1999 und davor eine sehr aktive Rolle bei der medialen Vorbereitung des deutschen militärischen Angriffs auf Jugoslawien gespielt. Mir ist nicht bekannt, ob die Organisation "Cap Anamur" dazu je auf Distanz gegangen ist; auch was seinen Nachfolger anbetrifft. Neudeck selbst verwies in seinen häufigen Presseauftritten immer wieder auf seine biographische Prägung als deutscher Vertriebener - "Flüchtling". Unter Anderen forderte er 1999 im ARD Pressespiegel die Bewaffnung der UCK.

zu sudan

worm.blackbook 04.08.2004 - 04:34
das kommt auch nicht in unsern tollen medien über den sudan!!!!


hier ein paar auszüge aus dem "Schwarzbuch Markenfirmen" über diverse Ölkonzerne und ihr Geschäft im Sudan:

TotalFinaElf

"Auch im Sudan greift das dortige Militärregime in den Ölfördergebieten im Süden des Landes hart durch, um den ausländischen Konzernen das Leben zu erleichtern. Menschenrechtsgruppen bezichtigen die dort agierenden Mineralölkonzerne wie TotalFinaElf, Agip und die Österreichische OMV der Komplizenschaft mit den radikalislamischen Militärs, die einen Krieg gegen die eigenen Landsleute führen, den sie mit den Öleinnahmen finanzieren."

OMV AG (österreichischer Ölkonzern)

"Was nicht auf der Homepage steht: Im Südsudan führt das radikalislamische sudanesische Regime mithilfe der Erdölindustrie einen "heiligen" Krieg gegen die eigene Bevölkerung, vornehmlich gegen schwarzafrikanische Christen und Anhänger traditioneller Religionen. Ganze Dörfer in der Nähe der Ölfelder wurden zerstört und die Bewohner mit unvorstellbar grausamen Methoden hingerichtet. Das Regime in der sudanesischen Hauptstadt Khartum sieht die Südsudanesen nicht als gleichwertige Menschen, sondern als "Hunde" und Sklaven an. Auch der Bau einer im August 1999 in Betrieb genommenen Erdölpipeline hat zu anhaltenden Menschenrechtsverletzungen geführt. Unmittelbare Folge war die Vertreibung und die entschädigungslose Landenteignung der Bevölkerung. Finanziert wird der Krieg, der bisher weit über 2 Millionen Menschenleben gekostet hat, aus den Erdöleinnahmen.
In diesem Licht erscheint eine schriftliche Stellungnahme der OMV-Geschäftsleitung mehr als naiv, der zufolge »die OMV keinerlei Hinweise hat, dass Zivilbevölkerung durch Regierungstruppen oder verbündete Milizen in diesem Gebiet vertrieben wurde, um dem Explorationsgebiet zu weichen«."

Menschenrechtskrieger

sandra 05.08.2004 - 19:22
Komisch, überall wo es Krieg gibt, tauchen diejenigen Gruppen auf, die vom Geschäft mit den Menschenrechten bestens leben. 1999 brachten Sie ihr schäfchen in trockene, da der Angriffskrieg gegen Jugoslawien auch für Cap Anamurkrieger die Taler rollen liessen. Und nun der gleiche Zirkus wieder im Sudan.


Danke an diejenigen, die die Pressemitteilungen der Ölkonzerne gepostet haben!!!

Ach ja, nur noch was kurzes: ich hatte letztens beim Artzt einen zwei Monate alten Stern in den Fingern, vom Juni, und dort wurde von der Eisenbahnstrecke die von Nord nach Südsudan auf einer Strecke von 2500 km berichtet die ein Auftragsvolumen von 3 Mrd US Dollar umfasst.

Den größten Anteil erhält eine deutsche Firma zum Schienenbau (1 Mrd ungefähr) , die aus Bad ... kommt. Habe mir den Namen nicht gemerkt. Es ist ein sogenanntes Bartergeschäft. Die Sudanesen bezahlen mit Rohstoffen.

Wäre nochmal interessant, wenn das mal noch jemand nach recherieren könnte.