Repression grenzenlos

lesender arbeiter 03.04.2004 02:44 Themen: Repression
Obwohl noch nicht EU-Mitglied, wird die Türkei zumindest bei der Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Linker der EU gleichgestellt. Die europaweite Verfolgung gegen linke Oppositionelle am 1.April machte das wieder einmal deutlich.
Grenzenlose Verfolgung
In den frühen Morgenstunden des 1.April wurden fast zeitgleich zahlreiche Büros, Wohnungen, Kulturhäuser und Zeitungsredaktionen in der Türkei, Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden von der Polizei gestürmt. Insgesamt 61 Personen sollen im Anschluss daran festgenommen worden sein. Sie befinden sich noch in Polizeigewahrsam. Einer der Verhafteten war nach Polizeiangaben in Düsseldorf gemeldet. Die Aktion richtete sich gegen die linke türkische Gruppierung DHKP-C
Das Kürzel steht für Revolutionäre Volksbefreiungspartei - Front, eine Organisation, die sich auf die Neue Linke der Türkei beruft und hauptsächlich in den Elendsvierteln der türkischen Großstädte Unterstützung gefunden hatte. In den letzten Jahren hat die DHKP/C federführend den schon mehr als 3 Jahre andauernden Hungerstreik von politischen Gefangenen in der Türkei getragen, bei dem mittlerweile 110 Menschen gestorben sind. Ideologisch stützt sich die Organisation auf Marx, Lenin und Che Guevara.
Die DHKP/C gehörte in den 90er Jahren neben der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu der zweitgrößten linken Organisation in der Türkei, die neben legaler Massenarbeit auch bewaffnete Aktionen durchführte. Neben der Arbeit in Gewerkschaften und in Stadtteilorganisationen unterhielt sie eigene Guerillaeinheiten. Im letzten Jahr bekannte sich die DHKP/C zu zwei Bombenanschlägen, bei denen es leichten Sachschaden gab. Personen kamen dabei nicht zu Schaden. In Bekennerschreiben wurden die Aktionen als Teil des antiimperialistischen Widerstands gegen den Irakkrieg bezeichnet.
Die DHKP/C wurde nach dem 11.September 2002 auf die Terrorlisten der USA und der EU gesetzt. Die europaweite Polizeiaktion vom 1.April wurde daher in den Medien als Schlag gegen den internationalen Terrorismus bezeichnet. Erst später wurde dementiert, dass die DHKP/C Kontakte zu Islamisten hat.
Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Festnahmen als Schlag gegen linke Oppositionelle. Nach Angaben der türkischen Gefangenenhilfsorganisation Tayad haben die Festgenommenen seit Jahren legale politische Arbeit gemacht. So befinden sich unter den Verhafteten Journalisten, Mitarbeiter eines Istanbuler Radiosenders und Musiker der bekannten linken Band Grup Yorum In Amsterdam wurde das Büro des Pressebüros Özgürlük durchsucht. Dabei wurden zahlreiche Computer beschlagnahmt sowie eine Person festgenommen.
Noch vor drei Jahren hatten sich belgische und holländische Behörden geweigert, gegen tatsächliche und vermeintliche Exilstrukturen der DHKP/C vorzugehen. Begründet wurde es mit der mangelnden Rechstaatlichkeit in der Türkei. In konservativen türkischen Medien wurden die beiden Beneluxstaaten daraufhin als Rückzugsbasen des Terrorismus bezeichnet. Im Gegensatz dazu wurde Deutschland gelobt, die ebenso wie die Türkei die DHKP/C verboten hat und immer wieder Prozesse gegen vermeintliche Aktivisten führte. Spätestens seit den Anschlägen von Madrid hat sich die harte Haltung auch in den übrigen Ländern durchgesetzt. Im europaweiten Antiterrorkampf ist die Türkei den übrigen EU-Staaten gleichgestellt. Für viele in den europäischen Ländern lebende kurdische und türkische Exilanten, die bisher wegen möglicher Verfolgungen ihrem Heimatland nicht ausgeliefert werden konnten, ist das eine dunkle Perspektive.
Wie dehnbar der Kampf gegen den Terror ist, zeigte sich bei der Polizeiaktion im italienischen Perugia. Dort sind neben 2 vermeintlichen DHKP/C-Aktivisten auch drei italienische Aktivisten der linken Antiimperialistischen Koordination (AIK) festgenommen worden. Auch ihnen wird Unterstützung der DHKP/C vorgeworfen. Die AIK spricht in einer Pressemittelung von einer ?Repression gegen aktive Kritiker des Irakkrieges?. In den letzten Monaten war die AIK mit der auch unter Kriegsgegnern sehr umstrittenen Kampagne ?10 Euro für den irakischen Widerstand? bekannt geworden.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Harmlos?

umpf 03.04.2004 - 08:58
"Nachdem der Angeklagte mit zwei Begleitern die Örtlichkeiten des Imbißlokals am frühen Abend näher erkundet und der Deutschland-Verantwortliche der DHKP-C sein Einverständnis erteilt hatte, verübten am späten Abend des selben Tages Anhänger der DHKP-C zur Vergeltung und als Machtdemonstration einen Überfall auf das Imbißlokal. Im Zusammenhang mit diesem Überfall erschoß der Angeklagte, der auf der Straße das Geschehen absicherte, den in seinem Fahrzeug sitzenden Betreiber des Lokals."

Quelle:  http://www.jura.uni-sb.de/Entscheidungen/Bundesgerichte/BGH/strafrecht/bgh23-01.html

"Bei der Explosion in der Nähe eines belebten Platzes in Istanbul wurden außerdem 20 Menschen verletzt, darunter 13 Polizisten, sechs türkische Zivilisten und eine australische Touristin.

Der Zustand der Frau wurde am Dienstag als lebensbedrohlich beschrieben; der Sprengsatz hatte ihre einen Arm abgerissen und ihre Lungen verletzt.
Ein Mitarbeiter des Innenministerium identifizierte den Attentäter als ein Mitglied der DHKP-C."

Quelle:  http://www.alhambra.de/zeitung/okto01/tuerkei.htm

Überblick über europaweite Repression

am 1.April 03.04.2004 - 10:45

Größte linke Organisation der Türkei

- 03.04.2004 - 11:31
soll zerschlagen werden.

Zitat aus bürgerlicher Presse (Reuters):

Festnahmen in Italien bei Razzia gegen linke Gruppe
Donnerstag 1 April, 2004 11:54 CET

Perugia (Reuters) - Die italienische Polizei hat bei einer Razzia gegen eine linksextreme türkische Gruppe am Donnerstag in Perugia fünf Menschen festgenommen.

Zunächst hatte es lediglich geheißen, der Polizeieinsatz richte sich gegen den internationalen Terrorismus. "Wir haben es hier nicht mit radikalen Moslems zu tun", sagte ein Polizeisprecher Reuters. "Wir haben es zu tun mit einer sehr starken Organisation, die eine lange marxistisch-leninistische Tradition hat." Die Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) ist die größte linksextreme Gruppe der Türkei.

Die fünf Festgenommenen sollen Verbindung mit der DHKP-C haben. Die Gruppe stehe ihrerseits in Kontakt mit anti-imperialistischen Gruppen in Italien, sagte der Sprecher. Auch in der Türkei und den Niederlanden habe es auf Bitten der italienischen Behörden Razzien gegeben.

Interview zur Repressionswelle

C&P 06.04.2004 - 17:20
Apr. 05, 2004

Staatliche Retourkutsche
Interview aus der jW mit Leonardo Mazzei vom Campo Antiimperialista

Italien: Verhaftungen von Kriegsgegnern waren Reaktion auf Unterstützung des irakischen Widerstands. jW sprach mit Leonardo Mazzei von Campo Antiimperialista

* Leonardo Mazzei, führendes Mitglied des italienischen Campo Antiimperialista (Antiimperialistische Koordination), über die »Antiterroroperation«, die am 1. April in Europa und der Türkei zu über 50 Verhaftungen geführt hatte. Neben türkischen befinden sich auch Aktivisten des Campo Antiimperialista unter den Verhafteten, darunter dessen Sprecher Moreno Pasquinelli. Insbesondere wegen der Kampagne »Zehn Euro für den irakischen Widerstand« war er in den letzten Monaten Ziel einer heftigen Medienkampagne.


F: Was wird den Verhafteten vorgeworfen?

Italiens Innenminister Pisanu hat den berüchtigten Antiterrorparagraphen 270 angewandt - »Unterstützung einer terroristischen Vereinigung«. Er sprach davon, daß der ebenfalls verhaftete Avni Er Europa-Chef der angeblichen Terrorgruppe Revolutionäre Volksbefreiungsfront (DHKC) sei und daß die Aktivisten des Campo Antiimperialista ihm Unterstützung zuteil hätten werden lassen.

F: Wie kommentieren Sie die Vorwürfe?

Seit Monaten sind wir fast täglich wegen unserer Unterstützung für den irakischen Widerstand in den Schlagzeilen. Jeder weiß, daß wir völlig legal und öffentlich agieren und nichts mit Terror zu tun haben. Während eine von der Regierung unter dem Motto »Gegen den Terror« organisierte Demonstration mit nur wenigen hundert Teilnehmern zum Fiasko wurde, forderten am 20. März mehr als eine Million Menschen den Rückzug der italienischen Truppen aus dem Irak. An den Transparenten zeigte sich, daß der dortige Widerstand zunehmend als legitim angesehen wird. Gerade das ist es, was nicht nur Berlusconi, sondern auch die parlamentarische Linke beunruhigt. Für sie schrillten die Alarmglocken, als Demonstranten den Sekretär der Linksdemokraten, Pierro Fassino, an der Teilnahme hinderten. Er wurde wegen der von ihm unterstützten Bomben auf Jugoslawien in Sprechchören als Mörder bezichtigt. Der Schlag ist nun die Retourkutsche.

F: Aber die DHKC nahm seit Jahren am Antiimperialistischen Lager in Assisi teil.

Ja, es gibt eine enge politische Zusammenarbeit zwischen uns und der DHKC. Diese war nie versteckt, sondern immer öffentlich, wir stehen nach wie vor dazu. 2002 demonstrierten wir in Brüssel gemeinsam gegen die schwarze Liste der EU. Die nun erfolgte Operation kann als deren erste Anwendung gelten. Die DHKC hat sich in Europa immer auf rein politische Aktionen gegen die türkische Oligarchie beschränkt. Die USA und die EU versuchen, das türkische Regime reinzuwaschen, doch in Ankara ziehen noch immer die Militärs die Fäden. Den Kurden wird die Selbstbestimmung verweigert, während Oppositionelle in die Gefängnisse wandern und gefoltert werden.

F: Die Haftbefehle waren auf den 23. Februar ausgestellt.

Nach den spanischen Ereignissen sieht sich die Regierung sehr unter Druck. Mit dem Schlag gegen die türkischen Revolutionäre versucht sie, vom Irak-Problem als Ursache der islamistischen Drohungen abzulenken und gleichzeitig ihre schärfsten Kritiker mundtot zu machen. Wie ist es anders zu erklären, daß die Internet-Seite des Komitees Freier Irak (www.iraqlibero.net) gesperrt wurde?

F: Könnte die Aktion für Berlusconi nach hinten losgehen?

: Das italienische Zwei Parteien-System basiert auf der Treue zu den USA. Institutionelle Gegenwehr gegen die Einschränkung der Demokratie ist daher nicht zu erwarten. Über die Bewegung gegen die Besatzung könnte Berlusconi jedoch stürzen.