Vandana Shiva: Der Kampf ums blaue Gold. Eine Buchbesprechung

Rezensent 22.06.2003 16:03 Themen: Biopolitik Globalisierung Ökologie
Die Folgen können wir uns ja selber ausmalen, aber für die Ursachen interessieren wir uns schon. Abgesehen von der industriellen Umweltverschmutzung und dem globalen Klimwandel nennt Vandana Shiva zwei Gründe: Die Grüne Revolution und die Kommerzialisierung der Wasserversorgung.
Vandana Shiva,
Der Kampf um das blaue Gold.
Ursachen und Folgen der Wasserverknappung.
Rotpunktverlag. Euro 17,50. 215 Seiten
(Englische Originalausgabe: Water Wars: Privatization, Pollution and Profit, South Ende Press: Cambridge/ Mass., 2002)


Seit Jahrzehnten sieht die aufgeklärte Menschheit dem Untergang ins Auge.
Morgen sind wir alle tot: Die Überbevölkerung, der HIV-Virus, das Artensterben, die Energiekrise, der Atomkrieg, das Waldsterben, die Abholzung des Regenwaldes, das Ozonloch und die globale Erwärmung stehen bereit, uns Stoiker von den unnötigen Qualen der Arbeitslosigkeit, der Staatsverschuldung, des Dosenpfands, der Überalterung und des Bildungsnotstands zu erlösen.
Aufgewachsen im Wissen um die ökologische Zerstörung des Planeten, hörten wir nie auf zu fragen: Welches ist ihr gravierendster Aspekt? Des Züricher Rotpunkt Verlags hat es herausgefunden: “Die Wasserkrise ist der gravierendste Aspekt der ökologischen Zerstörung der Erde”. Dieser Satz steht auf der Rückseite von Vandana Shivas neuem Buch “Der Kampf um das blaue Gold.” Nein, es handelt sich um ein Sachbuch, darum noch ein Untertitel: “Ursachen und Folgen der Wasserverknappung”.

Die Folgen können wir uns ja selber ausmalen, aber für die Ursachen interessieren wir uns schon. Abgesehen von der industriellen Umweltverschmutzung und dem globalen Klimwandel nennt Vandana Shiva zwei Gründe: Die Grüne Revolution und die Kommerzialisierung der Wasserversorgung.
Für Spätgeborene: “Grüne Revolution” hat nichts mit gleichfarbigen Regierungsparteien zu tun, sondern ist ein UNO-Schlagwort aus den unschuldigen sechziger Jahren. Optimistische Entwicklungshelfer und internationale Organisationen rieten den Entwicklungsländern dazu, mit industriellen Methoden die Ernten zu steigern.
Von jetzt an zählte der schnelle Ertrag: Auf Weltbank-Kredit pflanzte man Hochleistungssorten (Reis, Mais, Weizen, Zuckerrohr) in Monokultur, importierte man Dünger, baute man Motorpumpen und Staudämme. In der Folge sank das Grundwasser, versalzten die Böden, versiegten die Flüsse, verlandeten die Staubecken und die Schulden blieben ungetilgt. Man erbettelte sich einen neuen, größeren Kredit, bohrte noch tiefere Brunnen, baute noch größere Staudämme, bewässerte noch mehr Anbaufläche, — und so weiter und so fort. In der Sahelzone verleitete das Pumpenwasser die Viehzüchter dazu, zuviele Tiere zu halten; die Tiere überweideten die trockene Steppe und die Erosion führte zur Dürrekatastrophe.
Mit einem Wort, die “Grüne Revolution” lief, wie man heute sieht, auf lupenreinen Raubbau hinaus, nicht zuletzt auf einen Raubbau am Wasser. Vandana Shiva spricht vom “natürlichen Wasserkreislauf”, der wiederhergestellt, und vom “Prinzip der Nachhaltigkeit”, das beachtet werden müsste. Das Prinzip kling zunächst überaus einfach: Die menschlichen Nutzer dürfen dem Wasserhaushalt nicht mehr Wasser entnehmen, als sich in der gleichen Zeit auf natürliche Weise regeneriert.
In trockenen Regionen dürfen also keine Exportpflanzen wie Zuckerrohr oder Eukalyptus (Zellulose) angepflanzt werden, die extrem viel Wasser verbrauchen. Die Landwirte müssen auf wassergenügsame Nutzpflanzen wie Hirse zurückgreifen, die zugleich mehr Biomasse bilden und somit in Trockenzeiten als Feuchtigkeitsspeicher dienen. Anstelle von Großstaudämmen empfiehlt die Autorin die Rückkehr zu den traditionellen indischen Auffangsystemen, die von der Dorfgemeinschaft selbst errichtet und bewirtschaftet werden können. Diese verzerrten den natürlichen Wasserkreislauf nur geringfügig, anstatt ihn brutal zu zerschneiden. Sie stellten je nach Niederschlagsituation nur ökologisch vertretbare Wassermengen zur Verfügung, die dann auch effizient genutzt werden konnten. Nach der Bewässerung gelangte die Feuchtigkeit in das Grundwaser, wo sie von Natur aus auch hingehört.

Der andere Grund für die Wasserverknappung liegt in der Wirtschaftpolitik: Es ist die von der Weltbank vorangetriebene Kommerzialisierung des Wassers. Wasser, so will es die Doktrin der totalen Marktwirtschaft, ist eine Ware wie alle anderen auch und muß daher überall nach Angebot und Nachfrage beliebig handelbar sein. Da Shiva die kulturellen Ursprünge dieser Auffassung im Wilden Westen verortet, spricht sie von “Cowboy-Ökonomie”: Wer zuerst kommt, mahlt zu erst. Tatsächlich bildete sich in den Trockengebieten der USA im vorletzten Jahrhundert ein Wassergesetz heraus, das wie kein anderes auf der Erde die Rechte von Eroberer und weißen Grundbesitzern privilegiert: Wer einen Fluß besitzt, kann ihn auch umleiten. Es gibt eine Börse, an der Wasser gehandelt wird wie Aktien oder Edelmetall. In Colorado fließt das Wasser nach oben: In Richtung Geld. Wer sich Wasser nicht leisten kann, soll doch woanders sein Glück versuchen.
Jetzt wollen die Cowboys über den Hebel von GATS und Weltbank dieses Gesetz auf der ganzen Welt durchsetzen. Mit Knebelverträgen wollen sie die kreditabhängigen Staaten dazu zwingen, ihre Wasserversorgung zu privatisieren. Shiva zweifelt nicht daran, daß westliche Konzerne wie Monsanto, die die Wasserwerke in Südamerika oder Ostasien betreiben wollen, als künftige Monopolisten einen dicken Profit erwarten – auf Kosten der Normalbürger und der Armen, die sich Wasser dann bald gar nicht mehr leisten können.
Shiva besteht darauf, daß Wasser nicht als Ware betrachtet werden darf. Sie propagiert die Grundsätze einer “Wasser-Demokratie”, die Wasser als ein “heiliges” Gut respektiert und dafür sorgt, daß Wasser nachhaltig bewirtschaftet wird und allen zugute kommt, die es benötigen.

Shiva versteht es, auf knappen 215 Seiten die Verflochtenheit der ökologischen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Probleme darzustellen und dabei ihren eigenen Standpunkt deutlich zu machen. Die Stärke des Buches ist aber zugleich seine Schwäche: Die Analyse ist eine Reportage, ein Pamphlet und zugleich nichts von alldem. Unter der allzu flinken Feder der Autorin vertrocknen alle frischen Informationen zu rhetorischen Argumenten, die die ihre Weltsicht und ihren politischen Standpunkt plausibel machen sollen. Über hydrologische und rechtliche Details erfährt der Leser etwa soviel wie aus einer besseren SPIEGEL-Reportage; dafür könnten sich deutsche Öko-Nostalgiker an ihre Jugend in den frühen achtziger Jahren erinnert fühlen, zelebriert die Inderin doch zwanzig Jahre nach und 5000 Kilometer östlich von Wackersdorf jenes ebennämliche präapokalyptische Gutmenschentum.
Doch die Zeiten wandeln sich. Anders als Luise Rinser formuliert Shiva ihre Ganzheitsseligkeit im Stil von US-Wahlkampfpredigten. Wie Georg W. Drachentöter prügelt sie uns mit Gemeinplätzen, die uns eine erhabene Aura aufzuzwingen sollen: “Der Kreislauf des Wassers verbindet uns alle, und vom Wasser können wir den Weg des Friedens und den Weg der Freiheit lernen”(S.22)
Wasser ist nicht nur keine Ware, sondern eine Religion. Ein eigenes kitschiges Kapitel ist den “Heiligen Gewässern” gewidmet, während der Anhang die 108 Namen des heiligen Flusses Ganges aufzählt, die wir schon immer alle kennen wollten. Shiva, die den Namen einer zentralen hinduistischen Gottheit trägt, macht keinen Hehl daraus, daß sie ihren Pantheismus und die Lehre vom Kreislauf allen Lebens nicht nur der Wasserwirtschaft, sondern allem sozialen Leben zugrunde legen möchte.
In den künftigen Kriege um das “blaue Gold” werden wir Guten (vermutlich gemeinsam mit Lotosblüten und heiligen Kühen) wieder einmal gegen das Böse kämpfen: “Auf der einen Seite sehen wir verschiedene Kulturen... mit ihrer universellen Ethik, auf der anderen Seite die Unternehmenskultur der Privatisierung und Habgier, die die Einhegung der Wasser-Allmende betreibt. Hier Millionen von Spezies und Milliarden von Menschen auf der Suche nach Wasser für den Erhalt ihres Lebens, dort eine Hand voll global operierender Konzerne...” (S.15)
Das böseste Stadium des Kapitalismus ist nicht der Imperialismus (wie Lenin glaubte) und auch nicht der einfache Faschismus (wie Dimitroff glaubte), sondern der doppelte: Der “ökonomische Faschismus”, der unsere natürlichen Ressourcen zerstört, plus dem “fundamentalistischen Faschismus”, der aus wirtschaftlicher Unsicherheit und Angst entsteht.
Da wir aber nicht mehr das Jahr 1985 schreiben, sondern 2002, wird dem Doppelhitler noch schnell eins mit der modischen Terror-Keule übergezogen: “Die Privatisierung der Wasserversorung... ist eine Form von Terrorismus... Die Terroristen sitzen nicht nur in den Höhlen Afghanistans. Einige verstecken sich in den Aufsichtsräten der Konzerne und hinter den Freihandelregeln der Welthandelsorganisation (WTO)...” (S.20).
Shiva geht hier in die gleiche Falle wie die Globalisierungskritiker insgesamt. Durch den
den inflationäre Gebrauch solch plumper Vergleiche bedient sie Ressentiments, anstatt dem Leser Argumente in die Hand zu geben, die ihm in der derzeit überall stattfindenden geistigen Auseinandersetzung mit Globalisierungs-Befürwortern eine Hilfe sein könnten.
Es geht nicht nur um einige mißglückte Formulierungen. Wer sich auf die Fundamentalkritik der Autorin an der westlichen Wirtschaftszivilisation nicht einlassen will, wird auch mit ihren Gegenvorschlägen wenig anfangen können. Natürlich, der Treibhauseffekt! Ja und ja. Aber hätten wir die globale Erwärmung die nicht industrielle Wasserverschmutzung längst abgestellt, wenn dies nicht unseren Lebensstandard gefährden würde? Welchen Wert haben solche Ratschläge für uns heute?
Es mag indessen völlig richtig sein, daß die von Shiva empfohlenen Auffangsysteme für die indischen Dörfer eine weitaus bessere Lösung darstellen als die von der Regierung und der Weltbank favoriserten Großdämme. Auch die Abkehr von der ökologisch-ökonomisch riskanten Marktproduktion zugunsten einer nachhaltigen Substistenzwirtschaft mag unter gewissen Umständen naheliegend sein.
Doch hier geht die hydrologisch und ökonomisch wohl begründete Argumentatoin der Autorin allzu nahtlos über in die fanatische Idyllisierung der traditionellen Dorfgemeinschaft mit ihrer “Allmende”, ihrer Kollektivmoral und ihrer sozialen Kontrolle. Völlig unkritisch wird die Existenz- und Handlungsweise der Dörfler als verwirklichte “Basisdemokratie” aufgefaßt und der bösartigen Zentralregierung und dem doppelfaschistischen Kapitalismus gegenübergestellt. In entfernter Form erinnert diese schöne Erzählung an die Ideologie der russischen Slawophilen, die vor 150 Jahren die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland prinzipiell ablehnten und stattdessen die bäuerliche Dorfgemeinschaft verklärten.
Machen wir uns nichts vor: Derlei Sozialromantik impliziert immer auch den Versuch einer Entmündigung. Schließlich wissen wir ja gar nicht so ganz genau, ob die indischen Dörfler wirklich immer so weiterleben wollen wie bisher. Wenn sie nun die Wahl hätten: Würden sie nicht auch lieber Weizen essen statt Hirse, Devisen erwirtschaften und Auto fahren statt Fahrrad? Vertrauen sie wirklich fest darauf, zur Belohnung für ihr ökologisch-soziales Verhalten im künftigen Leben als Bollywood-Filmstar wiedergeboren zu werden?

Es ist durchaus eine Bemerkung wert, das Shiva in ihren Vorschlägen nicht zwischen Indien, Südamerika und Kalifornien differenziert. Ohne daß sie dies an irgendeiner Stelle deutlich formulieren würde, scheint sie die indische Dorfgemeinschaft als soziale Utopie für die gesamte Menschheit zu favorisieren! Für uns arrogante Westler, die wir immerzu der ganzen Welt unser Gesetz aufzwingen wollen, mag es eine heilsame Erfahrung sein, mit Shivas ökologisch-hinduistischer Sozialutopie konfrontiert zu werden, in der nicht Plastikflaschen und Weißblechdosen, sondern das heilige Wasser und die menschlich-tierischen Seelen sich permanent recyceln.
Doch bei aller Sympathie dürfen wir nicht vergessen, daß die Cowboy-Ökonomie in Arizona keineswegs als asozial gilt und die Bewohner Nevadas nur äußerst selten verdursten. Und daß die Rückkehr zur archaischen Dorfgemeinde für die atheistischen Einweg-Seelen, die die durstigen Megalopolen der Zukunft bevölkern werden, nicht die Lösung sein kann.
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Ergänzungen

Vandana Shiva: Zur Person

Verlagsinformation 22.06.2003 - 17:19
Vandana Shiva, geboren 1952 im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh, Physikerin und Philosophin, zählt zu den herausragendsten Denkerinnen unserer Zeit, wenn es um die Themen Umwelt, Frauenrechte und dezentralisierte Ökonomie geht. Sie ist Gründerin und Direktorin der Research Foundation for Science, Technology and Ecology in Neu-Delhi. Ihr Wirken als Wissenschaftlerin und Aktivistin wurde mit verschiedenen Preisen gewürdigt, unter anderem erhielt sie 1993 den alternativen Nobelpreis und 1997 den Golden Plant Award.
Vandana Shiva hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen: Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie. Zürich 1995; Biodiversität. Plädoyer für eine nachhaltige Entwicklung, Bern 2001; Biopiraterie. Kolonialismus des 21. Jahrhunderts. Münster 2002.

sehr schade eigentlich

weist 22.06.2003 - 20:27
Ein gutes, allgemeinverständliches Buch, das weder trivialisiert noch in naturwissenschaftlich-religiösen Obskurantismus verfällt, wäre zu diesem Thema dringend vonnöten. Vielleicht nimmt sich ein Afrikaner mal der Sache an.

Wasser, nicht Erdöl, ist das, woran sich entscheiden wird, ob die Menschheit ihre Menschlichkeit - und das, was man so als Zivilisation bezeichnet - über die nächsten 100 Jahre retten kann. Die Nahostproblematik z.B. macht sich bereits jetzt daran fest, und wenn dort nicht innerhalb der nächsten 20 Jahre eine nachhaltige Lösung gefunden wird, hat sich das Problem Naher Osten erledigt. Aber 'erledigt' ist etwas sehr anderes als 'gelöst'...

*grinsel*

elfboi 23.06.2003 - 02:24
"Doppelhitler" gefällt mir, das muß ich bei Gelegenheit mal klauen... (geistiges) Eigentum ist sowieso Diebstahl!

24.06.2003 - 20:40
ebenfalls von Vandana Shiva: Biopiraterie - Kolonialismus des 21. Jahrhunderts, Unrast-Verlag (2002 oder 2003 auf deutsch erschienen).
Verlag:  http://unrast-verlag.de/unrast,2,74,4.html