Wir campen uns queer-Crossovercamp zwischen Anspruch und Realität
Der folgende Text wurde von einigen TeilnehmerInnen des Crossover Summercamps aus Leipzig geschrieben. Es ist der zweite auswertende Text der uns vorliegt, hier (
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=862) kannst Du den ersten nachlesen. Des weiteren gibt es noch ganz frische Audio-Dateien (
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=886), die Aktionen und das Camp an sich dokumentieren sowie den Aufruf, Material und eine ganze Menge Berichte vom Camp (
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=798).
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=862) kannst Du den ersten nachlesen. Des weiteren gibt es noch ganz frische Audio-Dateien (
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=886), die Aktionen und das Camp an sich dokumentieren sowie den Aufruf, Material und eine ganze Menge Berichte vom Camp (
http://inforiot.de/news.php?topic=news&article_id=798).
Nach zwei Jahren theoretischer Auseinandersetzung und Vorbereitung fand
vom 3. bis 11. August in Cottbus das Crossover-Summercamp statt. Vom
strömungsübergreifenden Ansatz her sicher das am weitesten gehende der
unzähligen Politcamps dieses Sommers. Schließlich ist der Leitsatz der
Crossover-Bewegung, dass „all die verschiedenen gesellschaftlichen
Macht- und Herrschaftsverhältnisse untrennbar miteinander verknüpft sind
und sich wechselseitig durchdringen und oft stabilisieren.“ So stand es
im Aufruf für das Camp in Cottbus, so stand es im Aufruf für die
vorbereitende crossover-conference in Bremen (Januar 2002) und so war
und ist es auf Flyern, in Texten ... immer wieder zu lesen. Als Ziel
wird dabei formuliert, „zum Aufbau einer neuen Konstellation politischer
Strömungen beizutragen.“ Und das meint vor allem, dass neben den in den
drei etablierten Hauptströmungen Antirassismus, Antifaschismus und
Antikapitalismus auch antisexistische Positionen einen höheren
Stellenwert in linker Debatte und Praxis bekommen sollen, und zwar nicht
nur als Lippenbekenntnis. Denn: „Wir wollen ein Ende der Dominanz der
heterosexuellen Kultur in der radikalen Linken.“ Soweit der Anspruch.
Und was brachten die Tage in Cottbus? Der größte Erfolg ist wohl
banalerweise, dass das Camp überhaupt stattgefunden hat. Das ist
verglichen mit dem formulierten Eigenanspruch des Camps nicht viel, doch
in Zeiten, in denen Machismo und Mackergehabe in der Linken weiterhin
unreflektiert und unkritisiert durchgehen, ist das Stattfinden immerhin
mit „Immerhin“ zu bewerten.
Aber da sind wir schon bei der Kritik: Nach Cottbus dürfte klar sein,
dass das Konzept der vielen Sommercamps, bei dem sich jede/r den
Themenschwerpunkt und die Leute seiner/ihrer Wahl aussuchen kann,
gescheitert ist. Die Grenzcamps in Jena (250 Leute) und Hamburg ( ...)
sowie das Crossover-Camp in Cottbus (150) zeigen, dass es zwar schön
ist, mit 150–250 Leuten im Wesentlichen einer Meinung zu sein, der
geforderten und dringend nötigen Auseinandersetzung um Standpunkte dabei
aber locker aus dem Weg gegangen werden kann. Wurde nach heftiger
Auseinandersetzung auf dem Grenzcamp 2001 in Frankfurt und der
crossover-conference in Bremen mit mehr als 500 TeilnehmerInnen noch
klar die Fortsetzung der Debatte und Übertragung in eine politische
Praxis gefordert, konnte Cottbus diesem Anspruch nicht gerecht werden.
Dementsprechend harmonisch war die Woche in Cottbus. Nicht, dass ich
etwas gegen Harmonie hätte, für ein politisches Camp, das sich an der
Verknüpfung linker Themen wie z.B. Rassismus messen lassen will, war es
dann doch etwas zu ruhig. Und für eine Woche Sommerurlaub hätte sich
sicher ein lauschigeres Plätzchen gefunden. Ganz offensichtlich gab es
auf dem Camp keinen Konsens darüber, wie man/ frau gegen den
rassistischen Alltag vor Ort, zu dem im Übrigen ein Nazi-Überfall auf
einen Kubaner am Tag vor der Camperöffnung zählt, vorgehen kann. Zum
einen dauerte es fünf Tage, ehe sich überhaupt ein paar Leute
zusammenfanden, die eine Aktion gegen den Überfall planten. Da sich die
Faschos in Cottbus und Umgebung bevorzugt Tankstellen als Treffpunkt
suchen und auch der Überfall auf den Kubaner an einer solchen geschah,
war der Aktionsort relativ bald klar. Mit welchen Ansprüchen Leute nach
Cottbus gereist waren, zeigte sich dann aber auf einem
sieben(!)stündigen Plenum. Da die Mehrheit der TeilnehmerInnen scheinbar
in relativ nazi-freien Gegenden wohnt und sich scheinbar auch nicht im
Klaren darüber war, dass linke Präsenz in Cottbus auch heißen muss, sich
mit den Menschen zu solidarisieren, die jede Woche in Gegenden wie
diesen angegriffen werden, war eine wesentliche Devise, die Nazis auf
keinen Fall zu provozieren und sich mit der Bullerei gut zu stellen.
Schließlich sei es wichtiger, einem Angriff auf das Camp zu entkommen.
Wahrscheinlich haben viele erstmals gemerkt, was es heißt, als
Migrant/Linker/Homosexueller usw. täglich in sogenannten "National
befreiten Zonen" zu leben Ein ziemlich zynisches Verhalten, schließlich
haben die Opfer rassistischer Gewalt meist nicht diese Wahl.
Als dann aber doch die wichtigsten Facts der Aktion an der Nazi-Tanke
ausgetauscht wurden, sich eine Mehrheit auf dem Plenum dafür begeistern
ließ und der Rest zumindest nicht dagegen stimmen wollte, machte ein
Veto das Chaos perfekt. Offensichtlich hatte sich niemand auf dem Plenum
mit der Konsequenz eines Vetos auseinandergesetzt und die ModeratorInnen
nur danach gefragt „weil das halt so üblich ist.“ Obwohl nach immerhin
jetzt schon vierstündigem Plenum die Stimmung immer gereizter wurde und
viele sauer waren, versicherten sich alle, dass ein Veto ein Veto ist
und die Aktion keinesfalls an dem vorgesehenen Tag (an dem auch das
Plenum war) stattfinden darf. Über das offensichtliche Machtinstrument
„Veto“ und dem Einfluss einer Person über die Interessen des gesamten
Camps wurde nicht diskutiert.
Allerdings zeigte schon derselbe Abend, wie ernst das Camp die auf dem
eigenen Plenum verabschiedeten Beschlüsse nahm. Auf eine Anfrage der
Antifa aus dem 30 Kilometer entfernten Guben nach einer
Tankstellenbesetzung, dem Treffpunkt der örtlichen Nazis, folgten genau
die 70 Leute, die sich zuvor auf dem Plenum für eine Tanken-Aktion in
Cottbus ausgesprochen hatten. Schließlich hatte es auf dem Plenum ja
nicht explizit ein Veto gegen eine Aktion in Guben gegeben. So schnell
kann man/ frau die eigenen Entscheidungsstrukturen umgehen und damit der
Lächerlichkeit preisgeben. Letztlich war die Aktion in Guben aber als
Ventil für das Klima auf dem Camp wichtig, zu viel Frust hatte sich
zuvor angesammelt und es ist schon erstaunlich, wie schnell sich durch
ein halbwegs erfolgreiches gemeinsames Auftreten das
Zusammengehörigkeitsgefühl wieder kitten lässt.
Und die Aktion war wichtig für den Umgang mit der Bullerei: Kamen diese
bis dato jeden Morgen überfreundlich auf das Camp und wollten sogar mit
einem Zivi-Wagen über das Camp fahren, um „den Leuten hier ein Gefühl
von Sicherheit zu geben“, waren an dem Tag nach Guben klar, dass sich
auf der Wiese am Rand von Cottbus kein Pfandfinderlager mit Hippies
befindet, sondern dass es um die Vermittlung von Inhalten geht, was
natürlich eine Kritik an der gesellschaftlichen Exekutive einschließt.
Schlimm nur, dass das erst am drittletzten Tag gelang, wie überhaupt zu
konstatieren ist, dass die Mehrheit der CampbesucherInnen erstaunlich
unerfahren und ängstlich im Umgang mit der Bullerei war. So reichte die
Vermutung, dass sich nach 15 Minuten Aktion in Guben die Cottbusser
Bullerei auf die Beine macht, um Hals über Kopf abzuhauen und Gubener
Antifa-Kids zurückzulassen, denen klar war, dass sie noch am selben
Abend Prügel zu erwarten hatten. Der Anteil von 75 % weiblich
konstruierten Menschen kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden.
Vielmehr war der Umgang mit der Bullerei auf dem Camp lange Zeit kein
Thema und so wurde auch nicht darüber nachgedacht, wie die Vermittlung
von antirepressivem Verhalten in einem Workshop o.ä. aussehen kann.
Doch das Camp war nicht nur zum Meckern, wie das bisher Geschriebene
auch nicht verstanden werden soll. Schließlich ging es ja den
VorbereiterInnen um Selbstreflexion und das Aufbrechen von
Geschlechterkonstruktionen. Und das bisher Beschriebene zeigt ja nur,
dass selbst die dekonstruktivistischen Teile der linken immer wieder in
Rollenverhalten verfallen und sich Strukturen bedienen, die sie
eigentlich abschaffen wollen. So könnte auch das Auftreten von so etwas
wie „positivem Sexismus“ interpretiert werden. Dieser Begriff ist dem
des „positiven Rassismus“ angelehnt, wonach Menschen in bestimmte
Verhaltensmuster gedrängt werden, die angeblich kulturell begründet und
für positiv erachtet werden, wie der Döner-Türke oder der gut kochende
Chinese. In der Linken führte das vor allem in antirassistischen Kreisen
dazu, dass nicht mehr zwischen „Arschloch“ und „Nicht-Arschloch“
unterschieden wurde, sondern die Bewertung von Verhalten mit der
Hautfarbe zwischen gut und schlecht variierte. Ich weiß nicht, ob man
diese Begrifflichkeit auf Sexismus und sexualisiertes Verhalten
übertragen kann, finde aber schon, dass Verhalten nicht-hetero-sexueller
Menschen ebenso kritisiert gehört wie das von Heteros oder –as. Und wenn
es auf dem Camp um den Abbau von Dominanzstrukturen gehen soll, muss es
auch um diese Strukturen in sexuellen oder sonstigen Beziehungen gehen.
Nur gibt es scheinbar den Konsens, gleichgeschlechtliche Paare deswegen
nicht zu kritisieren, während ohne Zweifel (und völlig richtig) ein Mann
vom Camp fliegt, der sich seiner Freundin gegenüber ähnlich dominant
verhält wie es vor allem bei Lesben-Paaren zu beobachten war. Da klaffen
Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander.
Dass solches Verhalten nicht öffentlich diskutiert wurde, lag u.a. auch
an der wiederholten Selbstbestätigung, wie harmonisch das Camp doch sei
und an einer Art selbstauferlegtem Tabu, die Harmonie nicht zu brechen.
Dabei geht es gar nicht darum, das Definitionsrecht der Frau von
sexistischem Verhalten und alle damit verbundenen Rechte zur Überwindung
patriarchaler Strukturen in Frage zu stellen. Über die Notwendigkeit
dieser Rechte dürfte in emanzipativen Kreisen ohnehin keine Diskussion
bestehen. Nur geht die Umsetzung an der Sache vorbei, wenn dieses Recht
in einem Klima der Unsicherheit und Angst durchgesetzt wird. Ein
Beispiel: Am vorletzten Camptag wurde ein Mann kurz nach seiner Anreise
wegen eines sexistischen Übergriffes aus der Vergangenheit vom Camp
geworfen. Als Gremien, die diesen Rauswurf durchsetzten, hatten sich
schon vorher eine Männer- und eine Frauen-Lesben-Gruppe gebildet. Als
dieser Vorfall auf dem Abschlussplenum dargestellt wurde, gab es keine
Nachfragen, was eine Moderatorin zu dem Schluss kommen ließ, das Camp
komme seinem Anspruch in anti-sexistischem Verhalten sehr nahe, auf
anderen Camps wäre so ein Rauswurf schließlich nicht so ohne weitere und
möglicherweise verletzende Nachfragen durchgegangen. Nur hatte sie dabei
übersehen, dass es im Plenum schon ein gesteigertes Interesse an den
Details gab, was auch die nach Plenumsende beginnende Diskussion in
Kleingruppen bewies. Was die Leute am Fragen hinderte war einzig die
Angst vor einem Fettnäpfchen und der folgenden Anpisse.
Was bleibt von Cottbus ist also die Einsicht, dass auch die
Crossover-Bewegung nach so hoffnungsvollen letzten zwölf Monaten immer
wieder in die eigenen Widersprüche verfällt. Das ist nicht verwunderlich
in einer Linken, die am Beispiel Israel deutlich macht, dass es oft
vielmehr um eigene Profilierung und Machterhalt geht als um die Analyse
und Überwindung von Machtverhältnissen. Zuversichtlich stimmt, dass es
in Cottbus tatsächlich Ansätze einer strömungsübergreifenden und
dekonstruktivistischen Praxis gibt, was die letztlich dann doch
durchgeführte Tanken-Besetzung in Cottbus beweist oder eine Aktion zum
Thema Geschlechternormierung, Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus und
Schönheitsideal, bei der in den Modekaufhäusern „Kleidungsstücke jeweils
von der einen in die andere Abteilung getragen wurden, um auf die
Normierung von Menschen durch geschlechtspezifische Kleidung aufmerksam
zu machen. Desweiteren haben sich die AktivistInnen entgegen der
herrschenden Geschlechts- und Kleiderordnung in den Geschäften umgezogen
und für einige Verwirrung gesorgt,“ wie es in der Pressemitteilung vom
Camp heißt.
Ob es eine Zukunft für Crossover gibt und wie diese aussieht, ist
zurzeit schwer zu sagen. Das Interesse vor allem von jungen Leuten hat
die conference in Bremen und mit Abstrichen auch das Camp gezeigt, dass
viele „politikerfahrene“ Alt-Linke das Thema noch immer als Kinderkram
abtun, allerdings auch.
do.di
summercamp.squat.net
www.xover.asncottbus.org
vom 3. bis 11. August in Cottbus das Crossover-Summercamp statt. Vom
strömungsübergreifenden Ansatz her sicher das am weitesten gehende der
unzähligen Politcamps dieses Sommers. Schließlich ist der Leitsatz der
Crossover-Bewegung, dass „all die verschiedenen gesellschaftlichen
Macht- und Herrschaftsverhältnisse untrennbar miteinander verknüpft sind
und sich wechselseitig durchdringen und oft stabilisieren.“ So stand es
im Aufruf für das Camp in Cottbus, so stand es im Aufruf für die
vorbereitende crossover-conference in Bremen (Januar 2002) und so war
und ist es auf Flyern, in Texten ... immer wieder zu lesen. Als Ziel
wird dabei formuliert, „zum Aufbau einer neuen Konstellation politischer
Strömungen beizutragen.“ Und das meint vor allem, dass neben den in den
drei etablierten Hauptströmungen Antirassismus, Antifaschismus und
Antikapitalismus auch antisexistische Positionen einen höheren
Stellenwert in linker Debatte und Praxis bekommen sollen, und zwar nicht
nur als Lippenbekenntnis. Denn: „Wir wollen ein Ende der Dominanz der
heterosexuellen Kultur in der radikalen Linken.“ Soweit der Anspruch.
Und was brachten die Tage in Cottbus? Der größte Erfolg ist wohl
banalerweise, dass das Camp überhaupt stattgefunden hat. Das ist
verglichen mit dem formulierten Eigenanspruch des Camps nicht viel, doch
in Zeiten, in denen Machismo und Mackergehabe in der Linken weiterhin
unreflektiert und unkritisiert durchgehen, ist das Stattfinden immerhin
mit „Immerhin“ zu bewerten.
Aber da sind wir schon bei der Kritik: Nach Cottbus dürfte klar sein,
dass das Konzept der vielen Sommercamps, bei dem sich jede/r den
Themenschwerpunkt und die Leute seiner/ihrer Wahl aussuchen kann,
gescheitert ist. Die Grenzcamps in Jena (250 Leute) und Hamburg ( ...)
sowie das Crossover-Camp in Cottbus (150) zeigen, dass es zwar schön
ist, mit 150–250 Leuten im Wesentlichen einer Meinung zu sein, der
geforderten und dringend nötigen Auseinandersetzung um Standpunkte dabei
aber locker aus dem Weg gegangen werden kann. Wurde nach heftiger
Auseinandersetzung auf dem Grenzcamp 2001 in Frankfurt und der
crossover-conference in Bremen mit mehr als 500 TeilnehmerInnen noch
klar die Fortsetzung der Debatte und Übertragung in eine politische
Praxis gefordert, konnte Cottbus diesem Anspruch nicht gerecht werden.
Dementsprechend harmonisch war die Woche in Cottbus. Nicht, dass ich
etwas gegen Harmonie hätte, für ein politisches Camp, das sich an der
Verknüpfung linker Themen wie z.B. Rassismus messen lassen will, war es
dann doch etwas zu ruhig. Und für eine Woche Sommerurlaub hätte sich
sicher ein lauschigeres Plätzchen gefunden. Ganz offensichtlich gab es
auf dem Camp keinen Konsens darüber, wie man/ frau gegen den
rassistischen Alltag vor Ort, zu dem im Übrigen ein Nazi-Überfall auf
einen Kubaner am Tag vor der Camperöffnung zählt, vorgehen kann. Zum
einen dauerte es fünf Tage, ehe sich überhaupt ein paar Leute
zusammenfanden, die eine Aktion gegen den Überfall planten. Da sich die
Faschos in Cottbus und Umgebung bevorzugt Tankstellen als Treffpunkt
suchen und auch der Überfall auf den Kubaner an einer solchen geschah,
war der Aktionsort relativ bald klar. Mit welchen Ansprüchen Leute nach
Cottbus gereist waren, zeigte sich dann aber auf einem
sieben(!)stündigen Plenum. Da die Mehrheit der TeilnehmerInnen scheinbar
in relativ nazi-freien Gegenden wohnt und sich scheinbar auch nicht im
Klaren darüber war, dass linke Präsenz in Cottbus auch heißen muss, sich
mit den Menschen zu solidarisieren, die jede Woche in Gegenden wie
diesen angegriffen werden, war eine wesentliche Devise, die Nazis auf
keinen Fall zu provozieren und sich mit der Bullerei gut zu stellen.
Schließlich sei es wichtiger, einem Angriff auf das Camp zu entkommen.
Wahrscheinlich haben viele erstmals gemerkt, was es heißt, als
Migrant/Linker/Homosexueller usw. täglich in sogenannten "National
befreiten Zonen" zu leben Ein ziemlich zynisches Verhalten, schließlich
haben die Opfer rassistischer Gewalt meist nicht diese Wahl.
Als dann aber doch die wichtigsten Facts der Aktion an der Nazi-Tanke
ausgetauscht wurden, sich eine Mehrheit auf dem Plenum dafür begeistern
ließ und der Rest zumindest nicht dagegen stimmen wollte, machte ein
Veto das Chaos perfekt. Offensichtlich hatte sich niemand auf dem Plenum
mit der Konsequenz eines Vetos auseinandergesetzt und die ModeratorInnen
nur danach gefragt „weil das halt so üblich ist.“ Obwohl nach immerhin
jetzt schon vierstündigem Plenum die Stimmung immer gereizter wurde und
viele sauer waren, versicherten sich alle, dass ein Veto ein Veto ist
und die Aktion keinesfalls an dem vorgesehenen Tag (an dem auch das
Plenum war) stattfinden darf. Über das offensichtliche Machtinstrument
„Veto“ und dem Einfluss einer Person über die Interessen des gesamten
Camps wurde nicht diskutiert.
Allerdings zeigte schon derselbe Abend, wie ernst das Camp die auf dem
eigenen Plenum verabschiedeten Beschlüsse nahm. Auf eine Anfrage der
Antifa aus dem 30 Kilometer entfernten Guben nach einer
Tankstellenbesetzung, dem Treffpunkt der örtlichen Nazis, folgten genau
die 70 Leute, die sich zuvor auf dem Plenum für eine Tanken-Aktion in
Cottbus ausgesprochen hatten. Schließlich hatte es auf dem Plenum ja
nicht explizit ein Veto gegen eine Aktion in Guben gegeben. So schnell
kann man/ frau die eigenen Entscheidungsstrukturen umgehen und damit der
Lächerlichkeit preisgeben. Letztlich war die Aktion in Guben aber als
Ventil für das Klima auf dem Camp wichtig, zu viel Frust hatte sich
zuvor angesammelt und es ist schon erstaunlich, wie schnell sich durch
ein halbwegs erfolgreiches gemeinsames Auftreten das
Zusammengehörigkeitsgefühl wieder kitten lässt.
Und die Aktion war wichtig für den Umgang mit der Bullerei: Kamen diese
bis dato jeden Morgen überfreundlich auf das Camp und wollten sogar mit
einem Zivi-Wagen über das Camp fahren, um „den Leuten hier ein Gefühl
von Sicherheit zu geben“, waren an dem Tag nach Guben klar, dass sich
auf der Wiese am Rand von Cottbus kein Pfandfinderlager mit Hippies
befindet, sondern dass es um die Vermittlung von Inhalten geht, was
natürlich eine Kritik an der gesellschaftlichen Exekutive einschließt.
Schlimm nur, dass das erst am drittletzten Tag gelang, wie überhaupt zu
konstatieren ist, dass die Mehrheit der CampbesucherInnen erstaunlich
unerfahren und ängstlich im Umgang mit der Bullerei war. So reichte die
Vermutung, dass sich nach 15 Minuten Aktion in Guben die Cottbusser
Bullerei auf die Beine macht, um Hals über Kopf abzuhauen und Gubener
Antifa-Kids zurückzulassen, denen klar war, dass sie noch am selben
Abend Prügel zu erwarten hatten. Der Anteil von 75 % weiblich
konstruierten Menschen kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden.
Vielmehr war der Umgang mit der Bullerei auf dem Camp lange Zeit kein
Thema und so wurde auch nicht darüber nachgedacht, wie die Vermittlung
von antirepressivem Verhalten in einem Workshop o.ä. aussehen kann.
Doch das Camp war nicht nur zum Meckern, wie das bisher Geschriebene
auch nicht verstanden werden soll. Schließlich ging es ja den
VorbereiterInnen um Selbstreflexion und das Aufbrechen von
Geschlechterkonstruktionen. Und das bisher Beschriebene zeigt ja nur,
dass selbst die dekonstruktivistischen Teile der linken immer wieder in
Rollenverhalten verfallen und sich Strukturen bedienen, die sie
eigentlich abschaffen wollen. So könnte auch das Auftreten von so etwas
wie „positivem Sexismus“ interpretiert werden. Dieser Begriff ist dem
des „positiven Rassismus“ angelehnt, wonach Menschen in bestimmte
Verhaltensmuster gedrängt werden, die angeblich kulturell begründet und
für positiv erachtet werden, wie der Döner-Türke oder der gut kochende
Chinese. In der Linken führte das vor allem in antirassistischen Kreisen
dazu, dass nicht mehr zwischen „Arschloch“ und „Nicht-Arschloch“
unterschieden wurde, sondern die Bewertung von Verhalten mit der
Hautfarbe zwischen gut und schlecht variierte. Ich weiß nicht, ob man
diese Begrifflichkeit auf Sexismus und sexualisiertes Verhalten
übertragen kann, finde aber schon, dass Verhalten nicht-hetero-sexueller
Menschen ebenso kritisiert gehört wie das von Heteros oder –as. Und wenn
es auf dem Camp um den Abbau von Dominanzstrukturen gehen soll, muss es
auch um diese Strukturen in sexuellen oder sonstigen Beziehungen gehen.
Nur gibt es scheinbar den Konsens, gleichgeschlechtliche Paare deswegen
nicht zu kritisieren, während ohne Zweifel (und völlig richtig) ein Mann
vom Camp fliegt, der sich seiner Freundin gegenüber ähnlich dominant
verhält wie es vor allem bei Lesben-Paaren zu beobachten war. Da klaffen
Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander.
Dass solches Verhalten nicht öffentlich diskutiert wurde, lag u.a. auch
an der wiederholten Selbstbestätigung, wie harmonisch das Camp doch sei
und an einer Art selbstauferlegtem Tabu, die Harmonie nicht zu brechen.
Dabei geht es gar nicht darum, das Definitionsrecht der Frau von
sexistischem Verhalten und alle damit verbundenen Rechte zur Überwindung
patriarchaler Strukturen in Frage zu stellen. Über die Notwendigkeit
dieser Rechte dürfte in emanzipativen Kreisen ohnehin keine Diskussion
bestehen. Nur geht die Umsetzung an der Sache vorbei, wenn dieses Recht
in einem Klima der Unsicherheit und Angst durchgesetzt wird. Ein
Beispiel: Am vorletzten Camptag wurde ein Mann kurz nach seiner Anreise
wegen eines sexistischen Übergriffes aus der Vergangenheit vom Camp
geworfen. Als Gremien, die diesen Rauswurf durchsetzten, hatten sich
schon vorher eine Männer- und eine Frauen-Lesben-Gruppe gebildet. Als
dieser Vorfall auf dem Abschlussplenum dargestellt wurde, gab es keine
Nachfragen, was eine Moderatorin zu dem Schluss kommen ließ, das Camp
komme seinem Anspruch in anti-sexistischem Verhalten sehr nahe, auf
anderen Camps wäre so ein Rauswurf schließlich nicht so ohne weitere und
möglicherweise verletzende Nachfragen durchgegangen. Nur hatte sie dabei
übersehen, dass es im Plenum schon ein gesteigertes Interesse an den
Details gab, was auch die nach Plenumsende beginnende Diskussion in
Kleingruppen bewies. Was die Leute am Fragen hinderte war einzig die
Angst vor einem Fettnäpfchen und der folgenden Anpisse.
Was bleibt von Cottbus ist also die Einsicht, dass auch die
Crossover-Bewegung nach so hoffnungsvollen letzten zwölf Monaten immer
wieder in die eigenen Widersprüche verfällt. Das ist nicht verwunderlich
in einer Linken, die am Beispiel Israel deutlich macht, dass es oft
vielmehr um eigene Profilierung und Machterhalt geht als um die Analyse
und Überwindung von Machtverhältnissen. Zuversichtlich stimmt, dass es
in Cottbus tatsächlich Ansätze einer strömungsübergreifenden und
dekonstruktivistischen Praxis gibt, was die letztlich dann doch
durchgeführte Tanken-Besetzung in Cottbus beweist oder eine Aktion zum
Thema Geschlechternormierung, Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexismus und
Schönheitsideal, bei der in den Modekaufhäusern „Kleidungsstücke jeweils
von der einen in die andere Abteilung getragen wurden, um auf die
Normierung von Menschen durch geschlechtspezifische Kleidung aufmerksam
zu machen. Desweiteren haben sich die AktivistInnen entgegen der
herrschenden Geschlechts- und Kleiderordnung in den Geschäften umgezogen
und für einige Verwirrung gesorgt,“ wie es in der Pressemitteilung vom
Camp heißt.
Ob es eine Zukunft für Crossover gibt und wie diese aussieht, ist
zurzeit schwer zu sagen. Das Interesse vor allem von jungen Leuten hat
die conference in Bremen und mit Abstrichen auch das Camp gezeigt, dass
viele „politikerfahrene“ Alt-Linke das Thema noch immer als Kinderkram
abtun, allerdings auch.
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Ergänzungen
ergänzung
was ich in dem obigen text allerdings schon vermisse ist der verweis darauf/die auseinandersetzung damit, daß "all die verschiedenen gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse" doch sehr traditionell und begrenzt benannt werden ["Hauptströmungen Antirassismus, Antifaschismus und Antikapitalismus [als] auch antisexistische Positionen"].
dies wäre ein punkt, den ich erweiterungsbedürftig finde und wo es an der konkreten umsetzung mangelt.
o weia
was soll das?
konstruierten Menschen kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden."
soll das heissen dass für gewöhnlich frauen als erstes die beine in die hand nehmen und die männlichen "helden" stehen lassen wenn´s stress gibt? so´ne aussage in einem text zum crossovercamp erscheint mir sehr bedenklich...
Kritik
Selber thematisieren
...
und der typ der geflogen ist hat wahrscheinlıch mal im stehen gepisst...
I feel sorry somehow
nimmst du nicht wahr,das sie sogar besser kochen können,die Chinesen und die Türken .Was haben wir denn schon zu bieten ? Kartoffelbrot. Gebackenen Camenbert ? Milchreis.Wächst hier Zimt ?
Und wenn du mir jetzt kulturalistische Argumentation vorwirfst,dann überleg mal,wie sie die Deutschen im ausland wahrnehmen. Die Bratwurstdeutschen.Als Ausländer reichts nicht oft für mehr als ne Imbissbude.Es sei denn ,du bist n Altnazi odern Waffenhändler.Oder die Lufthansa.Bill Gates.Ich wollte dich nicht belästigen.